Hellboy-Darsteller Ron Perlman "Wenn Warren Beatty beschäftigt ist, nimmt man mich"

Ron Perlman, 54, ist ein exzellenter Darsteller, sieht aber nicht aus wie Brad Pitt. Hollywood dankte es ihm mit Absagen oder skurrilen Nebenrollen. Erst durch "Hellboy" bekam Perlman das, was er verdiente: eine Hauptrolle und höchstes Kritikerlob. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über Komplexe, Instinkte und die Tücken seines Berufs.


Darsteller Ron Perlman: "Was soll ich mit eindimensionalen Plastikfiguren?"
DDP

Darsteller Ron Perlman: "Was soll ich mit eindimensionalen Plastikfiguren?"

SPIEGEL ONLINE:

Sie haben ein sehr markantes Gesicht. Vorteil oder Handicap im aktuellen Filmgeschäft?

Ron Perlman: Ich habe keinen Einfluss auf mein Aussehen, deshalb denke ich nicht darüber nach. Es ist ein Segen, überhaupt einen Job zu bekommen. Es gibt so viele Kollegen, die genauso talentiert sind wie ich oder sogar besser und nie arbeiten. Ich dagegen hatte das Glück, dass Regisseure wie Jean-Jacques Annaud immer wieder mit mir Filme machen wollten. Und Guillermo del Toro hat mir jetzt mit "Hellboy" die erste große Kino-Hauptrolle gegeben. Andere Schauspieler in meinem Alter sitzen schon in ihrem Schaukelstuhl im Pflegeheim.

SPIEGEL ONLINE: Hat Hollywood schon von Ihrer teuflischen Heldentat Notiz genommen?

Ron Perlman: Ich werde jetzt für bessere Rollen abgelehnt als je zuvor. Früher konkurrierte ich mit irgendwelchen Ringern. Jetzt verliere ich Parts an Legenden wie Gary Oldman, Warren Beatty oder Morgan Freeman. Wenn diese Jungs alle beschäftigt sind, dann nimmt man mich.

SPIEGEL ONLINE: Müssen Sie auch jetzt noch Jobs um das Geldes willen annehmen?

Perlman als Hellboy: Vom Monster zum Menschen
Columbia TriStar

Perlman als Hellboy: Vom Monster zum Menschen

Ron Perlman: Allerdings. Ich bin ein verheirateter Mann, der die Ausbildung von zwei Kindern finanzieren muss. Wenn ich keinen guten Job finde und eine Scheißrolle kriegen kann, dann nehme ich sie eben.

SPIEGEL ONLINE: Mit welcher Begründung wurden Sie für Rollen abgelehnt?

Ron Perlman: Dass mein Aussehen nicht dafür passt. Das höre ich ständig.

SPIEGEL ONLINE: Dabei geben Charakterdarsteller oft interessantere Filmhelden ab als die Schönlinge Hollywoods.

Ron Perlman: Was sagen Sie mir das? Aber niemand zwingt das Publikum, sich diese Filme anzusehen. Mich persönlich interessiert so ein Kino nicht. Was soll ich mit eindimensionalen Plastikfiguren? Aber es ist sinnlos, gegen solche Vorlieben anzurennen. Genauso gut könnte ich gegen Windmühlenflügel kämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Stellen Sie bei all den Kompromissen die Schauspielerei in Frage?

 mit Judith Vittet): Verwandlungskunst und Selbstwahrnehmungs-Übung
CINETEXT

mit Judith Vittet): Verwandlungskunst und Selbstwahrnehmungs-Übung

Ron Perlman: Manchmal. Aber Schauspiel ist das einzige im Leben, bei dem ich mich immer im Einklang mit mir selbst fühle. Jedes Kind und jeder Jugendliche ist mit sich selbst nicht glücklich. Aber bei mir war das besonderes ausgeprägt, weil ich großes Übergewicht hatte. Ich empfand mich als vollkommen inakzeptabel. Dieses Minderwertigkeitsgefühl kompensierte ich am Theater. Da konnte ich mich in andere Leute verwandeln. Erst allmählich begriff ich, dass meine eigene Selbstwahrnehmung völlig verzerrt war, und ich begann mich so zu akzeptieren, wie ich war. In gewissem Sinne geht es ja darum auch in "Hellboy": Der Held ist ein Monster, ein Ausgestoßener, der sich letztlich selbst annimmt und so zu seiner eigenen Menschlichkeit findet.

SPIEGEL ONLINE: Wann erreichten Sie den Punkt, wo Sie sich in Ihrer eigenen Haut wohl fühlten?

Ron Perlman: Erst in den letzten zehn Jahren brauchte ich nicht mehr die Schauspielerei, um mit mir selbst klar zu kommen. Bis dahin verschaffte mir nur die Bestätigung durch eine Rolle wirklich Frieden. Aber wenn ich keinen Job hatte, war es schwierig.

SPIEGEL ONLINE: Wie wurden Sie mit Phasen der Arbeitslosigkeit fertig?

Szene aus "Hellboy" (mit Selma Blair): "Ich werde jetzt für bessere Rollen abgelehnt als je zuvor"
Columbia TriStar

Szene aus "Hellboy" (mit Selma Blair): "Ich werde jetzt für bessere Rollen abgelehnt als je zuvor"

Ron Perlman: Ich verbrachte Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden. Ich las viel, machte Sport und ging ins Kino. Am Schwierigsten war es, meinen klassischen männlichen Instinkt zu unterdrücken: Normalerweise willst du der Brotverdiener sein und auf die Jagd gehen, aber als Künstler ist das so nicht immer möglich. Du musst akzeptieren, dass du dich auf einem Weg befindest, an den du wirklich glaubst. Und wenn du einmal eineinhalb Jahre nicht arbeiten kannst, dann ist das eben so. Solche Wartezeiten musst du mit Stil und Intelligenz überstehen und währenddessen an dir arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Wie fanden Sie zu dieser Gelassenheit?

Ron Perlman: Der berufliche Erfolg hat sicherlich mit dazu beigetragen. Aber wenn du älter wirst, fängst du an die Dinge im richtigen Licht zu betrachten. Du begreifst, dass du nicht für immer da sein wirst. Solange du jung bist, ist für dich alles eine Frage von Leben und Tod. Aber dann realisierst du: Es gibt auch einen echten Tod. Und so verstehst du endlich, was wichtig ist und was nicht.

Interview: Rüdiger Sturm



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