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23. April 2008, 10:01 Uhr

Hitler-Verehrer Rabe

Rettung unterm Hakenkreuz

John Rabe war ein glühender Hitler-Verehrer - und rettete als Siemens-Statthalter 1938 Tausende Chinesen vor japanischen Massakern. Seine ungewöhnliche Geschichte wird jetzt mit Ulrich Tukur verfilmt. SPIEGEL-Redakteur Manfred Ertel war bei den Dreharbeiten dabei.

Im Nachtschatten des NS-Banners hastet ein gesetzter Herr in Frack und weißer Weste über das matschige Werksgelände, vorbei an rostigen Schiebetoren und klapprigen Kleinlastwagen mit dem Schriftzug "Siemens China Co.". Hinter ihm in heller Panik Dutzende zerlumpter Chinesen: Greise, Frauen, Kinder. Die Nachtluft summt vom drohenden Gebrumm unsichtbarer Kampfbomber über der Stadt.

"Die Fahne, holt die Fahne raus", ruft John Rabe Arbeitern zu. Gemeinsam zerren sie noch so ein gewaltiges, leuchtend rotes Tuch mit Hakenkreuz auf weißem Grund aus dem Kofferraum einer Limousine und spannen es in Kopfhöhe auf.

"Los, los jetzt, schnell", treibt Rabe die Menge an. Die Chinesen suchen unter der Flagge Zuflucht wie unter dem schützenden Dach eines Bunkers, bis die Luft rein ist. "Wir haben es geschafft", ruft Rabe. Frack und Weste sind mit Schlammspritzern übersät, auf seiner Glatze glänzt der Angstschweiß. Die Geretteten werfen jubelnd die Arme in die Luft, Schnitt.

Gespannt geht Ulrich Tukur, 50, zu den Monitoren, um sich die Szene auf dem Schirm anzusehen. Der Hamburger spielt John Rabe, die Hauptrolle in einem 15 Millionen Euro teuren Film über das Massaker von Nanjing und einen ganz und gar untypischen deutschen Helden.

Rabe war Statthalter von Siemens in Nanjing, als Ende 1937 japanische Truppen das chinesische Festland überfielen und Hunderttausende Menschen grausam niedermetzelten. Allein in der ehemaligen Kaiserstadt, damals Hauptstadt von Staatschef Chiang Kai-shek, wurden mindestens 100.000 chinesische Zivilisten getötet, nach chinesischen Berechnungen sogar über 300.000. Zigtausende Frauen und Kinder wurden von den Invasoren bestialisch gequält, verstümmelt, vergewaltigt, gepfählt.

Ikone der Vernichtung als Symbol der Zuflucht

John Rabe flüchtete nicht wie fast alle westlichen Diplomaten und Geschäftsleute vor den anrückenden Japanern und den ihnen vorauseilenden Horrormeldungen. Der deutsche Nazi, Mitglied der NSDAP (Karteinummer 3401106), amtierender Ortsgruppenführer und glühende Hitler-Verehrer, blieb - und wurde zum Heroen.

Zusammen mit drei Handvoll Westlern, Missionaren, Medizinern, mutigen Privatleuten, gründete Rabe in Nanjing eine Internationale Sicherheitszone für rund 250.000 Einwohner, und rettete den meisten von ihnen als Amtschef – im Namen des Nationalsozialismus – das Leben. Die verehren ihn seitdem als "lebenden Buddha". Die "New York Times" rühmt ihn als "Oskar Schindler von Nanking" und als "Nazi, der Leben rettete".

Nun will ihm Jung-Regisseur Florian Gallenberger, 36, ein Denkmal setzen und die in Deutschland weitgehend unerzählte Geschichte, die auch deutsche Geschichte ist, zu einem abendfüllenden Kinofilm machen. Und die Szene mit der Nazi-Flagge ist darin eine ganz besondere, vielleicht die Schlüsselszene überhaupt.

Vier Anläufe brauchen die Filmleute, bis sie im Kasten ist. Mal wird das Fahnentuch falsch herum gehalten, die Unterseite des Hakenkreuzes nach oben, mal sind die chinesischen Komparsen nicht richtig bei der Sache. Es ist spät geworden. "Bring sie mal ein bisschen hoch, damit die nicht einschlafen", kommandiert Gallenberger genervt seinen Aufnahmeleiter. Danach sind sie dann wieder zu euphorisch: "Da ist ja wie bei Fußballfans", stöhnt der Regisseur, alles zurück auf Position eins, noch mal von vorn.

