"Hairspray"-Remake Sprühender Witz

Wie man die Verhältnisse zum Tanzen bringt, das zeigte Regisseur John Waters der Welt 1988 mit seiner quietschbunten Komödie "Hairspray". Die hochglanzpolierte Neuverfilmung wuchert mit Starbesetzung - und bezaubert durch die fröhliche Beschwörung eines anderen Amerikas.

Filmmusicals sind ein heikles Vergnügen, denn der Grat zwischen Grauen und Genuss ist besonders schmal. Wenn also auf der Leinwand unvermittelt gesungen und getanzt wird, kann einem je nach Qualität des Dargebotenen entweder der Kopf dröhnen oder aber das Herz aufgehen. Letzteres geschieht bei "Hairspray" schon in den ersten Minuten: Da schmettert die pummelige Teenagerin Tracy Turnblad (Nikki Blonsky) auf dem Weg zur Schule ihrer ausgesucht hässlichen Heimatstadt ein derart euphorisches "Good Morning Baltimore" entgegen, dass selbst ausgewiesene Kulturpessimisten im Chor mitsummen. Und wenn sie am Ende des Songs auf dem Dach eines fahrenden Müllautos die Umarmung der Welt probt, dann weiß man sich im richtigen Film.

Mit dieser Eröffnungsnummer gibt Regisseur und Choreograph Adam Shankman den Ton vor für die nunmehr dritte Auflage des Popmärchens um Tracy und ihre quietschbunte Sixties-Revolte. Dabei ist die Genese des Stoffs ebenfalls eine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte: Vor fast zwanzig Jahren brachte John Waters, der distinguierte Gentleman des Trashs, sein Ur-"Hairspray" auf den Markt. Waters, seit den unvergesslichen Geschmacksattacken "Pink Flamingos" (1972) und "Female Trouble" (1974) eine feste Größe des Undergroundkinos, überraschte dabei mit einer hochtourigen Komödie, die Kritik und Publikum gleichermaßen begeisterte.

Für den charmanten Schnurrbartträger und Filmemacher begann so eine Liebesaffäre mit dem Mainstream. "Hairspray" selbst kam im Jahr 2002 als Musical an den Broadway, entwickelte sich zum sensationellen Kassenschlager und gewann aus dem Stand acht Tonys. So lässt sich die neue Kinoadaption denn auch am ehesten als Synthese aus Originalfilm und Bühnenfassung begreifen.

Hochpoliert und starbesetzt kommt diese bonbonfarbene Neuauflage daher, die mit John Travolta, Michelle Pfeiffer, Christopher Walken und Queen Latifah wuchern kann. Die simple, aber effektive Erzählung ist indes dieselbe geblieben: Es ist das Jahr 1962, und Tracy Turnblad lebt mit ihrer imposant gebauten Mutter Edna (Travolta) sowie Vater Wilbur (Walken) im Arbeiterviertel Baltimores. Tracy träumt von einem Auftritt als Tänzerin in der "Corny Collins Show", die im Lokalfernsehen für Furore sorgt und in der ihr heimlicher Schulschwarm Link Larkin (Zac Efron) der Star ist.

Rassentrennung in Pastell

Tatsächlich wird Tracy wider Erwarten nach einem improvisierten Auftritt gecastet – sehr zum Ärger der Produzentin Velma Von Tussle (Pfeiffer). Sie will allerdings nicht nur das proletarische Pummelchen loswerden, sondern auch die jungen Afro-Amerikaner um den begnadeten Tänzer Seaweed (Elijah Kelley). Die dürfen ohnehin nur am von Motormouth Maybelle (Queen Latifah) moderierten "Negro Day" in der Show auftreten, denn trotz der pastellfarbenen Pracht im Studio wird im TV-Programm die Rassentrennung fortgesetzt.

Doch gemeinsam mit ihrer schüchternen Freundin Penny (Amanda Bynes), die sich prompt in Seaweed verliebt, bricht Tracy die sozialen Tabus, kämpft für die Gleichberechtigung auf und neben der Tanzfläche und beweist, dass sie einen unabhängigen Kopf unter ihrer Turmfrisur versteckt.

Während Waters' im ursprünglichen "Hairspray" die Botschaft von Emanzipation und Toleranz noch mit subversiven Travestien versetzte, vertraut Shankmans Film auf schnelles Tempo, unbekümmerten Witz und eindeutige Gefühlsappelle. Die kommen natürlich in Form der großartigen Songs von Marc Shaiman, der zusammen mit Scott Witmann auch die Texte verfasste. Die Kompositionen klingen im Kino ebenso frisch wie auf der Bühne, und Nummern wie "I Can Hear The Bells" oder "You Can't Stop The Beat" sind veritable Hits.

Newcomerin Nikki Blonsky ist dabei eine würdige und stimmgewaltige Nachfolgerin von Ricki Lake, die einst als Tracy Turnblad zum Star wurde. Das könnte neben Blonsky auch Elijah Kelley passieren, der in der Rolle des Seaweed beeindruckendes Talent offenbart.

Die Verhältnisse zum Tanzen bringen

Michelle Pfeiffer wiederum hat offensichtlich Spaß daran, sich als Velma Van Tussle an dem absurd-verruchten Schmachtfetzen "Miss Baltimore Crabs" zu versuchen und dabei das eigene Image aus "Die fabelhaften Baker Boys" zu persiflieren.

Etwas blass bleibt dagegen John Travolta als mütterliche Drag Queen in den übergroßen Fußstapfen der wahrhaft göttlichen und 1988 leider verstorbenen Waters-Muse Divine alias Harris Glen Milstead. Überhaupt bleibt Waters' eklektisches Ensemble trotz dem neuen Staraufgebot unerreichbar hip, lockte sein Film damals doch so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Debbie Harry oder Sonny Bono vor dieselbe Kamera. Immerhin entschädigt Travoltas romantisches Duett mit dem wie immer souveränen Christopher Walken für fehlende popkulturelle Credibility.

Ohnehin bezaubert "Hairspray" im Jahr 2007 weniger durch cooles Insidertum denn durch die fröhliche Beschwörung eines anderen Amerikas: Als Kennedy noch am Leben war und Jackies Haare die Frauen zum Friseur rennen ließen; als das Land sich unschuldig fühlte und die demokratische Zukunft in allerschönsten Farbe ausmalte. Und als man glaubte, die Welt verbessern zu können, indem man die Verhältnisse zum Tanzen bringt.

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