"Herr der Ringe - Die Gefährten" Peter Jacksons Märchenstunde

Phantastisch, praktisch, gut: Die Tolkien-Trilogie "Der Herr der Ringe" sei nicht verfilmbar, hieß es. Regisseur Peter Jackson hat mit hartnäckiger Ausdauer und einigen mutigen Kunstgriffen das Gegenteil bewiesen - und ein großes Kinoerlebnis geschaffen.

Von Wiebke Brauer


Kleiner Mann im Herz des Bösen: Frodo (Elijah Wood) muss den Ring vernichten
REUTERS

Kleiner Mann im Herz des Bösen: Frodo (Elijah Wood) muss den Ring vernichten

Natürlich hätte Hitler diesen Film gemocht. Da mag der Filmkritiker der linksliberalen Zeitung "The Independent" schon Recht haben. Denn schließlich strotzt der erste Teil der mythologisch angehauchten Trilogie "Der Herr der Ringe" nur so von großartigen Gesten und Landschaften, miesen Kreaturen und übernatürlicher Schönheit. Hitler hätte Regisseur Peter Jackson nach der Premiere cäsarisch ins Ohr gekniffen und ihn gebeten, fortan Filme für den Führer zu drehen. Dennoch wirbelt der Schreiber des britischen Blattes mit seiner Aussage nur noch den Staub einer gestrigen Debatte auf. Führer hin oder her, die Geschichte des kleinen Mannes, der sich ins Herz des Bösen begeben muss, um die Welt zu retten, ist ein mächtig beeindruckendes Werk.

Dabei gab es nicht wenige Befürchtungen: "Herr der Ringe"-Autor J. R. R. Tolkien selbst hatte schon zu Lebzeiten gegen die "schulmeisterliche" Art der Produktionsfirmen gewettert, die seinen Stoff verfilmen wollten, sein Sohn Christopher hielt noch viel weniger von der Idee, und der erste Versuch einer filmischen Adaption geriet zum finanziellen Desaster - er hörte einfach in der Mitte auf. Zudem hatten die unzähligen Tolkien-Jünger nicht nur leise Zweifel daran, dass sich ihre Bibel fangerecht ins Kino bringen lassen könnte. Nicht ganz zu Unrecht.

Schwieriges Unterfangen für Figuren und Filmemacher: Die Gefährten und ihre unterschiedliche Physiognomie
Warner Bros.

Schwieriges Unterfangen für Figuren und Filmemacher: Die Gefährten und ihre unterschiedliche Physiognomie

Denn auch Peter Jackson hat sich nicht exakt an die Vorlage gehalten. Ganze Kapitel und Jahre fallen weg, Dialoge werden nur bruchstückhaft übernommen und Handlungsstränge filmisch hingebogen So küsst die Elbenprinzessin Arwen Abendstern (puderzuckersüß: Liv Tyler) plötzlich schon im ersten Teil den Mann ihrer Wahl. Im Buch kriegt er sie erst im dritten Teil, der aber erst in zwei Jahren in die Kinos kommt - aber wer wird schon so lange auf die Liebe warten wollen.

Doch gerade in der vollen Ausschöpfung seiner künstlerischen Freiheit hat Jackson zumindest den Nichtlesern einen großen Gefallen getan. Er berichtet von der Geschichte des Hobbits Frodo Beutlin wie jemand, der das Buch vor Jahren gelesen und wohlig seufzend wieder ins Regal zurückgestellt hat. Nun schlägt er das Buch im Kopf wieder auf, und erzählt genüsslich das heiß geliebte Märchen so, wie er es behalten hat: in den schillerndsten Farben und groben Zügen, von A nach B.

Held sein ist ein dreckiges Geschäft: Aragorn (Viggo Mortensen)
Warner Bros.

Held sein ist ein dreckiges Geschäft: Aragorn (Viggo Mortensen)

Ein überraschend simples wie logisches Konzept. Die Geschichte des Ringes und der zugehörigen Völker sind bei Tolkien in klein gedruckten Anhängen und bruchstückhaft in Dialogen nachzulesen. Jackson setzt hingegen eine zehnminütige Voice-Over-Sequenz an den Anfang, die erläutert, dass der dunkle Herrscher Sauron den Ring des Bösen geschmiedet hat und von den Völkern niedergeworfen wurde. Der Ring wurde von dem Hobbit Bilbo wiedergefunden und muss jetzt von seinem Mündel Frodo mit Hilfe von acht Gefährten vernichtet werden - denn dann ist auch Sauron endgültig weg vom Fenster. So einfach ist das.

Das sagt sich so. Wie aber bringt man jene neun Gefährten überzeugend auf die Leinwand? Vier Hobbits, zwei Menschen, ein Zwerg und ein Elb werden von einem Zauberer angeführt, um die Welt zu retten. Da ziehen selbst hartgesottene Freunde des phantastischen Films die Augenbrauen hoch. Aber Jackson hat sechs lange Jahre für seine Mär gekämpft, um auch dieses multikulturelle Figurenkabinett glaubhaft auf Zelluloid bannen zu können. Das liegt nicht zuletzt natürlich auch an Tolkiens Vorlage, in der alle Figuren über einen zweischneidigen Charakter verfügen - oder wie es die "Bild"-Zeitung ausdrückt: "Alle sind gut und böse."