Es ist dieses Bild mit der Hakenkreuz-Fahne, das das Historiendrama für die Filmemacher so einzigartig macht oder zumindest so außergewöhnlich. Dass "die Ikone der Vernichtung auch Symbol für Zuflucht gewesen ist", bewegt und fasziniert Gallenberger gleichermaßen. Und macht das ganze für ihn nicht einfacher. Denn die Frage, ob Rabe nun ein guter Nazi war oder nicht, ist für ihn eigentlich "unbeantwortbar".

Versteckt im Dienerklosett

Und es ist dieses Paradox, das die Antwort und damit auch den Film so schwer macht: dass ein "glühender Hitler-Bewunderer" (Gallenberger), jemand, der so "unheimlich deutsch" war, wenn es um Ehre, Pflicht und Disziplin ging, "in einer bestimmten Situation menschlich das Richtige tut": Sich exponiert, Verantwortung übernimmt, Gefühle walten lässt, einfach so.

Bis zu 650 Menschen gab Rabe persönlich Zuflucht. "Frauen und Kinder bitten flehentlich um Einlass", notierte Rabe in seinen Tagebüchern: "Da ich das Jammern nicht mehr mit anhören kann, lasse ich alle herein". Sie campierten auf gerade mal 500 Quadratmetern, in seinem Haus, im Garten, im "Kohlenloch" oder – "acht Frauen und Kinder" – im "Dienerklosett". Immer wieder stellte sich Rabe plündernden Soldaten und marodierenden Truppen auf der Suche nach Frauen und Mädchen entgegen.

Rabe war nicht zum Helden geboren. Er war kein intellektueller Weltverbesserer, vermutlich nicht mal ein besonders ausgeprägter Idealist. "Ich kann nicht anders", hält er in seinen Aufzeichnungen fest, "wer einmal, an jeder Hand ein zitterndes Chinesenkind, stundenlang bei einem Luftangriff im Unterstand gesessen hat, wird das nachfühlen können".

Aber der Sohn eines Hamburger Kapitäns war "kein ungebrochener Held", sagt Tukur, vielleicht sogar nur "einer wider Willen". Die Geschichte habe ihm eine Rolle zugespielt und er habe sich im richtigen Moment für die richtige Sache entschieden.

Es gibt aber auch den anderen Rabe: herrisch, arrogant und eitel, ein Macho, der seine Frau nur "Mutti" nennt, noch dazu ausgestattetet mit einem ganz eigenen, bösen Humor. Und er ist, natürlich, Nationalsozialist. Rabe schwärmt von Hitler: "Ein einfacher, schlichter Mensch wie Du und ich". Und nennt die Nazis "Soldaten der Arbeit".

"Ich kann nicht sagen, dass ich den Rabe irre gern mag", sagt Regisseur Gallenberger. Seine Filmbotschaft soll deshalb mehr sein, als die triviale Aussage, dass es gute Nazis gab. Auch Tukur will Rabe unbedingt mit all seinen Schattenseiten zeigen, zum Beispiel "wie unangenehm er ist, wenn er den deutschen Herrenmenschen raushängen lässt".

"Das vermaledeite Dritte Reich" - Warum Ulrich Tukur die beste Besetzung ist

Es gibt kaum einen besseren für diese Rolle. Tukur war Hamlet und Jedermann, SS-Offizier und Stasi-Spitzel, Er hat Dietrich Bonhoeffer und dem jungen Herbert Wehner sein Gesicht geliehen, Blaubart und andere Massenmörder gespielt. Tukur ist komplex und gebrochen: Ein bisschen eitel aber nicht zu viel, kokett aber nicht nervig, amüsant, albern, charmant und geduldig, vielseitig, ein Spieler.

"Tukur bringt was mit, was manchmal nervt, aber wichtig ist", sagt Regisseur Gallenberger: "Er ist im positiven Sinne ein Kasper, ein Stehgeiger, immer unterwegs und oft nicht gleich da, wo man ihn eigentlich braucht, weil er gerade irgendwo rumalbert."

Tukur steht vor der Werkshalle, über ihm bauscht sich das Hakenkreuz im Wind. Es ist weit nach Mitternacht, die Temperaturen sind knapp über dem Gefrierpunkt. Er isst einen Apfel – der Schauspieler isst eigentlich immer irgendwas. Und albert mit Kollegen und Komparsen rum, während das Filmteam eine Szene dreht, in der Rabes Dienstwagen im letzten Moment einer Bombendetonation ausweichen muss. Lehm, Sand und Steine wirbeln meterhoch, als die chinesischen Pyro-Techniker die Explosion in einem kleinen Erdkrater auf dem Fabrikhof zünden.

