Handy-Filmerin Charlotte Roche "Es hat mich kirre gemacht!"

Charlotte Roche hat zwar keine Ahnung von Handys, ist aber trotzdem in der Jury des Mobile Film Festivals. Wie sie mit der Verantwortung fertig wird und welches Schicksal heimliche Paparazzi erwartet, verriet sie SPIEGEL ONLINE.


SPIEGEL ONLINE: Welchen Prominenten haben Sie zuletzt mit Ihrem Handy abgelichtet?

Beinahe-Handy-Expertin Roche: Totale Scheiße, total geil
Getty Images

Beinahe-Handy-Expertin Roche: Totale Scheiße, total geil

Charlotte Roche: Ich habe noch nie einen Promi mit dem Handy fotografiert. Das tut mir jetzt auch richtig leid, ich würde ja gerne etwas Tolles antworten ... Bono. Ich lüge jetzt einfach mal: Bono.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben nicht einmal bei der Berlinale Bilder gemacht? Da haben Sie als Moderatorin doch alle Stars getroffen.

Roche: Ich bin technisch so hinterher, dass ich mein Fotohandy nicht zum Fotografieren benutze. Ich benutze mein Handy nur zum Telefonieren.

SPIEGEL ONLINE: Was denken Sie über Handy-Paparazzi?

Roche: Diese Leser-Reporter der "Bild"-Zeitung? Das ist natürlich das Allerletzte! Diese Menschen werden alle in der Hölle schmoren!

SPIEGEL ONLINE: Profi-Paparazzi haben angeblich Angst, dass ihnen die Hobby-Knipser ihre Arbeitsplätze wegnehmen.

Roche: Das könnte natürlich sein. Denn ein normaler Mensch, ohne Riesenteleobjektiv, kommt in einem Hotel oder bei anderen Anlässen näher ran an die Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie manchmal von Handy-Fotografen belagert?

Roche: Nein, ich glaube, ich bin nicht berühmt und "Bild"-Zeitungs-Star genug. Sie könnten diese Bilder gar nicht benutzen. Da bin ich auch sehr, sehr froh darüber, dass mich nicht ständig irgendwelche Vollnatzen mit dem Handy fotografieren. Uhhh.

SPIEGEL ONLINE: Und für das Mobile Film Festival haben Sie jetzt Ihren ersten Handyfilm gedreht?

Roche: Ja, das war mein erstes Mal. Und es hat mich wahnsinnig gemacht. Jedes Jurymitglied hat von dem Sponsoren ein Handy geschenkt bekommen. Mich hat das kirre gemacht, eine neue Bedienungsanleitung zu lernen. Deshalb dachte ich: Dieses Ding nervt mich so - ich drehe einfach einen Film mit einem fremden Handy darüber, wie ich dieses Handy verschenke.

SPIEGEL ONLINE: Das Handy-Display ist sehr klein, die Kamera ist sehr lichtempfindlich: Eigentlich ist der Handyfilm eine eigene Kunstdisziplin.

Roche: Das habe ich dann auch gemerkt. Der Ton bei meinem Film ist sehr schlecht, weil im Hintergrund eine Schule war. Da liefen die ganze Zeit Schüler raus und haben geschrieen und mir meinen ganzen Handyfilm vollgebrüllt. Das mache ich beim nächsten Mal nicht – ich habe also schon viel dazu gelernt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben bereits als Moderatorin, Musikerin und Schauspielerin gearbeitet – würde es Sie reizen, Regie zu führen?

Roche: Ich könnte mir vorstellen, es zu lernen. Aber ich habe weder ein Drehbuch im Kopf, noch etwas geplant. Aber ich glaube schon, dass es Spaß macht, Schauspielern zu sagen, was sie machen sollen.

SPIEGEL ONLINE: Als Jurorin haben Sie ja auch einiges zu sagen.

Roche: Ich war davor noch nie in einer Jury und sage solche Dinge eigentlich auch immer ab. Aber diesmal dachte ich, das klingt sehr gut, auch ohne das ich jetzt selber Handyfilme mache. Für Kinofilme gibt es auch Jurymitglieder, die Filme bewerten, ganz subjektiv – ohne das sie selbst einen Kinofilm drehen könnten. Ich kann trotzdem wissen, was ich gut finde.

SPIEGEL ONLINE: Auf was werden Sie als Jurymitglied besonders achten?

Roche: Auf jeden Fall kann ich mich sehr darauf verlassen, dass ich eine starke Meinung habe. Innerhalb von Sekunden entscheide ich: Das ist totale Scheiße und das hier ist total geil! Und manchmal weiß ich überhaupt nicht, warum. Aber danach muss man seine Entscheidung dann erklären und darüber nachdenken – auf diese Bewertungen freue ich mich sehr.

SPIEGEL ONLINE: Handy, Internet und Portale wie YouTube - überbewertete Zeitgeistphänomene oder Formate der Zukunft?

Roche: Ich glaube, dass es eine massive Veränderung gibt. Aber ich werde jetzt 29 und fühle mich schon zu alt dafür. Das ist an mir völlig vorbei gegangen. Wenn ich die Wahl zwischen einem Handy mit oder ohne Kamera hätte, würde ich das Handy ohne Kamera nehmen. Aber für Jugendliche – das ist ja im Gegensatz zu mir schon eine ganz andere technische Generation – werden Handyfilme ein Riesending! Und früher hat man Regisseure, die auf Digitalkamera drehten, auch alle ausgelacht. Dieses Wackeln, dieses komische Licht, alles in Echt und Hässlich – das ist jetzt große Kunst. Das kann mit dem Handyfilm auch passieren.

Das Interview führte Alain Bieber



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.