Film über Polyamorie Ein bisschen Bock aufeinander

Wie liebt man zu dritt? Und wie wird man zu dritt schwanger? Der deutsche Debütfilm "Heute oder morgen" nimmt sich Polyamorie unter Millennials an.

Edition Salzgeber

Allzu viel tut sich nicht im Leben von Maria (Paula Knüpling) und Niels (Maximilian Hildebrandt). Im Grunde sogar gar nichts. Niels, dunkelblondgelockt und vermutlich noch keine 30, jobbt im Café; Maria, seine Freundin und mehr oder weniger im selben Alter, hat ihr Studium abgebrochen und besprayt jetzt Berliner S-Bahn-Waggons - ein Hobby zwar, aber keine Leidenschaft.

Wonach diese beiden Proto-Jahrtausender streben, wissen wir genauso wenig wie wir die Biografien kennen, die hinter ihrem Müßiggängertum stecken. Über beides lässt sich aber spekulieren: einigermaßen stabile Kindheit irgendwo in Deutschland, dann Umzug nach Berlin, Erlangung sexueller Reife und schließlich erst in einer Beziehung, dann in der Langweile gelandet. Wollen tun sie beide nichts, außer es miteinander - oder es mit jemand anderem oder es mit jemand anderem und gleichzeitig miteinander.

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"Heute oder morgen": Ein bisschen Bock auf einander

Manchmal wallt das Begehren durch ihre Leiber, manchmal haben die beiden auch zu irgendetwas eine Meinung: Maria hält zum Beispiel Kunststudenten für bescheuert, Niels kennt sich ein bisschen mit Wintergärten aus, beide finden Schlauchbootfahren kacke. Ansonsten haben sie - und das wirkt fast programmatisch - wenig Eigensinn, wenig Fleisch ums Figurenskelett.

Ein paar sonnige Sommerwochen, handgefilmte Kreuzberg-Ikonen und ein Personal, das sich auf sein stummes Recht beruft, uninteressant sein zu dürfen. Soweit so klassisch für viele deutsche Nachwuchsfilme, die Debüt um Debüt in die Stimmungslagen der Endzwanziger, Anfangdreißiger hineinseismographieren, um nach 90 Minuten idealerweise festgestellt zu haben, dass es da zwar eher nicht so gut, aber auch nicht so wirklich schlecht zugeht - so wie vermutlich seit Anbeginn der Stimmungslagengeschichte.

Einen anderen Schwerpunkt legt nun auch Thomas Moritz Helm mit seinem Kinodebüt "Heute oder morgen" nicht - in seinem Film über gelangweilte Millennials gibt es höchstens eine Akzentverschiebung. Stichwort: Polyamorie, die Liebe zu dritt und was das so bedeutet.

Sex, Freibad, Blaulicht

In der S-Bahn lernen Maria und Niels Chloë (Tala Gouveia) kennen. Die kommt aus England, schreibt gerade ihre Doktorarbeit über Stadtentwicklung und Gesellschaft. Sie wirkt erwachsener als die beiden anderen. Jeder küsst mal jeden, und der andere schaut zu, dann küssen sie sich zu dritt und haben Sex, und wir schauen zu. Nur sehen wir kaum was: Die Szene ist schattig beleuchtet, spielt nachts in einem Freibad, in das sie eingebrochen sind, weil man das eben tut, wenn man nachts überlegt, was man tut, wenn man Sex haben will, den niemand sehen soll, für den man aber, wäre man schon zu Hause gewesen, nicht extra in ein Freibad eingebrochen wäre, für den man also nicht getan hätte, was man eben tut.

Dann kommt die Polizei, das Blaulicht hellt die Szene auf, aber da ist sie längst vorbei.

Diese Szene ist symptomatisch für "Heute oder morgen": auf schattige Subtilität abzielend, aber eben doch nur nachts in einem Freibad spielend - wie Hunderte andere Intimszenen zuvor.