Nicht so eitel wie Sean Connery: Ian McKellen pflegt als Zauberer Gandalf angenehmes Understatement
Warner Bros.

Nicht so eitel wie Sean Connery: Ian McKellen pflegt als Zauberer Gandalf angenehmes Understatement

Das bietet Reales im Phantastischen, und zu diesem Zweck sind die Darsteller gut gewählt: Der Magier Gandalf wird von Ian McKellen, und nicht - wie ursprünglich angedacht - von Sean Connery dargestellt. Letzterer hätte der Figur zwar jenen ausgeprägten Hang zur Eitelkeit verpasst, der ihr literarisch gegeben ist, dafür hält sich McKellen angenehm bezaubernd zurück. Dies wiederum lässt Raum für den gefallenen Zauberer Saruman, den Christopher Lee blitzenden Auges darstellt. Der hat Spaß dabei - und das sieht man.

Sogar dem bescheidenen Held des Filmes, Aragorn (Viggo Mortensen), nimmt man sein schweres Dasein ab, König werden zu müssen, für das Gute zu kämpfen und zwischendurch auch noch aufs Kitschigste seine Arwen zu knutschen. Vielleicht liegt seine Überzeugungskraft an seinen beständig schwarzen Fingernägeln - Held sein ist keine Freude, sondern ein dreckiges und anstrengendes Geschäft.

Ork-Armeen vom Fachmann: Peter Jackson bevölkert seinen Fim mit Horden von Horrorgestalten
Warner Bros.

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Dies gilt auch für Frodo Beutlin (Elijah Wood). Große Begeisterung ist ihm nicht anzumerken, wenn es darum geht, seinen heroischen Weg zu beschreiten, stattdessen fürchtet er sich durch den ganzen Film hindurch und blickt großen blauen Auges in seine ungewisse Zukunft. Keine wirklich beeindruckende Leistung. Aber wie Tolkien selbst schon richtig bemerkte: "Frodo ist nicht wirklich interessant. Er hat ein hohes Ansinnen und eine Berufung."

Ausgesprochen interessant hingegen sind die Figuren der Elbenkönigin Galadriel (Cate Blanchett) und Bilbo Beutlin (Ian Holm). In ihnen manifestiert sich Jacksons retrospektive Erzählart bezüglich der eindrucksvollsten Szenen des Buches, ob derer sich auch Tolkienisten ihre Hände reiben können. Galadriel ist übermächtig und mit Vorsicht zu genießen: Entsprechend verpasst Cate Blanchett der Herrscherin solch gefährliche Untertöne, dass es bei einer simplen Frage ihrerseits dem Zuschauer kälter über den Rücken läuft, als wenn sie sich tricktechnisch in eine Banshee verwandelte.

Mächtig unheimlich: Cate Blanchett als Elbenkönigin Galadriel (l. mit Frodo)
Warner Bros.

Mächtig unheimlich: Cate Blanchett als Elbenkönigin Galadriel (l. mit Frodo)

Bilbo Beutlin wiederum ist für die gruseligste Szene des Filmes verantwortlich, mögen noch so viele alienartige Orks und apokalyptische Ringgeister von "Braindead"-Regisseur Jackson fachgerecht unter der enervierenden Musik von Howard Shore über die Leinwand gejagt werden. Im gemütlichen Gespräch mit Frodo versucht der ehemalige Ringträger Bilbo noch einmal einen Blick auf seinen "Schatz" zu werfen und verwandelt sich urplötzlich in eine gierige Fratze. Selbst im Buch ist dies nur eine Vision in Frodos Kopf - im Film gefriert einem das Blut.

So ist dem neuseeländischen Independent-Filmer das gelungen, was man lange nicht mehr gesehen hat: einen dreistündigen, unglaublich detailverliebten Film zu drehen, dessen Spielzeit wie im Fluge vergeht und den Kinogänger offenen Mundes entlässt. Tolkien könnte zufrieden sein: Das literarisch als "Bestes unter den Schlechtesten" beleumdete Basiswerk alles Phantastischen ist als solches nun in den Kinos zu sehen.

"Der Herr der Ringe - Die Gefährten" ("The Lord of the Rings - The Fellowship of the Ring"). USA 2001. Regie: Peter Jackson; Drehbuch; Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson; Darsteller: Elijah Wood, Ian McKellen, Liv Tyler, Viggo Mortensen. Sean Astin, Cate Blanchett, Ian Holm, Christopher Lee. Produktion: New Line Cinema; Verleih: Warner Brothers; Länge: 178 Minuten; Start: 19. Dezember 2001.



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