Filme von Harvey Weinstein, Roman Polanski, Woody Allen Darf man die noch schauen?

Mit dem Skandal um Harvey Weinstein hat eine umfassende Debatte um sexuelle Gewalt eingesetzt. Aber wie umgehen mit den Filmen von Künstlern, die sexueller Übergriffe bezichtigt werden?
Woody Allen und die 17-Jährige Mariel Hemingway in "Manhattan"

Woody Allen und die 17-Jährige Mariel Hemingway in "Manhattan"

Foto: ddp images/ Capital Pictures

Täglich kommen derzeit neue Enthüllungen von Produzenten, Regisseuren und Schauspielern ans Tageslicht, die Frauen (im Fall von Kevin Spacey: Männer) als Freiwild betrachten. Derzeit holt ein Skandal auch einen Filmemacher ein, der davon schon seit Jahrzehnten verfolgt wird: Roman Polanski. Er trifft nun aber, nach der Demaskierung Harvey Weinsteins als dauerbrünftiger Grapscher, Charakterschwein und potenzieller Vergewaltiger, auf eine neue Debattenkultur.

Sichtbar wurde das bei einer Polanski gewidmeten Retrospektive in der Pariser Cinémathèque Française. Zur Eröffnung war der 84-Jährige selbst eingeladen. Unter das übliche große Hallo mit Blitzlichtgewitter und Autogrammeschreiben mischten sich aber schnell andere Stimmen. Zwei Femen-Aktivistinnen riefen: "Keine Ehre für Vergewaltiger!"

Und draußen demonstrierten etwa 40 weitere Frauen der feministischen Organisation Osez le Féminisme und des Künstlerinnenkollektivs La Barbe. Zuvor hatten sie eine Petition gestartet, um die Retrospektive zu verhindern. "Polanski verdient eine Entehrung, keine Ehrung", hieß es darin.

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Harvey Weinstein: "Genie und Arschloch"

Foto: ddp images/ interTOPICS/ mptv

Der Streit bringt einen wichtigen Aspekt auf den Punkt: Wie soll man mit Werken von Künstlern umgehen, die sich als Menschen schwerer Verbrechen schuldig gemacht haben?

Wie kann es sein, dass wir uns im Fall Polanski Filme eines Mannes ansehen, der im März 1977 ein 13-jähriges Mädchen vergewaltigte, die Tat auch zugab und seither vor der US-Justiz flüchtig ist? Der neuen Vorwürfen zufolge auch in den Jahrzehnten darauf immer wieder Mädchen betatscht und vergewaltigt haben soll?

Den Fragen viel zu lange ausgewichen

Kann man den Menschen Polanski entehren und gleichzeitig den Künstler Polanski ehren?

Wie wachsweich die Haltung von Zuschauern dazu bisher war, zeigt sich deutlich am Beispiel Woody Allen. Schon überraschend, wie lange es uns gelungen ist, drängenden Fragen so lange auszuweichen. Trotz großartiger Filme wie "Der Stadtneurotiker", "Manhattan" oder "Hannah und ihre Schwestern".

Als Mia Farrow, damals Woody Allens Lebensgefährtin und die Hauptdarstellerin seiner Filme, 1992 Nacktfotos entdeckte, die Allen von ihrer damals 21-jährigen Adoptivtochter Soon-Yi Previn gemacht hatte, hätte sich der Blick auf diesen schlauen und witzigen Mann eigentlich ändern müssen. Das ist aber kaum geschehen.

Woody Allen im Jahr 2010 mit seiner Adoptivtochter Manzie Tio und seiner Frau Soon Yi-Previn

Woody Allen im Jahr 2010 mit seiner Adoptivtochter Manzie Tio und seiner Frau Soon Yi-Previn

Foto: Eloy Alonso/ REUTERS

Selbst dann nicht, als eine andere Adoptivtochter von Farrow im Jahr 2013 Vorwürfe erneuerte, Allen habe sie als Siebenjährige sexuell missbraucht. Unverdrossen drehte Allen weiter, Jahr für Jahr ein Film, die meisten schwächer, aber auch Juwelen darunter wie "Match Point" oder "Blue Jasmine".

Es war ja auch so leicht, die Anschuldigungen gegen ihn zu verdrängen. Die waren nicht bewiesen, und seine Filme waren keine Werke eines Pädophilen, der dem Zuschauer offen oder versteckt seine sexuelle Neigung unterjubelte.

