Komödie über Islam und Sexualität "Der Krieg im Schlafzimmer ist schon genug"

Das seltsame Verhalten geschlechtsreifer Muslime zur Paarungszeit: Der libanesische Regisseur Assad Fouladkar zeigt in der Komödie "Liebe Halal", welche erotischen Schlupflöcher der Islam birgt. Im Interview spricht er über Sex, Tabus und religiöse Gefühle.

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 Assad Fouladkar wuchs im Libanon auf, später studierte er Regie in Boston und arbeitete unter anderem als Moderator und Kritiker. Fouladkar führte über acht Staffeln Regie bei der ägyptischen Sitcom "A Man and Six Ladies" und drehte das Ehedrama "When Maryam Spoke Out". Er lebt derzeit in Beirut.
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Assad Fouladkar wuchs im Libanon auf, später studierte er Regie in Boston und arbeitete unter anderem als Moderator und Kritiker. Fouladkar führte über acht Staffeln Regie bei der ägyptischen Sitcom "A Man and Six Ladies" und drehte das Ehedrama "When Maryam Spoke Out". Er lebt derzeit in Beirut.

SPIEGEL ONLINE: Herr Fouladkar, in Ihrer Komödie "Liebe Halal" schwärmt eine Muslima gegenüber anderen Frauen ausführlich von der Potenz ihres Mannes. Entsprechen solche Gespräche der Lebensrealität im Libanon?

Assad Fouladkar: Ich weiß, das passt nicht zum Stereotyp vom verklemmten, hochkonservativen Islam, das derzeit im Westen dominiert. Aber klar, solche offenen Gespräche gibt es. Der Film basiert stark auf Erinnerungen an meine Kindheit. Als kleiner Junge lernst du viel über Weiblichkeit im Islam, weil du noch nicht als Mann wahrgenommen wirst und deshalb überall dabei sein kannst. Damals merkte ich, dass stark gläubige Frauen in islamischen Gesellschaften häufig zwei Persönlichkeiten zeigen: In der Öffentlichkeit sind sie verschleiert, halten sich zurück, wenn sie mit Männern sprechen. Wenn sie sich aber daheim mit ihren Freundinnen und Vertrauten treffen, sprechen sie plötzlich völlig offen über Sexualität, über das Eheleben. Mich faszinierte das.

SPIEGEL ONLINE: Das war in Ihrer Kindheit. Und heute?

Fouladkar: Der Libanon gehört zu den liberalsten Ländern im arabischen Raum, wir sind multikulturell, weil Christen und Muslime hier zusammenleben, haben sogar eine kleine LGBT-Bewegung. Es gibt heute immer mehr moderne Frauen, die arbeiten, die sich einmischen - und für die diese Grenze zwischen öffentlichem und privatem Raum verwischt. Aber für konservative Frauen existiert diese Zweiteilung des Lebens noch immer genau so - im privaten Raum sind sie frei, haben sie die Macht. Und das gilt für andere arabische Länder ganz ähnlich, selbst wenn dort religiöse Regeln noch strenger befolgt werden. Es gibt ein arabisches Sprichwort, das sagt: "Wenn du willst, dass jemand etwas macht, musst du seine Frau beeinflussen."

SPIEGEL ONLINE Aber machen tut es dann eben doch der Mann.

Fouladkar: Das mag stimmen - ich sage auch nicht, dass wir aufhören müssen, für mehr Frauenrechte zu kämpfen. Das libanesische Recht benachteiligt Frauen etwa noch immer stark, ein Beispiel: Wenn ein Mann seine Frau beim Ehebruch ertappt, kann er sie umbringen und kommt dafür nur zwei Jahre ins Gefängnis. Sie würde bei dieser Tat mit dem Tod bestraft.

SPIEGEL ONLINE: Gerade vor so einem ernsten Hintergrund: Ist es nicht eine Verharmlosung, wenn Sie das Thema über eine Komödie erzählen?

