Hitler-Verehrer Rabe Rettung unterm Hakenkreuz

2. Teil: "Das vermaledeite Dritte Reich" - Warum Ulrich Tukur die beste Besetzung ist


Es gibt kaum einen besseren für diese Rolle. Tukur war Hamlet und Jedermann, SS-Offizier und Stasi-Spitzel, Er hat Dietrich Bonhoeffer und dem jungen Herbert Wehner sein Gesicht geliehen, Blaubart und andere Massenmörder gespielt. Tukur ist komplex und gebrochen: Ein bisschen eitel aber nicht zu viel, kokett aber nicht nervig, amüsant, albern, charmant und geduldig, vielseitig, ein Spieler.

"Tukur bringt was mit, was manchmal nervt, aber wichtig ist", sagt Regisseur Gallenberger: "Er ist im positiven Sinne ein Kasper, ein Stehgeiger, immer unterwegs und oft nicht gleich da, wo man ihn eigentlich braucht, weil er gerade irgendwo rumalbert."

Tukur steht vor der Werkshalle, über ihm bauscht sich das Hakenkreuz im Wind. Es ist weit nach Mitternacht, die Temperaturen sind knapp über dem Gefrierpunkt. Er isst einen Apfel – der Schauspieler isst eigentlich immer irgendwas. Und albert mit Kollegen und Komparsen rum, während das Filmteam eine Szene dreht, in der Rabes Dienstwagen im letzten Moment einer Bombendetonation ausweichen muss. Lehm, Sand und Steine wirbeln meterhoch, als die chinesischen Pyro-Techniker die Explosion in einem kleinen Erdkrater auf dem Fabrikhof zünden.

Für die Sequenz hat die Crew nur einen Versuch. Die Vorbereitungen sind aufwendig, die Detonation ist auch ein bisschen gefährlich. Doch der Versuch geht schief, der Wagen schert zu früh aus. Was tun? Ein zweiter Anlauf kostet Zeit und Geld. Es geht auf 02.30 Uhr morgens, die Truppe fröstelt und schwächelt.

Eigentlich sollte Ulrich Mühe ("Das Leben der anderen") den Rabe spielen. Aber er war schon todkrank, als ihn das Angebot ereilte, und musste ablehnen. Tukur erzählt das offen und mit einer gewissen Ehrfurcht vor dem großen Kollegen. Auch, dass er Mühe angerufen hat, nachdem er dann die Rolle bekam, und ihm das mitteilte. "Dann bleibt wenigstens der Vorname", hat Ulrich Mühe geantwortet.

Sicherheit für das Projekt gab es fast nie

Als der frühere deutsche Botschafter in China und Sinologe, Erwin Wickert, 1996 Rabes Tagebücher veröffentlichte., holte die deutsche Geschichtsschreibung nur kurz Luft. Ein paar Artikel, das war's. Mischa Hofmann, damals noch junger Filmproduzent, sicherte sich sofort die Rechte, weil ihn Stoff und Person fesselten.

Zusammen mit Benjamin Herrmann ("Das Wunder von Bern"), der für die Produktion vor Ort verantwortlich ist, machte sich Hoffmann an die Verwirklichung, sammelte Geld und Ideen. Erst das Drehbuch von Florian Gallenberger überzeugte ihn. Da traf es sich gut, dass sich alle zusammen von der Münchner Filmhochschule kannten, zum Teil eng befreundet sind, und Gallenberger gerade als erster Deutscher den Oscar für seinen Kurzfilm "Quiero Ser" gewonnen hatte.

Die Besetzungsliste ist illuster. Daniel Brühl ("Good bye, Lenin") ist dabei und die Fernseh- und Grimme-Preisträgerin Dagmar Manzel, der US-amerikanische Star Steve Buscemi ("The Big Lebowski") oder die zarte Französin Anne Consigny ("Schmetterling und Taucherglocke").

Die Vorbereitung dauerte vier Jahre, Sicherheit für das Projekt gab es fast nie. Die Drehgenehmigung traf erst zwei Monate vor Aufnahmebeginn ein, da waren schon Millionen investiert.

Lichtpunkte in der Dunkelheit

Eigentlich hätte ein internationaler Großfilm über das chinesische Nationaltrauma, das in Europa Jahrzehnte lang so wenig Aufmerksamkeit fand, so ganz nach dem Geschmack der politischen Führung sein müssen. Doch nun kam das Filmprojekt unversehens einer überraschenden Aussöhnungsinitiative mit dem Erzfeind in Tokio in die Quere, die ganze Sache wurde auf einmal hochpolitisch. Und es bedurfte einer Grundsatzentscheidung von "oben". Nicht die zuständigen Kulturkammern der KP konnten das Okay geben, sondern nur direkt das Außenministerium.

Im März 1938 verließ John Rabe Nanjing und kehrte nach Berlin zurück. Dort wird der chinesische Volksheld zur tragischen Figur, verfolgt von der Gestapo, im Stich gelassen von Siemens, zum Teil sogar arbeitslos. Den Nationalsozialisten, Rabes Parteigenossen, passen seine Tagebücher nicht, die Wahrheit über den Terror des NS-Verbündeten Japan ist im Dritten Reich unerwünscht. Rabe stirbt 1950, völlig vergessen, nach einem Schlaganfall .

Die deutsche Geschichte, das "vermaledeite Dritte Reich", habe seine ganze Jugend geprägt, sagt Tukur. Deshalb haben ihn diese Rollen immer wieder angezogen: Nazis, SS-Schergen, Wehrmachtsoffiziere.

Und auch deswegen wollte er unbedingt diesen Film machen und Rabe spielen. "Nun endlich kann man anfangen, die deutsche Geschichte auch mal auf andere Art zu durchleuchten", sagt der Schauspieler, "und nach Schindlers und anderen Lichtpunkten in der Dunkelheit suchen."

Doch soviel Ernst hält nicht lange, dann schafft sich wieder der andere Tukur Platz, wie damals bei Rabe. Dann verzieht er das Gesicht, weil ihn der Film schafft, mit den vielen Nachtdrehs und den schwierigen Komparsen, dazu die Kommunikationsprobleme, der ständige Smog, die nimmermüde Massenmetropole. Und zu allem Überfluss schmerzt auch noch der Arm, Tukur kann ihn kaum heben. "Ich bin für den Hitler-Gruß total ungeeignet", sagt er, Schnitt. Und geht in die Maske.



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