Im Gegenteil, für "Der Stadtneurotiker" oder "Hannah und ihre Schwestern" hatte er so intelligente und komplexe Frauenfiguren geschrieben wie wenige andere Filmemacher. Die Auseinandersetzung der Geschlechter findet bei Allen im Film auf Augenhöhe statt. Wenn auch die Gesellschaft, die er zeigt, nur scheinbar offen und liberal ist und größtenteils aus einem abgeschlossenen, weißen, heterosexuellen, privilegierten Ausschnitt besteht.

Woody Allens Sohn trat den Weinstein-Skandal los

Die Szenen zwischen Allen und der damals 17-jährigen Mariel Hemingway in "Manhattan", seinem vielleicht schönsten Film, sieht man heute dann aber doch mit anderen Augen. Und ganz sicher ist es wichtig und notwendig, das Frauenbild seiner anderen Filme noch einmal genauer zu untersuchen.

Schwer vorstellbar jedenfalls, dass man eine neuen Woody-Allen-Film jetzt immer noch sieht, ohne an die Anschuldigungen zu denken und an die merkwürdig verdruckste Weise, mit der er auf den Weinstein-Skandal reagierte ("Schlimm für Harvey"). Zumal der ausgerechnet von Recherchen seines einzigen leiblichen Sohnes Ronan Farrow losgetreten wurde, die der "New Yorker" veröffentlichte.

Wohl noch wichtiger als die Filme von Woody Allen sind die von Roman Polanski. Im psychologischen Horror seiner Filme wie "Ekel" und "Rosemaries Baby" erscheinen die menschlichen Beziehungen zueinander und zur Außenwelt als brüchig. Aus ihnen spricht eine Welterfahrung, die den meisten Menschen glücklicherweise erspart bleibt, die aber alle etwas angeht.

Psychologischer Horror: Roman Polanskis "Ekel"

Psychologischer Horror: Roman Polanskis "Ekel"

Foto: ddp images

Polanski erlebte als Kind im Krakauer Ghetto das Grauen der Naziherrschaft. Er wurde Zeuge wahlloser Morde, musste die Deportationen seines Vaters ins Konzentrationslager Mauthausen und seiner schwangeren Mutter nach Auschwitz mitansehen. Seine Mutter wurde dort ermordet. Polanski überlebte Krieg und Okkupation allein, getarnt als Katholik bei einer armen Bauernfamilie.

Er hat von diesen Erfahrungen in "Der Pianist" erzählt, und es kann kein Zweifel daran bestehen, dass dieser Film, wie auch sein Debüt "Das Messer im Wasser" und sein großer Thriller "Chinatown", einem filmischen Weltkulturerbe angehört, das öffentlich zugänglich sein muss.

Gleichzeitig wird aber, was die von ihm eingestandene Vergewaltigung und die neuen Vorwürfe angeht, das bisher vorherrschende Diffuse, das Nicht-genau-hinsehen-Wollen, Eigentlich-nicht-wissen-Wollen, künftig nicht mehr gehen. Weil genau dieses Wegschauen erst Strukturen ermöglicht, in denen Frauen und Mädchen zu Opfern werden.

Für die Polanski-Retrospektive heißt das: so nicht. Costa-Gavras, Chef der Cinémathèque Française und selbst hoch dekorierter Filmemacher, hat die Demonstrantinnen der versuchten Zensur bezichtigt und gesagt: "Wir vergeben keine Zeugnisse für gutes Benehmen." Es ist genau dieses Herunterspielen, das jetzt aufhören muss.

Mindestens hätte die Cinémathèque Polanski ausladen und seine Verbrechen für eine Diskussion freigeben müssen. Nur diskursiv kann ein nötiger, schwieriger und schmerzhafter Abwägungsprozess auf den Weg gebracht werden.

Und die Zuschauer? Müssen sich klarer machen als bisher, dass Werk und Autor nicht einfach zu trennen sind. Unbestreitbar gibt es Filme, die unabhängig von ihrem Autor wichtig sind. Sexuelle Gewalt muss aber als solche benannt und geahndet werden. Auch wenn sie von jemandem kommt, der uns mit seiner Kunst die Augen öffnet.

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