Zum Tode von Hannelore Elsner Die letzte Diva

Sie wollte nicht gefallen, sie wollte überwältigen: Die besten Werke von Hannelore Elsner waren ein "Fuck You!" in die Mittelstandsvisage des deutschen Films. Nachruf auf eine Schauspielerin, die ins volle Risiko ging.

Die Schauspielerin Hannelore Elsner ist tot. Diese Aufnahme zeigt sie im Januar 1970.
Barfknecht/ DPA

Die Schauspielerin Hannelore Elsner ist tot. Diese Aufnahme zeigt sie im Januar 1970.

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Sie ist wahrscheinlich die einzige Diva, die der deutsche Film- und Fernsehbetrieb in den letzten zwei, drei Jahrzehnten hervorgebracht hat. Hannelore Elsner war schon über 50, in einem Alter, in dem andere Schauspielerinnen in Nebenrollen gedrängt werden, da entdeckte eine Reihe junger Regisseure ihre fast schon ikonische Strahlkraft und setzte sie in großen, theatralischen, erotischen Rollen ein.

Ihr Gesicht, das von einer Schönheit war, der das Leben offensichtlich auch in seinen verheerenden Momenten nichts anhaben konnte, sprengte sowohl die mickrigen Bildschirme der Fernseher als auch die kleinen Leinwände der Arthouse-Kinos. Elsner zeigte in ihrem Gesicht Gefühlslagen, vor denen sich andere fürchten: Gier, Lust und unerfüllte Sehnsucht. Hass, Scham und unendliche Hybris. Alles musste raus.

Elsner buhlte in ihren Rollen nie um Sympathien, sie wollte nicht gefallen, sie wollte überwältigen. Wo das deutsche Fernsehen und das deutsche Kino oft geduckt, verdruckst und verschwiemelt höflich daherkamen, ging Elsner vielfach ins volle Risiko. Ihre größten Werke waren ein einziges großes "Fuck you!" in die Mittelstandsvisage des deutschen Filmbetriebs samt seines Mittelmaßdiktats.

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Hannelore Elsner: Gnadenlos gut

Fast 60 Jahre malochte sie sich souverän durchs Lohn-und-Brot-Geschäft: von frühen deutschen Pennälerklamotten wie "Pepe, der Paukerschreck" über unvermeidliche Fernsehkrimis - mit der Serie "Die Kommissarin" formulierte sie in den Neunzigerjahren leger die Rolle der toughen Ermittlerin aus - bis zum Bushido-Biopic "Zeiten ändern Dich".

Elsners Initialzündung für einen neuen Risikokurs war im Jahr 2000 das biografische Drama "Die Unberührbare", in dem der damals sehr junge, sehr gekränkte, sehr gefährliche Regisseur Oskar Roehler die Beziehung zu seiner Mutter, der legendären Schriftstellerin Gisela Elsner, aufarbeitete. Der Film erhielt den Deutschen Filmpreis in Gold, Elsner wurde bei der Verleihung als beste Schauspielerin geehrt.

Elsner läuft in der Titelrolle als Egomanin durch ein Berlin, in dem eben gerade die Mauer geöffnet worden war. Sie wirkt wie eine Festung aus betoniertem Haar und Mascara-Mauern: Das Land mochte kurz vor der Wiedervereinigung stehen - die Mutter war zu einer Wiedervereinigung mit ihrem Sohn nicht bereit. "Die Unberührbare" war freudianisch aufgeladen - und zwar bis ins letzte Bild dieses grausamen, zärtlichen, in wunderschönem Schwarzweiß fotografierten Filmes.

Im Video: Hannelore Elsner im Interview (SPIEGEL TV 1995)

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Sturzflug auf den Roulette-Tisch

Freudianisch ließe sich natürlich vieles im Werk von Hannelore Elsner erklären. Die Regisseure, mit denen sie über die letzten zwei Jahrzehnte zusammenarbeitete, hätten oft ihre Söhne sein können. 2002 drehte sie mit Oliver Hirschbiegel "Mein letzter Film", ein Quasi-Solostück, in dem sie als todkranke Schauspielerin vor laufender Kamera Lebensbilanz zieht. 2005 setzte sie Erhard Riedlsperger für den Fernsehfilm "Die Spielerin" im Sturzflug auf den Roulette-Tisch im Casino von Travemünde in Szene. Eine weibliche Variante von Fjodor Dostojewskis "Der Spieler", klassisches Elsner-Heimkino: Alles auf rot, alles auf Tod.

