"Hautnah" Ringelpietz ohne Anfassen

Das Beziehungsleben moderner Großstädter besteht aus Eitelkeit, Stress und viel Rhetorik. So sieht es zumindest Mike Nichols. Der Oscar-prämierte Regisseur ("Die Reifeprüfung") bat für das Drama "Hautnah" vier Hollywood-Stars zum Geschlechterkampf - und inszenierte ein schickes, aber bemühtes Kammerspiel.
Von Daniel Haas

Lass einfach das Lächeln weg, Julia, hat Mike Nichols vielleicht gesagt. Dann geht die Sache glatt. Und Roberts, genervt vom eigenen Starruhm, hat sich eventuell gedacht: Nicht lächeln? Kein Problem. Hab eh schon genug gelächelt und gestrahlt. Von "Pretty Woman" bis "Mona Lisa" immer nur Zähne zeigen und Millionen kassieren. Das kann nicht alles gewesen sein.

Julia Roberts ist eine exzellente Darstellerin, und die Idee, sie als angestrengte Künstlerin zu inszenieren, die in ein Verwirrspiel aus Begierden, Lügen und Verrat verwickelt wird, ist auch nicht so schlecht. Eine Besetzung, knapp am Rollenimage vorbei. Nicht ganz die überwältigende Film-Queen, aber immer noch schön und charismatisch.

Die phantastischen Vier

Warum ist die Rechnung nicht ganz aufgegangen? Warum wirken Roberts und die drei anderen Stars - Natalie Portman, Jude Law und Clive Owen - weniger wie lebendige Menschen, sondern wie Chiffren eines Planspiels, das zwar ungemein kunstsinnig, aber eben auch prätentiös ist? Vielleicht weil Nichols' Adaption von Patrick Marbers Theaterstück (Orginaltitel: "Closer") rigoros eine Einsicht in Szene setzt, die seit den sechziger Jahren die Kulturkritik umtreibt: Dass der Mensch und sein Begehren der Sprache und der Art und Weise, wie sie alles dominiert, hilflos ausgeliefert sind.

Das klingt ungemein theoretisch, und tatsächlich ist "Hautnah" ein kühler, intellektueller Film, der nur dank seiner großartigen Darsteller Emotionalität und Spannung entwickelt. Es wird maßlos geredet, vor allem über Sexualität, die das Verhältnis der vier Charaktere dominiert und sich im rhetorischen Dauerfeuer doch mehr und mehr verflüchtigt.

Vielleicht greift der Vorwurf aber zu kurz, Anna, die Fotografin, Dan, der Autor, Larry, der Hautarzt und Alice, die Stripperin seien kaum mehr als Stereotypen. Vielleicht müssen sie genau das sein: Zeichen, die für sich genommen kaum mehr bedeuten als ein Klischee und die sich erst in Bezug aufeinander mit Bedeutung aufladen.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Sie spielt in London und handelt von Dan (Law), der bei einer Fotosession Anna (Roberts) kennen lernt. Dan macht Anna Avancen, ist aber an Alice (Portman) gebunden. Anna kommt kurz darauf mit Larry (Owen) zusammen, den sie aber mit Dan betrügt. Der Flirt fliegt auf, es kommt zur Trennung. Es folgt ein vermeintliches Liebesglück von Anna und Dan, während Larry Alice aufspürt und wie man später erfährt, verführt. Getragen wird das Ganze von einem Parforceritt der Bonmots und Sentenzen, der Hasstiraden und Schmeicheleichen, einem virtuosen Parlando, das scheinbar nur ein Ziel verfolgt: sich näher zu kommen, auf Tuchfühlung zu gehen, den anderen "hautnah" zu erleben.

Wer hat Angst vor Julia Roberts?

Aber Haut zeigt der Film nur wenig. Die Sprache ist die Grenze dieser Welt, die mehr und mehr zum Gefängnis wird. Sexualität, das Thema, das die Figuren manisch umkreisen, ist eine Sache der Rhetorik, ein Sprach- und Machtspiel, dem man nicht entrinnen kann. Konsequent verzichtet Nichols auf erotische Szenen, überhaupt wird das alltägliche Leben der verzweifelten Vier in großen Zeitsprüngen ausgespart. Wie im Laborversuch, eingesperrt in die schicken Kulissen von Lofts und Designer-Restaurants, brüten Anna, Larry, Dan und Alice ihr eigenes Unheil aus, unfähig sich wirklich nahe zu sein.

So gesehen ist "Hautnah" ein altmodischer Film: Dass der Körper ein Schlachtfeld und die Sprache ein Gefängnis ist, diese Auffassung kursiert in der Kulturtheorie schon lang. Die Hoffnungen und Ressentiments der sechziger Jahre schwingen hier mit: Einerseits bildeten der Leib und seine Befreiung das Gegenprogramm zur Körperfeindlichkeit der Fünfziger. Über körperliche Bedürfnisse, vor allem sexuelle, durfte endlich geredet werden, und die Kunst - von den Provokationen des Dichternackedeis Peter Chotjewitz über die Flitzer bis hin zur Fuck-Prosa von William Borroughs und den amerikanischen Pop-Poeten - hat von der neuen Freiheit ausgiebig Gebrauch gemacht.

Andererseits sperrt die Dauerbeschäftigung mit Sexus den Körper wieder ein: ins Korsett wissenschaftlicher Analysen, ins Dauergelaber der ewig gleichen Talkshows. "Hautnah" bewegt sich zwischen diesen beiden Polen: zwischen aufgeregter Provokation - Julia Roberts sagt das "F-Wort"! - und selbstbezüglicher Rhetorik.

Es ist nicht das erste Mal, dass Mike Nichols streitende Paare auf die Leinwand loslässt: Sein Kinodebüt gab er 1966 mit der Adaption von Edward Albees Theaterstück "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?". Auch hier fand eine sprachliche Orgie der Zerstörung statt, auch hier schlug Leidenschaft in Korruption und Erniedrigung um.

Doch in Richard Burton und Elizabeth Taylor, den beiden Hauptdarstellern, prallten zwei Charaktere aufeinander, deren Furor das Prätentiöse des Textes irgendwie vergessen machte. Man wohnte dem Ehekrieg der Ehekriege bei, nicht einem verbalen Ringelpietz ohne Anfassen. Wer hat Angst vor Julia Roberts? Entschuldigung, dass wir lächeln.


Hautnah ("Closer"). USA 2004. Regie: Mike Nichols. Drehbuch: Patrick Marber. Darsteller: Julia Roberts, Jude Law, Natalie Portman, Clive Owen, Nick Hobbs, Colin Stinton. Produktion: Columbia, Scott Rudin Prods. Verleih: Sony Pictures. Länge: 104 Minuten. Start: 13. Januar 2004.