"Herr der Ringe"-Verfilmung Im Kreuzfeuer der Fans

Auf dem Regisseur Peter Jackson lastet eine schwere Aufgabe: Bis Ende 2000 soll er den ersten Teil des Tolkien-Klassikers "Herr der Ringe" in Neuseeland abgedreht haben. Die Fans fordern auf Websites von ihm die absolute Originalbuch-Treue und machen ihm das Leben mit penetranten Set-Besuchen schwer.

Von Rüdiger Sturm


Selten hofierte ein Hollywood-Studio ein literarisches Publikum mit solcher Fanfare. Rund 20 Monate sind es bis zur Weltpremiere des ersten von drei "Herr der Ringe"-Filmen, bis zu einem Jahr sollen die Dreharbeiten noch dauern. Doch schon letzte Woche stellte die produzierende New Line Cinema einen zweieinhalbminütigen Trailer ins Netz. Das Resultat: ein Weltrekord. Rund 1,7 Millionen User luden sich innerhalb des ersten Tages die wenigen Hintergrundinfos und Szenenschnipsel herunter - 70 Prozent mehr als bei "Star Wars - Episode I".

Der frühe Startschuss hatte seine Gründe. Nicht nur dass J.R.R. Tolkiens Fantasy-Trilogie weltweit über 50-Millionen-mal verkauft wurde; überdies erfreut sie sich einer Anhängerschaft, die sie als süchtig machenden Gegenentwurf zur grauen Realität feiert. Noch nie hatte ein Schriftsteller einen so detaillierten Kosmos aufgebaut, samt historischer Chroniken, volkskundlicher Studien und eigens entwickelter Sprachen. Die Handlung des "Der Herr der Ringe" setzt auf tausenden Seiten anderen Materials auf, das teilweise erst nach Tolkiens Tod herausgegeben wurde. Angesichts dessen wird verständlich, weshalb eine "Herr der Ringe"-Verfilmung heutzutage die Gemüter mehr erregt als eine Kinoversion der Bibel.

Liv Tyler mimt Elbenprinzessin Arwen
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Liv Tyler mimt Elbenprinzessin Arwen

Schon jetzt stürzen sich die Fans auf den einschlägigen Websites auf alle Fetzen, die von Peter Jacksons Drehbuchversion bekannt werden. Bisher standen die Zeichen auf Entwarnung, zumal Jackson öffentlich eine möglichst Tolkien-getreue Verfilmung angekündigt hatte. Doch schon allein der Bericht eines Filmstatisten, der inhaltliche Änderungen bei einer der Ring-Schlachten andeutete, sorgte für wilde Diskussionen, ob die Vision des Buches nun in Gefahr sei oder nicht. Am schärfsten in der Kritik steht die Figur der Elbenprinzessin Arwen, die bei Tolkien entrückt als Idealbild der Schönheit präsentiert wird, bei Jackson dagegen nachweislich zu einer schwertschwingenden Kriegerin avanciert ist. "Bis jetzt ist das die enttäuschendste aller Änderungen", nölte ein Fan auf einer Website. "Das reißt ja ganze Löcher in das Gewebe der Geschichte", beschwerte sich ein anderer Tolkienjünger. Dass diese Figur ausgerechnet von der glatten Hollywood-Beauty Liv Tyler gespielt wird, macht die Sache nicht weniger problematisch.

Ungeachtet solcher Irritationen lässt sich auf den Fan-Websites ein gespannter Optimismus erkennen. Peter Jacksons Bemühungen um Tolkien-Treue wirken noch glaubhaft. Bei der visuellen Konzeption arbeitete er mit den auf Tolkien spezialisierten Künstlern Alan Lee und John Howe zusammen; und auch seine Ankündigung, die Helden mit Unbekannten zu besetzen, machte er weitgehend wahr. Wer hatte zuvor schon von Dominic Monaghan, dem Darsteller des Hobbits Merry, oder Orlando Bloom (der Elb Legolas) gehört? Auch die prominenteren Namen wie Elijah Wood (Frodo) oder Sean Bean (Boromir) zählen nicht gerade zu Hollywoods A-Liste.

Vom Aufwand her können sich die drei "Herr der Ringe"-Filme, die komplett in Neuseeland gedreht und tricktechnisch bearbeitet werden, mit US-Großproduktionen messen. New Line Pictures stockte das ursprüngliche 130 Millionen-Dollar-Budget um 60 Millionen Dollar auf. Ring-Produzent Barrie Osborne ("The Matrix") vergleicht die organisatorischen Dimensionen mit dem berühmt-berüchtigten Dreh zu "Apocalypse Now", bei dem er als Herstellungsleiter gearbeitet hatte.

Die Faszination dieses Projekts ist so groß, dass sich in Neuseeland, wo die drei "Herr der Ringe"-Filme in einem Stück gedreht werden, ein regelrechter Spion-Tourismus entwickelt hat. Fan-Scouts machen die verschiedenen Drehorte ausfindig und versuchen einen Blick auf Kulissen und Aufnahmen zu erhaschen. Vor kurzem überraschte ein Fernsehteam des Senders TV3 einige Tramper mit heimlich gefilmten Material von den Dreharbeiten, das angeblich bei einer Netz-Versteigerung bis zu 20.000 Dollar eingebracht hätte. Der Trailer, dem weitere folgen sollen, lässt sich also auch als Versuch verstehen, den wilden Fluss an Informationen in geordnetere Bahnen zu lenken. Tolkien selbst hatte zu Bearbeitungen seines Epos eine pragmatischere Haltung. In einem Brief an Terence Tiller, den Produzenten einer BBC-Radioadaption des "Herrn der Ringe" bemerkte er: "Kann eine derartige Geschichte überhaupt dramatisiert werden, wenn der Bearbeiter nicht entsprechende Freiheiten bekommt oder sie sich herausnimmt?".



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