Harry Baer über Rainer Werner Fassbinder "Wirklich befreit von ihm fühle ich mich erst seit ein paar Jahren"

Übel im Umgang, rauschhaft beim Drehen, viel zu früh verstorben: Am 31. Mai wäre Rainer Werner Fassbinder 75 Jahre alt geworden. Schauspieler Harry Baer spricht über die Arbeit mit Deutschlands Regielegende.
Ein Interview von Patrick Heidmann
Harry Baer (links) mit Rainer Werner Fassbinder

Harry Baer (links) mit Rainer Werner Fassbinder

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Rabau/ ullstein bild

SPIEGEL: Herr Baer, am 31. Mai wäre Rainer Werner Fassbinder 75 Jahre alt geworden. Fast 40 Jahre nach seinem Tod werden Sie noch immer nach der Zusammenarbeit mit ihm gefragt. Ärgert Sie das?

Baer: Manchmal. Deswegen habe ich irgendwann dazu beschlossen, ein Buch zu schreiben. Ich wurde immer wieder auf die 13 Jahre mit Fassbinder reduziert. Das war eine Zeit lang okay; irgendwann hat's mich auch geärgert. Also habe ich angefangen, peu à peu meine Geschichte zusammenzukratzen.

SPIEGEL: Schon direkt nach seinem Tod 1982 haben Sie ein Buch über ihn geschrieben.

Baer: Richtig, allerdings unter ganz anderen Umständen. Dieses Mal habe ich insgesamt zehn Jahre an dem Buch gearbeitet; damals musste es ganz schnell gehen. Nach Rainers Tod im Juni habe ich mich erst einmal wochenlang volllaufen lassen. Irgendwann sagte jemand zu mir: Setz dich hin und schreib' was drüber, sonst säufst du dich zu Tode.

SPIEGEL: Wie waren die ersten Jahre ohne Fassbinder?

Baer: In den ersten fünf Jahren nach seinem Tod hatte ich regelmäßig Albträume, in denen er vorkam. Immer und immer wieder musste ich "Berlin Alexanderplatz" mit ihm drehen und bin mit Angstschweiß aufgewacht. Die Situation war insgesamt belastend, gerade in München, wo er immer als "schwule Drecksau" beschimpft worden war und es diesen riesigen Zirkus um seine Beerdigung gab, weil er nicht auf dem Promi-Friedhof in Bogenhausen bestattet werden durfte.

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Rainer Werner Fassbinder

Foto: ZDF/ Janus-Film/ picture-alliance/ obs

SPIEGEL: Und irgendwann rückte die Erinnerung an ihn in den Hintergrund?

Baer: Mit der Zeit wurde er zur einer Art netter Begleitung. Vielleicht auch, weil den Leuten nach ungefähr zehn Jahren klar wurde, wer da eigentlich fehlte. Wie viele Filme er in so kurzer Zeit gedreht hatte und wie bedeutsam die waren. Plötzlich stand das Werk im Mittelpunkt, nicht mehr das, was man vorher mit Fassbinder in Verbindung gebracht hatte: Koks, schwul, Arschloch. Wirklich befreit von ihm fühle ich mich allerdings erst seit ein paar Jahren. Da stand ich in Berlin für einen Kurzfilm vor der Kamera und merkte eines Tages, dass er einfach aus meinem Kopf verschwunden war.

SPIEGEL: Wie so viele seiner langjährigen Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter hat Fassbinder Sie oft mies behandelt.

Baer: Das konnte er in der Tat speziell gut.

SPIEGEL: Warum haben Sie nie mit ihm gebrochen?

Baer: Meinen Absprung hätte ich eigentlich 1972/73 wagen müssen. Da liefen "Ludwig" und "Wildwechsel", zwei ziemlich gute Filme, die einige Aufmerksamkeit bekamen. Aber ich hatte keinen Agenten, niemanden, der gesagt hätte: Harry, vergiss' Fassbinder, wir machen jetzt Karriere, vielleicht sogar internationale. Ich hätte jemanden gebraucht, der mich am Schlafittchen packt und raus aus der Fassbinderei und rein ins Geschäft zieht.

