Kino-Ikone Helen Mirren "Ich hatte tolle Männer"

Die Liebe? Rangierte in ihrem Leben lange auf Platz zwei, hinter der Schauspielerei. Im Interview spricht die Oscar-gekrönte Helen Mirren über die schwierige Balance zwischen Job und Gefühlen, ihren neuen Film "Hinter der Tür" - und erklärt, weshalb sie keine Kinder hat.

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SPIEGEL ONLINE: Mrs. Mirren, wie steht es denn um Ihr Gedächtnis? Neulich sagte Meryl Streep, sie könne sich an die Handlung vieler ihrer Filme nicht mehr erinnern, nur daran, wie sie sich beim Dreh gefühlt hat.

Mirren: Geht mir genauso. Ich habe sehr viel vergessen. Wenn man einen Teil seiner Arbeit für Kino oder Fernsehen sieht, denkt man: oh Gott. Bei der Szene war es doch so verdammt kalt! Und danach habe ich auch noch mein Handy verloren.

SPIEGEL ONLINE: Erinnern Sie sich auch an Ihre persönliche Situation?

Mirren: Ja. Ich habe neulich ein Buch geschrieben, über mich selbst natürlich, typisch Schauspieler! Wir sind Egozentriker. Da musste ich viel über mich recherchieren, denn ich konnte mich an viele Dinge nicht mehr erinnern - mit wem ich zu bestimmten Zeiten zusammenlebte, wen ich liebte, wann ich was gerade machte.

SPIEGEL ONLINE: Müssen Sie sich bei der Arbeit nicht von Persönlichem frei machen?

Mirren: Wenn man gerade eine sehr traumatische Zeit durchmacht, geht das kaum. Ein Erlebnis betraf mein Berufsleben sehr stark: der Tod meines Vaters. An dem Abend, an dem er starb, steckte ich gerade am Theater, nur kurze Zeit später musste ich einen Fernsehfilm machen, ich war vertraglich festgelegt. In beiden Fällen fiel es mir extrem schwer, mich zu konzentrieren. Normalerweise muss man sich beim Spielen ja fallenlassen. Das konnte ich nicht mehr, weil sofort Trauer und Herzschmerz über mir zusammengebrochen wären. Ich hatte das Gefühl, dass ich bei dem Schauspielprozess vergessen müsste, dass mein Vater gestorben war. Und das wäre Betrug gewesen, das wollte und konnte ich nicht. Starke, traumatische Ereignisse wirken sich immer auf die Arbeit aus.

SPIEGEL ONLINE: Glückliche auch?

Mirren: Bis ich meinen Ehemann kennenlernte, war die Arbeit das Wichtigste in meinem Leben, mein Privatleben rangierte auf Platz zwei. Das war okay so, ich hatte ja auch vorher wunderbare Beziehungen zu tollen Männern. Als ich dann meinen Ehemann traf, änderte sich das. Für eine Weile jedenfalls.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich Ihr Schauspiel auch geändert, vielleicht, weil Sie nun stärkere Gefühle empfanden?

Mirren: Ich glaube nicht. Natürlich hat sich mein Spiel verändert, weil ich einfach älter und erfahrener geworden bin, vielleicht auch zynischer und abgeklärter. Erfahrung ist eigentlich immer eine gute Sache, man muss nur aufpassen, dass sie nicht den Idealismus raubt. Was einen sonst noch ändert - so sagen die Leute - sind Kinder. Ich bin sicher, dass sie das Leben auf den Kopf stellen. Vielleicht habe ich darum keine.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem neuen Film "Hinter der Tür" spielen Sie an der Seite von Martina Gedeck eine geheimnisvolle Haushälterin; ein Charakter, der fast mystisch mit der Natur, mit Tieren verbunden ist. Sind Sie ein spiritueller Mensch? Oder eher eine Logikerin?

Mirren: Ich bin ein extrem logischer Mensch. Aber ich glaube, dass es so etwas wie eine psychische Energie gibt. Das hat man ja schon bewiesen, in der Zwillingsforschung zum Beispiel: Zwei in komplett unterschiedlichen Umgebungen aufgewachsene Geschwister treffen erstaunlich viele identische Entscheidungen. Meine Schwester, die etwas älter ist, und ich haben ebenfalls eine sehr starke Verbindung: Wenn wir zusammen ausgehen, müssen wir vorher am Telefon absprechen, was wir anziehen, sonst tragen wir garantiert exakt das Gleiche, die gleichen Farben, die gleichen Schnitte. Das ist schon fast peinlich.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich das?

Mirren: Keine Ahnung. Aber ich denke, dass man das noch herausbekommen wird, wissenschaftlich fundiert. Man muss diese Art von Chemie zwischen Menschen eben erst noch erforschen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind genauso in Hollywood-Blockbustern wie in Independent-Produktionen zu sehen. Was denken Sie über das europäische Kino?

