Neuer Verband für Cinephilie Mit Liebe gegen die Krise

Miese Zahlen, schlechtes Ansehen: Um die Filmkultur steht es in Deutschland schlecht. Im Rahmen der Berlinale gründet sich nun ein Verein, der über alle Berufssparten hinweg gegen den Bedeutungsverlust ankämpfen will.

Filmbild aus "Roma" von Alfonso Cuarón
Netflix

Filmbild aus "Roma" von Alfonso Cuarón

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Zu dem Gefühl, dass etwas in der deutschen Filmbranche im Argen liegt, gibt es seit Ende des Jahres auch Zahlen. Minus 16 Prozent, ein Sechstel weniger verkaufte Kinotickets als 2017. Die Abwärtstendenz ist nicht überraschend, sie hat sich seit Jahren abgezeichnet und schon zu einigen Initiativen geführt: Sowohl albernen wie der Marketingkampagne des Kinovertreiber-Verbands HDF, mit der das Kino als "Darkroom der großen Gefühle" erotisch aufgeladen werden sollte, aber auch sinnvollen wie dem Frankfurter Lichter Filmfest, auf dem im April 2018 ein Maßnahmenpapier mit zum Teil radikalen Reformvorschlägen etwa für die Filmförderung für Aufregung sorgte.

Nun wird sich im Rahmen der Berlinale ein Verband gründen, der die Diskussionen bündeln und Beteiligte aus allen Bereichen der Filmbranche in ständigen Austausch bringen will: der Hauptverband Cinephilie (HVC).

"Wir glauben an die Mündigkeit und Neugier der Zuschauer*innen. Wir fordern, ihre Bevormundung zu beenden! Wir behaupten, dass es einen Markt für Cinephilie gibt, der im Moment unzureichend bedient wird. Cinephile Angebote produzieren neue Nachfrage", heißt es im Aufruf des HVC, den der Verband am 10. Februar im Berliner Wolf Kino der Öffentlichkeit vorstellen will.

Keine Konkurrenz

Für den Verband, der seinen Gesamtvertretungsanspruch mit einiger Selbstironie in den Namen genommen hat, haben sich Filmverleiher, Kinobetreiberinnen, Produzenten, Regisseurinnen, Kuratoren und Kritikerinnen zusammengetan und die Gründung seit Dezember vorbereitet. (Den vollständigen Aufruf sowie die Liste der Erstunterzeichnenden finden Sie hier)

Für alle diese Berufe gibt es bereits eigene Verbände und Arbeitsgruppen, aber noch keine übergreifenden Strukturen. "Es geht uns nicht darum, in Konkurrenz mit bestehenden Verbänden zu treten, sondern weiterführende Gesprächszusammenhänge zu schaffen", sagt Verena von Stackelberg, Betreiberin des Programmkinos Wolf in Berlin-Neukölln und eine der 14 InitiatorInnen des HVC. "Bislang haben wir uns mit unseren Diskussionen immer nur von Konferenz zu Konferenz gehangelt, jetzt wollen wir einen konzentrierten Raum schaffen, in dem zielführend geredet wird", sagt Wolf-Mitbetreiber Marcin Malaszczak.

Mit ihrem Zwei-Saal-Kino, das sie im Frühjahr 2017 mit Hilfe von Crowdfunding eröffnen konnten, haben von Stackelberg und Malaszczak zuletzt eine Achterbahnfahrt erlebt. Nach einem katastrophalen Sommer kommen zurzeit so viele Besucherinnen und Besucher wie nie. Bei ihrem Engagement im HVC im Vordergrund steht für sie trotzdem nicht die wirtschaftliche Absicherung, wie sie etwa der Kinobetreiber-Verband AG Kino als Arbeitsschwerpunkt hat, im Vordergrund.

Stattdessen ist die Stärkung der Filmbildung bereits in der Schule ein Anliegen, das sie mit dem HVC voranbringen wollen. "Wenn in Schulen Filme immer nur gezeigt werden, weil sie ein bestimmtes Thema oder historisches Ereignis aufbereiten, dann kann bei den Schülerinnen und Schülern kein Verständnis dafür entstehen, dass Filme auch allein durch ihre künstlerische Leistung einen Wert haben können", meinen von Stackelberg und Malaszczak.

Anrufung der Liebe

Von solchen von Idealismus statt Zahlen befeuerten Ansätzen ist der HVC-Aufruf durchdrungen. Zwar findet sich auch viel Kritik an der Filmförderung unter den insgesamt 17 Punkten. So schütze das deutsche Fördersystem laut HVC "überwiegend vorkonfektionierte, monokulturelle Konsumware". Deshalb fordere man eine Neuausrichtung der Filmförderung nach transparenten Vergabekriterien, eine Neubewertung von Erfolg sowie unabhängige und diverse Jurys. Vor allem geht es aber um eine Anrufung der Liebe zum Film: "Filmkultur begeistert! Filmkultur ist für alle da!", heißt es am Ende des Aufrufs.

Konkretere Forderungen und Reformvorschläge haben die HVC-Gründerinnen noch nicht formuliert. Sie sollen vielmehr in Arbeitsgruppen, die sich nach der offiziellen Gründung bilden sollen, erarbeitet werden. "Uns ist der einladende Charakter des Verbands wichtig", sagt Malaszczak. "Wir wollen erst möglichst viele an Filmkultur Interessierte zusammenbringen, um dann in einem zweiten Schritt an Positionspapieren zu arbeiten, die möglichst viele Perspektiven berücksichtigen."

Eine dieser Perspektiven ist die von Mikosch Horn vom Filmverleih Grandfilm. Schon die Gründung des Verleihs 2014 war eine Maßnahme gegen die Krise in der deutschen Filmbranche: Als Horn, sein Bruder Patrick und sein Kollege Stefan Butzmühlen auf dem Nürnberger Filmfestival für Menschenrechte feststellen mussten, dass der Gewinnerfilm "Norte" von Lav Diaz keinen Verleih in Deutschland hatte, gründeten sie selber einen.

"Ein Ort des Abenteuers"

Mittlerweile bringen sie durchschnittlich einen Film pro Monat ins Kino, darunter herausragende Werke von Lucrezia Martel oder Sergei Loznitsa. "Wenn wir mit den Leuten, die den globalen Vertrieb von Filmen organisieren, sprechen, sagen die immer: Deutschland ist der mit Abstand schlimmste Markt, es ist so schwierig, überhaupt noch internationale Filme in Deutschland ins Kino zu bringen", sagt Horn.

Für ihn ist eine der wichtigsten Aufgaben des HVC, Sprache zurückerobern. "Viele Begriffe wie 'Filmkunst' oder 'Arthouse' sind schwammig geworden. Die Leute haben keine genauen Vorstellungen mehr davon, was diese Begriffe bedeuten." Als Arthouse werden in Deutschland mittlerweile Mainstream-Produktionen wie "La La Land" oder "Birnenkuchen mit Lavendel" ausgewiesen, vormals wurde damit anspruchsvolles Kino für ein erwachsenes Publikum bezeichnet. "Wenn die Titel dann auch noch alle ähnlich klingen", sagt Horn, "stellt sich automatisch das Gefühl ein, überall würde immer das gleiche gezeigt."

So arbeite das Kino auch auf sprachlicher Ebene an seinem Profil- und damit Bedeutungsverlust. Jenseits von Festivals, auf denen sich das Publikum noch auf das Unbekannte einlasse, sei die Entdeckungslust versiegt. "Kino muss wieder ein Ort des Abenteuers werden", so Horn.

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