Für die Sequenz hat die Crew nur einen Versuch. Die Vorbereitungen sind aufwendig, die Detonation ist auch ein bisschen gefährlich. Doch der Versuch geht schief, der Wagen schert zu früh aus. Was tun? Ein zweiter Anlauf kostet Zeit und Geld. Es geht auf 02.30 Uhr morgens, die Truppe fröstelt und schwächelt.

Eigentlich sollte Ulrich Mühe ("Das Leben der anderen") den Rabe spielen. Aber er war schon todkrank, als ihn das Angebot ereilte, und musste ablehnen. Tukur erzählt das offen und mit einer gewissen Ehrfurcht vor dem großen Kollegen. Auch, dass er Mühe angerufen hat, nachdem er dann die Rolle bekam, und ihm das mitteilte. "Dann bleibt wenigstens der Vorname", hat Ulrich Mühe geantwortet.

Sicherheit für das Projekt gab es fast nie

Als der frühere deutsche Botschafter in China und Sinologe, Erwin Wickert, 1996 Rabes Tagebücher veröffentlichte., holte die deutsche Geschichtsschreibung nur kurz Luft. Ein paar Artikel, das war's. Mischa Hofmann, damals noch junger Filmproduzent, sicherte sich sofort die Rechte, weil ihn Stoff und Person fesselten.

Zusammen mit Benjamin Herrmann ("Das Wunder von Bern"), der für die Produktion vor Ort verantwortlich ist, machte sich Hoffmann an die Verwirklichung, sammelte Geld und Ideen. Erst das Drehbuch von Florian Gallenberger überzeugte ihn. Da traf es sich gut, dass sich alle zusammen von der Münchner Filmhochschule kannten, zum Teil eng befreundet sind, und Gallenberger gerade als erster Deutscher den Oscar für seinen Kurzfilm "Quiero Ser" gewonnen hatte.

Die Besetzungsliste ist illuster. Daniel Brühl ("Good bye, Lenin") ist dabei und die Fernseh- und Grimme-Preisträgerin Dagmar Manzel, der US-amerikanische Star Steve Buscemi ("The Big Lebowski") oder die zarte Französin Anne Consigny ("Schmetterling und Taucherglocke").

Die Vorbereitung dauerte vier Jahre, Sicherheit für das Projekt gab es fast nie. Die Drehgenehmigung traf erst zwei Monate vor Aufnahmebeginn ein, da waren schon Millionen investiert.

Lichtpunkte in der Dunkelheit

Eigentlich hätte ein internationaler Großfilm über das chinesische Nationaltrauma, das in Europa Jahrzehnte lang so wenig Aufmerksamkeit fand, so ganz nach dem Geschmack der politischen Führung sein müssen. Doch nun kam das Filmprojekt unversehens einer überraschenden Aussöhnungsinitiative mit dem Erzfeind in Tokio in die Quere, die ganze Sache wurde auf einmal hochpolitisch. Und es bedurfte einer Grundsatzentscheidung von "oben". Nicht die zuständigen Kulturkammern der KP konnten das Okay geben, sondern nur direkt das Außenministerium.

Im März 1938 verließ John Rabe Nanjing und kehrte nach Berlin zurück. Dort wird der chinesische Volksheld zur tragischen Figur, verfolgt von der Gestapo, im Stich gelassen von Siemens, zum Teil sogar arbeitslos. Den Nationalsozialisten, Rabes Parteigenossen, passen seine Tagebücher nicht, die Wahrheit über den Terror des NS-Verbündeten Japan ist im Dritten Reich unerwünscht. Rabe stirbt 1950, völlig vergessen, nach einem Schlaganfall .

Die deutsche Geschichte, das "vermaledeite Dritte Reich", habe seine ganze Jugend geprägt, sagt Tukur. Deshalb haben ihn diese Rollen immer wieder angezogen: Nazis, SS-Schergen, Wehrmachtsoffiziere.

Und auch deswegen wollte er unbedingt diesen Film machen und Rabe spielen. "Nun endlich kann man anfangen, die deutsche Geschichte auch mal auf andere Art zu durchleuchten", sagt der Schauspieler, "und nach Schindlers und anderen Lichtpunkten in der Dunkelheit suchen."

Doch soviel Ernst hält nicht lange, dann schafft sich wieder der andere Tukur Platz, wie damals bei Rabe. Dann verzieht er das Gesicht, weil ihn der Film schafft, mit den vielen Nachtdrehs und den schwierigen Komparsen, dazu die Kommunikationsprobleme, der ständige Smog, die nimmermüde Massenmetropole. Und zu allem Überfluss schmerzt auch noch der Arm, Tukur kann ihn kaum heben. "Ich bin für den Hitler-Gruß total ungeeignet", sagt er, Schnitt. Und geht in die Maske.

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