Kinoporträt "Hannah Arendt" Sie liegt, sie qualmt, sie denkt

Ihr Wort von der "Banalität des Bösen" schien Nazi-Täter zu verharmlosen, zugleich kritisierte sie Juden für ihre Rolle im Holocaust. Hannah Arendt löste damit eine heftige Debatte aus. Im Film von Margarete von Trotta spielt eine atemberaubende Barbara Sukowa die große Denkerin.
Von Jörg Schöning
Kinoporträt "Hannah Arendt": Sie liegt, sie qualmt, sie denkt

Kinoporträt "Hannah Arendt": Sie liegt, sie qualmt, sie denkt

Foto: Heimatfilm

"Er folgte Rosa Luxemburg bis zum Ende", heißt es in den frühen sechziger Jahren beim Small Talk auf einer Party in einem schicken New Yorker Apartment über einen der dort Anwesenden. Und da trifft es sich sehr gut, dass Rosa Luxemburg sozusagen leibhaftig das Zimmer betritt - ja mehr noch, in dem entspannten Zirkel befreundeter Denker und Dichter sogar die Gastgeberin ist!

Denn Margarethe von Trotta hat die Titelrolle ihres Films über Hannah Arendt (1906-1975) mit Barbara Sukowa besetzt - und damit auf die denkbar beste Weise. Vor gut 25 Jahren hat Barbara Sukowa unter von Trottas Regie bereits Rosa Luxemburg gespielt. Und die Kontinuität dieses Castings unterstreicht eine geistige Kongruenz, handelt es sich bei den zwei Frauen doch um die für Deutschland bedeutendsten politischen Theoretikerinnen nicht nur des vergangenen Jahrhunderts.

Die Ausführungen beider zum Sozialismus beziehungsweise Totalitarismus wurden von den beiden deutschen Staaten während des Kalten Krieges als intellektuelles Rüstzeug in Anspruch genommen. Sätze der beiden - Luxemburgs "Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden" und Arendts berühmtes Zitat von der "Banalität des Bösen" - sind zu populären Redewendungen geworden, die das politische Selbstverständnis der Bundesrepublik und ihre Perspektive auf die Vergangenheit prägnant zum Ausdruck bringen.

Denken und Rauchen gehören zusammen

Barbara Sukowa, die selbst seit vielen Jahren in New York lebt, stellt Hannah Arendt als die strenge Diskutantin dar, als die man sie in legendären Fernseh- oder Radiosendungen (mit Günter Gaus und Joachim Fest beispielsweise) erleben kann. Sie verleiht ihr in unbekümmerteren Szenen aber auch genau jene spezifische New Yorker flippancy, "Leichtherzigkeit", die Arendts Kritiker Gershom Scholem ihr in einem Brief zum Vorwurf machte. Dabei verkörpert Sukowa das Denken Hannah Arendts geradezu atemberaubend - und das nicht etwa deshalb, weil sie sich eine Zigarette nach der anderen ansteckt.

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"Hannah Arendt": Filmische Annährung an eine Vordenkerin

Foto: Heimatfilm

Denn "Hannah Arendt" ist auch ein sehr schöner Film über das Verfertigen der Gedanken beim Rauchen geworden. Die Denkerin auf dem Diwan ausgestreckt zu sehen, wie sie Rauchwolken produziert, ist nicht nur ein visueller, sondern auch ein intellektueller Genuss. Wenn sie bei Diskussionen oder als Dozentin die Zigarette wie ein Panier vor sich herführt, leuchtet einem unmittelbar ein, dass der Niedergang der Universitäten mit der Marginalisierung der Raucher in den Seminaren (und dem Triumph der Stricknadeln) einhergegangen sein muss.

Von Anfang an besitzt der Film einen Debattenton, der seinem Gegenstand sehr angemessen ist. Denn anders als der Titel vermuten lässt, ist "Hannah Arendt" kein Biopic. Der Film beschränkt sich im Wesentlichen auf einen kurzen Lebensabschnitt von etwa fünf Jahren. Er reicht von der Verhaftung des NS-Verbrechers Adolf Eichmann, des Verantwortlichen für die reibungslose Deportation der europäischen Juden in die Vernichtungslager des Ostens, der 1960 in Buenos Aires festgenommen und 1961 in Israel vor Gericht gestellt wurde, bis zum Erscheinen von "Eichmann in Jerusalem": jenes Buches von Hannah Arendt, das 1963 auf Englisch erschien und in den Folgejahren eine heftige Kontroverse hervorrief.

