"Harry Potter 3" Buch mit Biss, Film mit Schmiss

Joanne K. Rowlings Bücher begeistern Millionen Leser, die Verfilmungen wirkten allerdings bisher wie lahmer Budenzauber. Der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón peppt nun "Harry Potter und der Gefangene von Askaban", den dritten Teil der Saga, zum Teenager-Drama auf und lässt die Quälgeister der Pubertät auf seinen Helden los.
Von Daniel Haas

Es schnappt und grunzt und knurrt, und wer es aufschlägt, wird gebissen: das Lehrbuch über Monster und finstere Kreaturen. Zauberzögling Harry Potter, jetzt im dritten Schuljahr, entkommt dem reißzahnbewehrten Wälzer nur mit Mühe. Man muss seinen Rücken streicheln, erfährt man später, dann lässt sich die Schwarte zähmen und schmökern.

Das Buch, das seine Leser verschlingt, ist das perfekte Bild für Joanne K. Rowlings Potter-Saga: Millionen Fans weltweit sind dem Zauber des Hogwarts-Schülers erlegen, die Autorin ist mittlerweile reicher als die Queen. Geadelt werden Rowlings Bücher aber nicht nur durch die Gunst der Leser, sondern durch königlichen Ideenreichtum, ihr Märchenkosmos gehört längst zum Kanon der modernen Populärkultur.

Das gefräßige Buch gibt die Tonlage der dritten Potter-Verfilmung vor: Cuaróns "Harry Potter und der Gefangene von Askaban" hat mehr Biss als seine beiden Vorgänger. Während Regisseur Chris Columbus brav einen Rundgang durch die Kulissen der Rowling-Texte bebilderte, zeigt der neue Potter Zähne: Es gibt neben Monsterbüchern auch seelenlose Kerkermeister, Werwölfe und einen politischen Häftling.

Das ist der Gefangene von Askaban alias Sirius Black (Gary Oldman), er soll in Diensten von Lord Voldemort stehen, jenes Superschurken, der Harrys Eltern auf dem Gewissen hat. Black entkam den Verliesen von Askaban, Hogwarts ist in Aufruhr: Hat es der Finsterling auf Potter abgesehen? Am Ende ist es eine vertrackte, traurige, ja sogar tragische Geschichte, die Black und Harry verbindet. Es geht um Verrat und Vertrauen, Freundschaft und Vaterliebe, und wer das Buch nicht kennt, darf über die Verwandlung von Helden in Werwölfe und Ratten in Bösewichter staunen.

Harry und seine Gefährten Ron und Hermine sind nicht mehr die artig biederen Kinder der frühen Schulzeit, sondern "Kids". Die Darsteller Daniel Radcliffe, Rupert Grint und Emma Watson wachsen buchstäblich in ihre Rollen, sie sind mittlerweile ein eingespieltes Team und absolvieren die Fährnisse des Zauberlebens routiniert und souverän. Die Anzeichen für die noch ausstehenden Dilemmata der Pubertät mehren sich: Hier und da versteigt sich ein Howarts-Eleve zu flottem Teeni-Jargon ("Krass, Alter!"); Ron darf, wenn auch im Schreck, einmal Hermiones Händchen halten, und Harry wird gleich zu Beginn als genervter Teenager präsentiert. Gegängelt von den unsäglichen Pflegeeltern bläht er kurzerhand die eh schon aufgeblasene Tante auf Ballongröße auf.

Neben den vielen kindgerechten Gags, den visuellen Gimmicks und spaßigen Zaubertricks hat Cuarón Effekte des Horrorgenres in den Film geschmuggelt: Wenn Dementoren, die teuflisch gefährlichen Geheimpolizisten des Zauberreichs, einen Zug durchsuchen oder ein Wolf glutäugig im Unterholz lauert, dann wird klar, wohin die Harry-Potter-Geschichte noch führen wird: zum ausgewachsenen Initiationsdrama, das die Nachtmare des Erwachsenwerdens bevölkern.

Überwachen und Strafen sind dabei die Parameter, nach denen auch Harrys Welt eingerichtet ist: Ähnlich wie das Auge Saurons, das im "Herr der Ringe" alles sieht und jeden heimsucht, gibt es vor den Dementoren kein Entkommen. Dass die grausigen Fahnder letztlich zwischen Freund und Feind nicht unterscheiden können, also kein Gespür für die Relevanz von Bürgerrechten haben, hat vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Verhältnisse einen düsteren Nebensinn.

Doch vorerst gilt es, die Abenteuer des Pubertierens durchzustehen; man munkelt, demnächst werde im Potter-Märchen sogar geküsst. Cuarón, berühmt geworden mit dem exzellenten Teenagerdrama "Y tu mamá también", weiß von Frust und Lust des Adoleszentenlebens nur zu gut: Gleich in der ersten Szene geht Harry, immer wieder gestört vom bösartigen Ziehvater, unter der Bettdecke geheimen Tätigkeiten nach - er liest. Eine Urszene des Pubertätstheaters und eine schöne Geste des Respekts vor der Literatur, der das Kino diesen märchenhaften Stoff verdankt.


Harry Potter und der Gefangene von Askaban (Harry Potter and the Prisoner of Azkaban)


USA 2004. Regie: Alfonso Cuarón; Drehbuch: Steven Kloves nach dem Roman von Joanne K. Rowling. Darsteller: Daniel Radcliffe, Rupert Grint, Emma Watson, Robbie Coltrane, Michael Gambon, Gary Oldman, Alan Rickman, David Thewlis. Produktion 1492 Pictures, Heyday Films; Verleih: Warner. Länge: 141 Minuten. Start: 3. Juni 2004.

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