Hirnschlag-Drama im Kino Wimper um Wimper

Vom Lebemann zum reglosen Hautsack: Julian Schnabels Verfilmung des autobiografischen Bestsellers "Schmetterling und Taucherglocke" zeichnet anrührend die Krankengeschichte des ehemaligen Chefredakteurs der französischen "Elle" nach - und entwickelt eine ganz eigene Schule des Sehens.

Von Birgit Glombitza


Weiße Kittel, sprechende Köpfe, ein Monitor, ein paar Kabel im Anschnitt, ein Stück WC-Stein-farbene Zimmerdecke, hin und wieder das Dekolleté von Ergotherapeutinnen und Logopädinnen, die das Gaumensegel prüfen oder das Kopfkissen zurechtrücken. Und wenn niemand mehr da ist, ein flatternder Vorhang, in dem sich bei schönem Wetter das Sonnenlicht verfängt. Dahinter irgendwo das Meer.

So ein Mensch, das ist nicht viel, wenn das Schicksal einmal seinen Hammer herabfahren lässt. Drei Viertel des Gehirns, Herzschlag, Gehör, ein Auge - viel mehr ist Jean-Dominique Bauby (Mathieu Amalric) nach seinem Hirnschlag und zwei Monaten Koma nicht geblieben. Der 42-Jährige kann seinen Körper nicht mehr spüren, nur das linke Augenlid kontrolliert er noch. Das Schlucken und Verdauen haben die Apparate der Intensivmedizin übernommen.

Und an der Stelle, wo Jean-Dominique früher seine Hermès-Halstücher trug, ragt nun eine Kanüle aus weißem Kunststoff aus der Luftröhre um die Atmung zu erleichtern. Jean-Dominique Bauby, der erfolgreiche Chefredakteur der französischen Zeitschrift "Elle", das von Models und Glamour umflirrte Mediengeschöpf, der untreue Ehemann und unzuverlässige Familienvater lernt die Verzweiflung. Er ist eingesperrt in einem regungslosen Hautsack - Locked-In-Syndrom nennt das die Medizin - und will sterben.

An dem Morgen, an dem man ihm ein Augenlid wegen einer Entzündung zunähen muss, und wir wie von "Innen" zusehen können, wie sich Wimper um Wimper über der Augenhöhle schließt, ist es, als ob sich ein vorletzter Vorhang senkt. Das ist so dramatisch, anrührend und ergreifend, dass man sich am Stuhl festhalten möchte.

Das Blau des Lebens

Wie ein Tiefseetaucher hockt der gelähmte Patient in einem wie mit Blei beschwertem Körper und blickt durch das eine, kleine, runde Fenster seiner Glocke in das große, mysteriöse Blau seines restlichen Lebens. Und mit ihm die meist ebenso regungslose, überwiegend subjektive Kamera, geführt von Janusz Kaminski, Steven Spielbergs Lieblingskameramann.

Diese Ich-Perspektive, in der Regel ein ebenso simpler wie leicht ausreizbarer Effekt, wirkt hier wie eine kleine Offenbarung. Nicht nur, weil sie die Kamera und mit ihr das Publikum in starren, frontalen Einstellung in das Kinodunkel und einen imaginären Körper einsperrt. Sondern auch, weil Regisseur Julian Schnabel mit diesem Blick das Kino und seinen Aufnahmeapparat als das wieder entdeckt, was sie von Anbeginn an waren. Als Sehprothesen, als Instrumente ungebremster Schaulust.

"Schmetterling und Taucherglocke", der auf dem gleichnamigen autobiografischen Bestseller des tatsächlichen Baubys basiert, ist so etwas wie Schnabels Geschichte des Sehens. Baubys von verkrampften Muskeln absurd weit aufgerissenes Auge erinnert an die Ludovico-Methode, die Alex in Kubricks "Clockwork Orange" (1971) durchzustehen hat, an die grausame Bildertherapie seiner Umerziehung. Und natürlich muss man an Georges Bataille denken, an die Erzählungen seines Auges, das sich auf schamlose Entdeckungsreisen begibt. Oder an Dsiga Wertovs Kinoauge "Kinoki", in dessen Blick einmal die ganze wahre Welt passen sollte.

Jean-Do, wie ihn alle in der Klinik bald liebevoll nennen, entdeckt die Phantasie, die Erinnerung, den kleinen Rausch eines Tagtraumes. Mit Jean-Do lernen die Bilder fliegen. Von einer Austernorgie mit seiner schönen Lektorin (Anne Consigny), zu einem Strandurlaub mit seiner Familie oder einer fast vergessenen Reise nach Lourdes. Sein Blick schwirrt wie ein Schmetterling vom Faltenwurf eines Sommerkleides seiner schönen Frau (Emmanuelle Seigner) in die langen Haare seiner Geliebten (Marina Hands). Er hockt ihr im Nacken, ruht sich am Ohr aus, an der Schläfe, während die Sonne kleine leuchtende Streifen über ihr Gesicht schickt.

Einmal blinzeln für "Ja", zweimal für "Nein". So kommuniziert Jean-Do mit dem Klinikpersonal. Der Gelähmte lernt ein spezielles Alphabet, das mit seinem Wimpernschlag zu benutzen ist. Seine Logopädin sagt es ihm immer wieder und für jeden Buchstaben aufs Neue auf: E-S-A-R-I-N-T-U ... Es wird Jean-Dos Mantra. Mit ihm addiert sich mühsam Buchstabe zu Buchstabe, Wort zu Wort. Bis ein Gespräch oder gar ein ganzes Buch draus wird.

Es ist das dritte Mal, dass Regisseur Julian Schnabel ("Basquiat" (1996), "Before Night Falls" (2000)) einen biografischen Film über kreative Männer dreht, die sterben. Doch dieses Mal hat ihn die Reduktion, die die Behinderung seines Helden mit sich bringt, zu einer wunderbaren formalästhetischen Kühnheit geführt.

Die minimale Tiefenschärfe, die schlierigen Oberflächen - die Kamera soll Schnabels Brille im buchstäblichen Sinne vor der Linse getragen haben - die mühsamen Fokussierungen der Gesichter, die sich in extremer Nähe in Jean-Dos Gesichtsfeld schieben, die Lichtabfälle und Überstrahlungen an den Bildrändern, das "Ja"- Zwinkern und das "Nein"-Doppelblinzeln machen das Aufwachen, das Bewusstwerden des Erzähler-Ichs auch zur Sache des Publikums und des Kinos selbst.

Schnabel mag ein eitler sonnenbebrillter Malerfürst sein, ein snobistischer Fatzke der New Yorker Kunstszene, einer, den der allzu schnelle Erfolg für redlichere künstlerische Ambitionen versaut haben soll. Einer wie Jean-Dominque Bauby vielleicht. Dennoch ist "Schmetterling und Taucherglocke", für den Schnabel in Cannes den Regiepreis erhielt, alles andere als eine moralische Selbstgeißelung. Im Gegenteil, es ist ein wunderbares Hohelied auf den Blick, auf die Eroberungszüge des Auges, auf die Weltschöpfungen der Phantasie und der Erinnerung.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.