Ihre Thesen werden zum "Talk of the Town"

Die Cocktailparty als das geistige "Biotop" Hannah Arendts darzustellen, erweist sich als vorzügliche Basis dafür, deren Background auf die Bühne zu bringen. Schließlich entstand das berühmte Buch aus einer Artikelserie für das metropolitane Szeneblatt "The New Yorker". Seine Autorin und ihre Darstellung der Vernichtung der europäischen Juden waren damals tatsächlich "Talk of the Town". Dabei drehten sich ihr "Bericht von der Banalität des Bösen" und die darauffolgende Kontroverse um "zwei Zentren", wie Gershom Scholem es zusammenfasste: "Eichmann und dessen Verantwortung" sowie "die Juden und ihre Haltung in der Katastrophe". Zum einen warf man ihr vor, Eichmann zu verharmlosen, indem sie ihn entdämonisierte. Zum anderen wurde ihr unterstellt, die Judenräte aufgrund deren vermeintlich passiven oder kooperativen Verhaltens für den Genozid mitverantwortlich machen zu wollen.

Hannah Arendts Analyse der Täter im Nazi-Apparat ist heute weithin akzeptiert; die Diskussion über ihre Bewertung der Judenräte hält bis heute an. Claude Lanzmann, dessen Filmprojekt "Shoah" (1985) die Mechanik des Holocaust noch sehr viel radikaler offenbarte, als der Prozess und Arendts Buch es konnten, attestierte ihr noch 2009 in seinen Memoiren "Der patagonische Hase" ein "Fehlen von Mitgefühl, eine Arroganz und Verständnislosigkeit für die Situation".

Sich zu verteidigen, hat Hannah Arendt niemals für nötig befunden. Zu verstehen und sich verständlich zu machen, durchaus. Diesen Lebensantrieb hat die französische Kamerafrau Caroline Champetier - sie war Kameraassistentin bei Lanzmanns "Shoah" und ist zurzeit mit der digitalen Restaurierung seines Films betraut - in Bilder von dokumentarischer Schlichtheit gefasst, die den fortlaufenden Austausch von Argumenten während des Films klar und sachlich gliedern. Dieser unprätentiöse, bescheidene Look lässt "Hannah Arendt" so authentisch wirken, als wäre der Film schon in jener herrlichen Fernsehtruhe gelaufen, die im Wohnzimmer seiner Titelheldin steht.

Unerbittlich, aber mit Empathie

Auch die im Studio gezimmerte Skyline New Yorks, die höchst wandelbar in den Fenstern des Apartments aufblitzt, trägt zum gelungenen Produktionsdesign bei. Originalaufnahmen des Eichmann-Prozesses sind plausibel in die Handlung integriert. In ihrer Länge zwingen sie auch den Kinozuschauer zu jener Konfrontation mit dem mörderischen "Hanswurst", dem sich Arendt ausgesetzt sah.

Doch ein Spielfilm muss mehr bieten als bloße historische Rekonstruktion, soll die unerbittliche Denkerin ja auch als fühlendes Wesen vorstellen. Ob dazu die Rückblenden in Arendts Studienzeit und ein als leidenschaftlich ausgemaltes Verhältnis zu ihrem Lehrer Martin Heidegger (Klaus Pohl) dazu notwendig waren, sei dahingestellt. Schließlich zeigt sich ihre Fähigkeit zur Empathie bereits in einem herzlichen Verhältnis zu den Mitgliedern ihrer New Yorker Party Crowd.

Axel Milberg agiert sehr sympathisch als der offenbar sehr sympathische Ehemann Hannah Arendts - Heinrich Blücher, den eingangs erwähnten Mitstreiter Rosa Luxemburgs, der ihr bis zum Ende gefolgt sei. Julia Jentsch ist eine couragierte Lotte Köhler, Hannah Arendts erst vor kurzem verstorbene Sekretärin. Als emotional engagierte Diskussionspartner überzeugen Ulrich Noethen (als Philosoph Hans Jonas) und Michael Degen (als Kurt Blumenfeld, der zionistische Vertraute Arendts in Jerusalem).

Dabei kam Margarethe von Trotta und ihrer Co-Autorin Pamela Katz natürlich zustatten, dass all diese Leute Schriftliches hinterlassen haben, das in die Dialoge einfließen konnte. Und es ist genau diese aus der Authentizität alles Gesagten erwachsene Glaubwürdigkeit, die bewirkt, dass man "Hannah Arendt" gern und aufmerksam bis zum Ende folgt.

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