Schon 2001 hatte sie mit Stefan Krohmer "Ende der Saison" gedreht, wo sie als krebskranke Mutter auf subtile, perfide Art mit ihrer Tochter ringt. Hannelore Elsner agierte stets ehrfurchtgebietend gnadenlos. Auch und gerade sich selbst gegenüber, auch und gerade, wenn es um die letzten Dinge ging. Oft spielte sie Mütter, niemals spielte sie mütterlich im herkömmlichen Sinne. Oft handelten ihre Filme vom Tod, stets waren sie eine Feier des Lebens.

Vergisst man ja oft: Ihr komisches Talent war enorm - gerade weil es im Kontrast zu ihrer kühlen oder als kühl wahrgenommen Entrücktheit wirkte. 2004 war sie bei dem historischen Moment dabei, als Dani Levy mit der Anarchokomödie "Alles auf Zucker!" jüdischen Humor in den deutschen Film zurückbrachte.

Das putzmuntere Gespenst

Zwei Jahre zuvor hatte sie an der Seite von Iris Berben - vielleicht die einzige Kollegin, die ihr als Diva Konkurrenz machen konnte - in der RTL-Produktion "Fahr zur Hölle, Schwester!" gespielt, Regie führte ein weiteres Mal Oskar Roehler. Der Film war eine Art entfesselter Geronto-Klamauk, eine Neuauflage des Bette-Davis-versus-Joan-Crawford-Klassikers "Was geschah wirklich mit Baby Jane?" für das deutsche Privatfernsehen: Trash auf höchstem Niveau.

Zuletzt sah man die Schauspielerin in der Moshammer-Biografie "Der große Rudolph", wo sie als Mutter die Karriere des Modemachers organisiert. Und natürlich in Doris Dörries spirituellem Drama "Kirschblüten und Dämonen", in dem sie als putzmunteres Gespenst ihrem Sohn die Hölle heißmacht.

Der Tod wird ihrem Ruhm nichts anhaben: Am Sonntag ist Hannelore Elsner, die letzte Diva des deutschen Filmbetriebs, nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 76 Jahren gestorben.



insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
widower+2 23.04.2019
1. Toller Nachruf
Der dieser großartigen Schauspielerin wirklich gerecht wird. Welch großartige Schauspielerin Hannelore Elsner war, habe ich im Gegensatz zum Autor des Nachrufs erst relativ spät erkannt, wie ich zu meiner Schande gestehen muss. Für mich war sie seit meinen Teeniezeiten zunächst und vor allem eine der schönsten Frauen, die ich je sehen durfte.
frank57 23.04.2019
2. Das macht
unendlich traurig! RIP liebe Hannelore!
exHotelmanager 23.04.2019
3. Dieser mäßige Beitrag
wird ihrem Ruf auch nichts anhaben. Wichtige Werke und Leistungen bleiben schlicht unerwähnt, ein Four-Letter-Word und die Pennäler-Filme mussten aber unbedingt als Aufhänger dienen. Ausg'schamt
mitch72 23.04.2019
4. Ein unglaublich schönes Gesicht
welches da von uns gegangen ist. Auch ich konnte mich bisher kaum überwinden, deutsches Filmgut zu schauen. Aber diese Frau hat es geschafft. Einfach schade. Mein Beileid den Hinterbliebenen.
JaWeb 23.04.2019
5. Hannelore Elsner
Frau Elsner hatte als Schauspielerin was, das ein Filmkritiker besser beschreiben kann als ich. Als Frau und Bürgerin hat sie sich vorbildlich engagiert (u.a. zum Holocaust-Gedenken, zu AIDS). Ich ziehe meinen Hut. Bon voyage.
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