Mirren: Es unterscheidet sich sehr stark vom amerikanischen! Wenn ich zu Hause bin und etwas sehen möchte, suche ich immer nach europäischen Filmen. Das ist eben mein Geschmack. Natürlich gibt es wunderbare US-Independent-Produktionen, aber sie spiegeln fast immer die amerikanische Kultur. Europäische Filme können dagegen die große Bandbreite der verschiedenen europäischen Kulturen zeigen. Von Italien über Ungarn nach Schweden. Ich war gerade Jury-Vorsitzende eines nordischen Filmfests. Da gab es phantastische Filme!

SPIEGEL ONLINE: Ist Kultur also eine Frage der Vielfalt?

Mirren: Teilweise. Es geht aber auch darum, ob man Film als Kunstform akzeptiert. Europäische Filmemacher haben ständig mit dem Kampf von Kunst gegen Kommerz zu tun. Sie wissen, dass ihr Werk Geld einspielen muss, weil Filmemachen teuer ist, und das nächste Projekt sonst nicht verwirklicht werden kann. Darum ist Filmpiraterie auch so ein schreckliches Verbrechen. Höchst destruktiv, vor allem für diese kleinen europäischen Filme.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch einmal Regie für eine TV-Serie geführt. Wollen Sie das ausbauen?

Mirren: Nein. Das hat zwar Spaß gemacht, und ich war angeblich sogar sehr gut darin. Man wollte, dass ich weitermache. Aber ich habe gemerkt, dass ich keine Regisseurin bin. Ich bin Schauspielerin! Und mein Leben ist sehr ausgefüllt, ich kann ständig zwischen Kino, Fernsehen und Theater wechseln. Einen Film als Regisseur zu machen, dauert viel, viel länger.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht noch mal, wenn Sie alt sind?

Mirren: Wenn ich uralt bin. Und mich niemand mehr vor der Kamera sehen will.

Das Interview führte Jenni Zylka



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
henrywotton 27.03.2012
1. Großartige Frau!
Zitat von sysopREUTERSDie Liebe? Rangierte in ihrem Leben lange auf Platz zwei, hinter der Schauspielerei. Im Interview spricht die Oscar-gekrönte Helen Mirren über die schwierige Balance zwischen Job und Gefühlen, ihren neuen Film "Hinter der Tür" - und erklärt, weshalb sie keine Kinder hat. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,823401,00.html
... ich bewundere Helen Mirren sehr. Allerdings ärgert mich schon das Intro zum Interview: "...erklärt, warum sie keine Kinder hat." Liest man sowas jemals über einen männlichen Schauspieler? Ich werde nie verstehen, warum sich Frauen für Kinderlosigkeit rechtfertigen müssen, aber Männer nicht. Mich interessiert das, by the way, nicht im Geringsten. Es wäre wirklich wünschenswert, wenn der Spiegel von dieser ewig genderbinären Denkweise mal wegkäme.
cbmuser 27.03.2012
2.
Zitat von sysopREUTERSDie Liebe? Rangierte in ihrem Leben lange auf Platz zwei, hinter der Schauspielerei. Im Interview spricht die Oscar-gekrönte Helen Mirren über die schwierige Balance zwischen Job und Gefühlen, ihren neuen Film "Hinter der Tür" - und erklärt, weshalb sie keine Kinder hat. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,823401,00.html
Schade, kein Foto als Kapitän Tanya Kirbuk aus 2010 - The Year We Make Contact in der Fotostrecke. :(
dunham 27.03.2012
3.
Zitat von henrywotton... ich bewundere Helen Mirren sehr. Allerdings ärgert mich schon das Intro zum Interview: "...erklärt, warum sie keine Kinder hat." Liest man sowas jemals über einen männlichen Schauspieler? Ich werde nie verstehen, warum sich Frauen für Kinderlosigkeit rechtfertigen müssen, aber Männer nicht. Mich interessiert das, by the way, nicht im Geringsten. Es wäre wirklich wünschenswert, wenn der Spiegel von dieser ewig genderbinären Denkweise mal wegkäme.
Verstehe ich auch nicht. Immer mehr Leute haben keine Kinder. Was es da zu erklären gibt, weiß Helen Mirren sicher auch nicht ^^ DH
the_german_observer 27.03.2012
4. Filmpiraterie?!
"Darum ist Filmpiraterie auch so ein schreckliches Verbrechen. Höchst destruktiv, vor allem für diese kleinen europäischen Filme." ... und den Satz sollten sich alle hinter die Ohren schreiben, die meinen "downloaden" sei ein Kavaliersdelikt oder diejenigen, die meinen, im Internet sollte alles kostenlos sein.
cbmuser 27.03.2012
5.
Zitat von the_german_observer"Darum ist Filmpiraterie auch so ein schreckliches Verbrechen. Höchst destruktiv, vor allem für diese kleinen europäischen Filme." ... und den Satz sollten sich alle hinter die Ohren schreiben, die meinen "downloaden" sei ein Kavaliersdelikt oder diejenigen, die meinen, im Internet sollte alles kostenlos sein.
Welchen Beleg gibt es denn dafür?
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