"Heute oder morgen"
D 2019
Drehbuch und Regie: Thomas Moritz Helm
Darsteller: Paula Knüpling, Maximilian Hildebrandt, Tala Gouveia, Hans-Jochen Wagner, Leonard Kunz
Produktion: CASQUE Film
Verleih: Salzgeber & Company Medien
Länge: 93 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 19. September 2019


Sich in der Geometrie der Liebe zu dritt zurechtzufinden, erfordert Kompromissbereitschaft - da verschiebt sich alles zu neuen Mustern: Eifersucht, Vertrauen, Verantwortung, Macht. So die Schwerpunkte, die Helm setzt. Um diese geht es in der Folge und darum, das alles auzudiskutieren und -zuhalten. Und um eine Schwangerschaft, eine Schwangerschaft zu dritt.

Ein Kompromiss, so hat man das Gefühl, ist auch dieser Film selbst: Für eine interessante Auseinandersetzung mit den Gefühlsspannungen im Liebesdreier sind seine Figuren letztlich zu schal und zu träge. Und für den offenen Blick in die erotische Organisation der Beziehung sind die Körper schlicht zu zahm inszeniert. Einmal aber kommt es zu einer schönen Geste. Chloë küsst Maria auf der Couch, ihre Hand berührt - am Nacken der Geküssten vorbeigreifend - Niels Hals. Verlangen und Verrenkung.

Im Video: Der Trailer zu "Heute oder morgen"

Edition Salzgeber

Auf die Kraft solcher Bilder setzt "Heute oder morgen" leider nur dieses eine Mal. Dass die Polyamorie ein schwieriges Konzept ist, erst recht wenn es sich gegenüber anderen durchsetzen soll, dass sie einigen Gesprächsbedarf und die ein oder andere Frustration nach sich zieht, dürfte jeder auch ohne diesen Film erraten können. Sie setzt sich schließlich heute nicht zum ersten Mal nicht durch.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
schulte 18.09.2019
1. von vorvorgestern
Schaut Euch lieber von Thome "Das rote Zimmer"an . Dagegen scheint dieser hier besprochene Film von vorvorgestern .Aber da ja junge Menschen dabei fotografiert werden , wahnsinnig wichtig , dass darüber geschrieben wird. "Das rote Zimmer" war da in Charme , Radikalität und Realitätsverweigerung viel weiter , visionärer und verspielter .
urmedanwalt 18.09.2019
2. Interessantes, aber schwieriges Thema
Die Kritik klingt ja nicht so doll, aber ich werde mir den Film ansehen. Polyamorie ist aber viel mehr als nur ne Dreiecksbeziehung, wie es sie schon immer gab. Das ist eine Lebenseinstellung, die mit viel Selbstkontrolle und vor allem mit bedingungsloser Liebe zu tun hat.
From7000islands 18.09.2019
3.
Zitat von urmedanwaltDie Kritik klingt ja nicht so doll, aber ich werde mir den Film ansehen. Polyamorie ist aber viel mehr als nur ne Dreiecksbeziehung, wie es sie schon immer gab. Das ist eine Lebenseinstellung, die mit viel Selbstkontrolle und vor allem mit bedingungsloser Liebe zu tun hat.
Nach der Beschreibung sind da junge Menschen, die keinerlei Ambitionen in ihrem Beruf haben, die arbeiten , um zu überleben und nun soll plötzlich eine tiefe Emotion in deren Dreieck passieren? Die Emotionen glaubt ihnen niemand und die Höhepunkte einer gelangweilten Truppe werden automatisch mit der Zeit das Schicksal aller Dinge unter der Erdanziehung erleiden. Bock aufeinander erwächst aus dem Gegensatz von Entbehrung und Erfüllung, und man nennt das manchmal Leidenschaft. Einige basteln daraus sogar stink konservative Liebe draus. nach den Bildern ist das ein gestreckter Edel Porno der 60er Jahre bevor es zu Oswalt Kolle ging.
angebla 18.09.2019
4. Sind das...
...die Inhalte, die uns umtreiben? "Polyamorie unter Millennials"? Meine Güte.
karlsiegfried 18.09.2019
5. Ein wahnsinnig (un)wichtiges Thema
Deutschland schwebt im Märchenland. Alles ist gut, nur die 'Polyamorie', was ist da eigentlich, hat noch keinen richtigen Stellenplatz. Weiter so, diese Lücke muss dringend geschlossen werden. Siehe dazu auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Polyamorie
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