Fouladkar: Überhaupt nicht. Gute Komödien haben den Vorteil, dass sie viel über eine Kultur und ihre Schwachstellen erzählen können, ohne zu beleidigen. Wer mit Leuten lacht, lässt sich viel schneller auf sie ein - das ist ein universelles Gesetz. Wenn ich etwas über die deutsche Kultur lernen will, ist es auch schlau, erstmal eine Komödie zu schauen - etwas, das ich im Übrigen jedem Flüchtling empfehle, der derzeit nach Deutschland kommt. Aber ich muss zugeben: Auch ich wollte zu Beginn ein Drama schreiben, weil es so nahelag. Bis ich dann aber bei der Arbeit merkte, dass das nicht funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Fouladkar: Die Frauen wurden im Skript schnell wieder die Unterdrückten, die Opfer. Das ist in gewisser Weise auch eine sehr islamisch-konservative Perspektive, weil eben doch am Ende die Männer die Macht haben. Es wäre nichts Neues gewesen. Aber wenn ich zeige, dass Frauen machtvoll sind, selbst da, wo Terrorregimes ihnen verbieten wollen, zur Schule zu gehen und zu studieren - dann ist das anders. Ich wollte zeigen, dass das Leben eben nie so eindeutig stattfindet. Du kannst die Religion nicht einfach ändern, aber du musst trotzdem deinen Weg finden innerhalb einer Gesellschaft. Die Frauen kennen die Scharia, sie kennen aber auch ihre Schlupflöcher - und sie wissen, wie die eigenen Bedürfnisse mit der Religion in Einklang bringen können: In "Liebe Halal" zwingt eine Frau ihren Mann, sich eine Zweitfrau zu nehmen, um sich selbst von ehelichen Pflichten zu entlasten. Er sagt: "Ich bin verheiratet und will keine Zweitfrau." Sie: "Ich will aber eine." Und sie bekommt sie.

SPIEGEL ONLINE: Haben sie auch Angst, religiöse Gefühle mit "Liebe Halal" zu verletzen - etwa, weil sie Ehebruch explizit darstellen?

Fouladkar: Der Film ist gerade erst angelaufen - bislang sind die Kritiken ausschließlich positiv. Mir war bewusst, dass ich ein heikles Thema behandele, wenn in meinem Film Menschen über Sex sprechen, es um Ehebruch und Eifersucht geht. Deshalb testete ich das Skript auch vorher vor einem Publikum, um zu sehen, was passiert - ob Menschen sich aufregen, ob sie diskutieren.

SPIEGEL ONLINE: Und? Haben Sie danach etwas gestrichen?

Fouladkar: Habe ich, aber vor allem Sprachwitz, der im Deutschen verloren geht - an ein paar Stellen ließ ich die Frauen sehr vulgär sprechen, etwa über den Penis eines Ehemanns. Es war schon lustiger, aber im derben Sinne. Ich entschärfte es, jetzt ist das Lachen des Publikums an dieser Stelle leiser. Aber ich habe das Gefühl, dass es vielleicht gerade deshalb auch eher zum Nachdenken anregt.

SPIEGEL ONLINE: Welche neuen Gedanken wollen Sie denn speziell beim deutschen Publikum anregen?

Fouladkar: Das klingt jetzt ein bisschen pathetisch, aber: dass es sich fragt, ob die Bedürfnisse, die jeder Mensch nach Nähe und Glück abseits seiner Religion hat, nicht weltweit ähnliche sind. Weil alle Menschen leben und lieben wollen. Und der Krieg im Schlafzimmer - der ist doch schon genug, oder?

Sehen Sie hier den Trailer zu "Liebe Halal":

Kurzkritik "Liebe Halal"
  • Neue Visionen
    Mokthar hat seine Eifersucht nicht unter Kontrolle. Awatef hat keine Lust mehr auf Sex. Und die geschiedene Loubna will mit ihrer Jugendliebe zusammen sein. Die drei Episoden von "Liebe Halal" klingen nach dem Plot jeder Beziehungskomödie. Aber im islamischen Libanon soll Religion die Gefühle regeln. Verstößt ein Mann seine Frau drei Mal, muss diese neu heiraten, bevor sie zu ihm zurückkehren kann, eine alleinstehende Frau ist ein Skandal. Der Film lotet die Schlupflöcher für Frauen in diesem Alltag komödiantisch aus: So ist es etwa nicht der Ehemann, der sich eine Zweitfrau sucht, sondern die liebessatte Awatef: "Sie kann einspringen, wenn ich müde bin." Dabei liegen Humor und Ernst immer nah beieinander: Die bitteren Konsequenzen von Mokthars Eifersucht muss seine Frau tragen. Dass "Liebe Halal" solche Nöte nicht ausspart, seine Protagonistinnen aber nicht als Opfer, sondern als Gestalterinnen porträtiert - darin liegt die Qualität dieses Films. eth
"Liebe Halal"

    Originaltitel: Halal Love

    Deutschland, Libanon 2015

    Drehbuch und Regie: Assad Fouladkar

    Darsteller: Darine Hamze, Rodrigue Sleiman, Mirna Moukarzel, Berlin Badr, Ali Sammoury, Hussein Mokaddem

    Produktion: Razor Film Produktion, ZDF/Das kleine Fernsehspiel

    Verleih: Neue Visionen

    Länge: 95 Minuten

    FSK: ab 6 Jahren

    Start: 7. Juli 2016

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