SPIEGEL: Aber ganz offensichtlich gab es ja auch in Deutschland Filmemacher, die mit Ihnen arbeiten wollten.

Baer: Sicher, auch schon vorher. Mit Werner Schroeter war ich im Libanon, für seine "Salome". Aber kaum war ich wieder in München, stand der Rainer vor meiner Tür und bestand darauf, dass ich nun wieder etwas mit ihm mache. Das war seine Art, Zuneigung und Anerkennung zu zeigen. Wo Rainer war, war auch immer Arbeit. Teilweise wurden wir richtig mies bezahlt. Ich habe zwar null Vermögen angehäuft in dieser Zeit, aber die Jahre, die ich mit ihm verbracht habe, habe ich gut und gerne gelebt. Viel gefressen, viel gesoffen und noch ein paar Dinge mehr.

SPIEGEL: Wie haben Sie die Arbeit am Set mit Fassbinder erlebt?

Baer: 1970/71 hat er ja pro Jahr fünf oder sechs Filme gedreht. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Da war der eine gerade mal fertig und eine Woche später geht schon der nächste los. Das war ein richtiger Rausch. Für ihn sowieso, aber auch für uns. Außerdem fing er an, mit internationalen Stars zu arbeiten, bei "Despair" zum Beispiel mit Dirk Bogarde und Andréa Ferréol. Denen bei der Arbeit zuschauen zu können und zu sehen, wie diszipliniert sie sind, das war irre. Ein echter Genuss.

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SPIEGEL: Wie, glauben Sie, wäre Fassbinders Karriere weitergegangen, wenn er nicht so früh gestorben wäre?

Baer: Keine Ahnung, ob er mit 75 Jahren noch Filme drehen würde, das ist mir zu hypothetisch. Aber ein paar große Schinken hätten wir auf jeden Fall noch hingekriegt. Als nächstes gemacht werden sollte ja zum Beispiel sein Film über Rosa Luxemburg, der ganz anders geworden wäre als der, den Margarethe von Trotta später drehte.

SPIEGEL: Barbara Sukowa spielte die Hauptrolle. Hatte Fassbinder sie auch im Sinn für seinen Film?

Baer: Nein. Für die Hauptrolle hatte Jane Fonda schon zugesagt. Die Produzentin Regina Ziegler hatte das Gespräch zwischen Rainer und ihr zustande gebracht. Ich war mit im Raum, als das Telefonat stattfand. Er hat gezittert, gestottert, stand richtig neben sich. Jane Fonda war eben doch noch einmal eine ganz andere Größenordnung. Sie meldete sich am Telefon mit "Jane Fonda herself", was er so geil fand, dass er monatelang ständig von sich selbst als "Rainer Fassbinder himself" sprach.

SPIEGEL: Der Spielfilm "Enfant terrible" von Oskar Roehler über Fassbinder sollte eigentlich Ende Mai ins Kino kommen, der Start wurde aber wegen der Corona-Pandemie auf den 1. Oktober verschoben. Haben Sie ihn schon gesehen?

Baer: Ja. Roehler hatte mich bei einigen Punkten um Rat gefragt, etwa welche Musik wir damals immer so hörten. Leider finde ich den Film ziemlich furchtbar. Vor allem das Drehbuch ist unter aller Sau, das habe ich Roehler auch gesagt.

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SPIEGEL: Warum?

Baer: Erstens raucht und säuft Rainer in jeder einzelnen Einstellung, nach der Hälfte des Films kokst er dann auch noch ständig. Das ist unrealistisch, nicht mal er hätte das länger als drei Tage durchgehalten! Außerdem kann man zwölf oder 13 Jahre einfach nicht in anderthalb Stunden erzählen. Der inzwischen verstorbene Drehbuchautor Klaus Richter – Gott hab' ihn selig – hat versucht, alles von Anfang bis Ende hineinzupacken. Außerdem orientiert sich der Film ein bisschen am Buch von Kurt Raab, das schon ziemlich unter der Gürtellinie geschrieben war. Im Übrigen sind mir leider auch die Schauspieler viel zu alt. Wir waren damals alle um die 30, während Oliver Masucci, der den Rainer ansonsten beeindruckend spielt, schon über 50 ist.

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