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12. Februar 2001, 11:59 Uhr

"Hannibal"-Premiere

Ein Kannibale, der Fisch bevorzugt

Von Nataly Bleuel

Hauptstadt aus dem Häuschen: Der Kannibalismus-Thriller "Hannibal" läuft zwar außer Konkurrenz, brachte aber mit Anthony Hopkins endlich einen richtigen Star auf die Berlinale - da störte selbst der enttäuschende Film nicht.

Mag kein Fleisch: Berlinale-Besucher Hopkins
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Mag kein Fleisch: Berlinale-Besucher Hopkins

Der Mann hat Geschmack, keine Frage. Liebt Florenz und die italienische Renaissance, speist statt Flugzeugfood lieber aus einem Feinkost-Lunch-Paket von Dean & DeLuca (Kaviar, Petit-Fours plus geschmortes Human-Hirn) und wandet sich und seine begehrte Clarice in Gucci. Auch die schöne Frau des Inspektor Pazzi würde er verspeisen, ohne Frage. Wir sprechen von Hannibal, dem Kannibalen mit Stil, Intelligenz und Humor.

"Sir Hannibal, eh, Anthony", so wird Hopkins auf dem Berlinale-Podium vorgestellt und hat auch weiterhin Mühe, klarzustellen, dass Anthony nicht Hannibal ist. Anthony macht sich nichts aus Fleisch: "Ich esse nicht mal Rind und bevorzuge Fisch", sagt Hopkins. Er sage auch nicht "okey-dokey" oder "goody-goody" wie Hannibal, sagt Hopkins - obwohl es wirklich sehr amüsant ist, wenn der meist gesuchte Massenmörder mit dem hohen Bildungsgrad alberne Wörter ausspricht. Wo er doch gerade dabei ist, Inspektor Pazzi aufzuknüpfen.

Amüsant, jawohl. Hannibal ist ein unterhaltsamer Charakter. Doch leider setzt die Fortsetzung vom "Schweigen der Lämmer" auf Horror statt Psycho. Und wer dagegen immun ist, wenn dressierte Wildschweine ihre Hauer in entstellte Menschengesichter schlagen, dem läuft auch kein kalter Schauer über den Rücken.

Im Kreise seiner Produzenten: "Hannibal" Hopkins mit Komponist Hans Zimmer (l.), Dino und Martha de Laurentiis
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Im Kreise seiner Produzenten: "Hannibal" Hopkins mit Komponist Hans Zimmer (l.), Dino und Martha de Laurentiis

Der Film läuft außer Konkurrenz, aber Hauptsache, ein richtiger Star konnte nach Berlin gelotst werden. Anthony Hopkins is watching us von allen plakatierten Häuserwänden der Stadt. Am Kino-Einlass kommt es unter Presseleuten und normalen Kartenkäufern fast zu einer Panik, als der Saal im Cinemaxx mit seinen 600 Plätzen schon eine halbe Stunde vor Beginn voll ist. Wo doch der Berlinale-Palast 1500 fassen würde. Ein dieses Jahr schon notorischer Organisationsfehler.

Der Pressesaal könnte für den Auftritt von Hannibal-Anthony auch größer sein, so massiv ist der Andrang. Wie gut, dass die Produzenten des Films für 5000 Vorführungen in den USA gesorgt hatten: Das amerikanische "Opening Weekend", von dem der Erfolg eines Hollywood-Films auf Gedeih und Verderb abhängt, hat fast alle Rekorde gebrochen. Das gibt die stolze Produzentin Martha De Laurentiis - ungefragt - vorab kund: Nach "Jurassic Park" und "Star Wars" hat sich nun Hannibal in die Rekordgeschichte der Filmfinanzen eingespielt. Und aus italienischen Kinos seien vier Frauen abtransportiert worden, sagt De Laurentiis schmunzelnd, weil sie in Ohnmacht fielen, als Hannibal die Schädeldecke von Gary Oldman öffnet, um dessen kleinen Hirnlappen zu brutzeln.

Hopkins als "Hannibal": Horror statt Psycho
REUTERS

Hopkins als "Hannibal": Horror statt Psycho

Da macht es nix, dass viele Kritiker enttäuscht sind von der voyeuristischen Umsetzung des Stoffes unter der Regie von Ridley Scott. Und auch das Buch von Thomas Harris wurde wohlweislich schon mal so adaptiert, dass weitere Sequels folgen können: Hannibal Lecter und die kongeniale FBI-Agentin Clarice Starling werden noch kein Paar. Das Biest und die Schöne können wieder kommen. Vielleicht schon nächstes Jahr, sagt der Produzent Dino De Laurentiis. Mit Anthony Hopkins? Warum nicht?

Auch nicht besser: "Chloe", ein Film wie ein schwarzes Loch

Ach ja, und dann lief da noch ein Film im Wettbewerb, der sich einen literarischen Stoff zur Vorlage vorgenommen hatte: "Chloe" ist die japanische Umsetzung von Boris Vians "Der Schaum der Tage". Frau und Mann, große Liebe, schnelle Heirat, dolles Glück. Sie wird krank: In ihren Lungen wachsen Wasserlilien. Das wird sie nicht überleben. Das klingt kurios und nach japanischem Surrealismus. Ist es aber nicht. Was es ist, lässt sich kaum sagen. Glattes Drehbuch, ästhetische Bilder, großes Leid. Doch das alles perlt so seltsam ab, dass man sich schuldbewusst fragt: Bin ich zu westlich, um das verstehen zu können?

Da hilft eine Szene im Film, die beinahe kathartische Wirkungen hat, was die Erschütterung der Lachmuskulatur betrifft: Chloe redet von Tod und Überleben und einer ihrer Freunde bricht in Schluchzen aus und jammert: "Ich bin zu dumm, um zu verstehen, was du sagst." Das beruhigt ungemein. Aber noch mehr, wenn man folgende Szene nach dem Film miterleben durfte: Sagt eine deutsche Kritikerin zu einer japanischen (schuldbewusste Miene): "Ich versteh' das nicht." Sagt die Japanerin (in perfektem Deutsch): Ich auch nicht. Und alle Anwesenden in der Damentoilette lächeln erleichtert. Es gibt Filme auf der Berlinale, die sind wie ein schwarzes Loch. Man schaut zwei Stunden angestrengt hinein und hat doch nichts gesehen.

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