Hofer Filmtage Glück und Schrecken der Provinz

Bei den 41. Hofer Filmtagen zeigten jüngere deutsche Regisseure ihre ehrgeizigen neuen Werke. Richtig auftrumpfen konnten dann aber doch eher Gäste aus Spanien und den USA - und der nicht mehr so richtig zum Nachwuchs zählende deutsche Regiemeister Dominik Graf.

Viele lügen sich die Stadt Hof schön, wenn sie ein paar Tage bei den Hofer Filmtagen herumgelungert sind und Kinofilme, Bratwurst und Bier in sich hineingeschaufelt haben, als ob es kein Morgen gäbe – wir nicht. Also ganz klar: Hof versammelt fast sämtliche Schrecken der deutschen Provinz. Zum Beispiel Enge (geduckte, windschiefe alte Häuser und eine Fußgängerzone samt H&M-Laden mittendurch), Dialekt (das Oberfränkische), schlimm fettes Essen (die Bratwürste), gemütbeschwerende Natur (herbstbunte Bäume im Nieselregen) und betuliche Spektakel, auf die alle wahnsinnig stolz sind: Als wichtige Attraktion der Hofer Filmtage, die bis zum gestrigen Sonntag zum 41. Mal abgehalten wurden, gilt seit vielen Jahren ein Fußballspiel zwischen Filmleuten und Alterherrenkickern des Traditionsvereins Bayern Hof auf einem ziemlich hässlichen Fußballplatz. Das muss man mögen.

Nina Hoss in "Das Herz ist ein dunkler Wald": Das geht an die Nerven

Nina Hoss in "Das Herz ist ein dunkler Wald": Das geht an die Nerven

Foto: Hofer Filmtage

Andererseits war es dieses Jahr super bei den Hofer Filmtagen. Die engen, stickigen Kinos waren voll von Dienstag bis Sonntag. Es waren tolle Künstler da wie Nicolette Krebitz ("Jeans") und Wayne Wang (dem die diesjährige Retrospektive gewidmet war), Rosa von Praunheim (der zwei herzergreifende Dokumentationen zeigte) und Peter Lohmeyer (der den Filmpreis der Stadt Hof bekam). Und es gab inmitten von sehr vielen deutschen und allerhand internationalen Filmen ein paar ziemlich gute zu sehen und drei herausragende. Sie handelten alle drei von den Schrecken und Sensationen der hinterwäldlerischsten Provinz.

Der Charme und der höhere Sinn der Hofer Filmtage besteht darin, dass sich hier alljährlich nahezu alles trifft, was gerade irgendwie Ambition und Anspruch hat im deutschen Filmemacherhandwerk. Man zeigt viele Abschlussarbeiten von Filmhochschülern und allerlei Fernseharbeiten (die oft nur hier auf einer Kinoleinwand zu sehen sind), daneben Fundstücke aus dem Programm der größeren Festivals in Cannes, Venedig und Locarno. So kann man vielleicht nirgends so gut wie in Hof sehen, wohin die Reise gerade geht im deutschen Film und in der deutschen Filmwirtschaft, was sie auszeichnet und was ihnen fehlt. Möglicherweise zum Beispiel der entschiedene Mut zur Provinz, ein Bekenntnis zum Schwerfälligen, eine Absage ans allzu Geläufige und Weltläufige.

Man riecht und spürt nichts

Deutsche Regisseure suchen, so konnte man jedenfalls in diesem Jahr feststellen, derzeit sehr das Allgemeine und vernachlässigen dabei die Pflicht zur maximalen Genauigkeit, man kann auch sagen: die Poesie des Speziellen. Stefan Krohmer erzählt in "Mitte 30" von Menschen, die nicht richtig angekommen sind im Leben und hält das leider für ein großes Thema, ohne je viel damit anzufangen.

Connie Walther zeigt in "12 heißt: Ich liebe dich", wie sich ein Stasi-Offizier in eine Dissidentin verliebt. Man sieht den Verhörszenen des Films an, wie stolz die Regisseurin auf die Kunst der beiden Darsteller Claudia Michelsen und Devid Striesow sowie ihre angeblich authentische Geschichte ist; nur leider riecht und spürt man hier fast nichts außer großem Kunstwillen.

Alexander Riedels "Draußen bleiben", einer von vielen im Augenblick sehr modischen Dokumentarfilmen, stellt einfach zwei pubertierende Mädchen aus der Münchner Vorstadt vor die Kamera und stellt ihnen schwammige Fragen über ihr Leben und ihre Familien, die aus Albanien und China stammen. Auch wenn die Bilder aus der Vorstadt sehr kunstvoll sind, fragt man sich 90 Minuten lang, woher hier die Zuversicht kommt, dass das alles irgendwas auszusagen hat, und ob sich irgendwer je ernsthaft überlegt hat, was hier eigentlich erzählt werden soll.

Nackt im Wald

Das ist sich Nicolette Krebitz in ihrem zweiten Kinospielfilm "Das Herz ist ein dunkler Wald", der im Dezember im Kino anläuft, schon sehr viel sicherer. Sie erzählt eine moderne Medea-Geschichte (Frau rächt sich am verräterischen Mann, indem sie ihre Wut gegen die Kinder richtet), und versinkt sehr schön in Stimmungen. Man sieht Nina Hoss, die im Berliner Deutschen Theater ja auch eine umjubelte Medea spielt, in einem Hamburger Park herumirren und in Linienbussen herumkurven, während ihre kleinen Kinder allein zu Hause sind – das geht an die Nerven.

Nebenbei scheint Krebitz' Film ein zwar finsteres, aber doch zu allgemeines Statement sei zu wollen, zum Kampf der Geschlechter und zur Frage, welche Tücken der Selbstverwirklichungsanspruch junger Eltern so mit sich bringt. Egal, immerhin sind Hoss und (schon wieder) Devid Striesow hier ein packendes, unterkühlt tragisches Paar, sie geistern durch grotesk unbewohnt wirkend Stadtbungalows und dann auf einem Maskenball herum, sie fauchen sich an und gucken traurig, dass es zum Bibbern und zum Heulen ist. Kann schon sein, dass die Story und die Einfälle des Films (einmal tritt die Heldin nackt aus dem Wald hervor und stapft über einen Wiesenhang, als beginne nun eine ganz andere Geschichte) oft nur klappernd zusammengehalten werden, und doch gibt es hier ein paar starke Bilder und Gesten, die haften bleiben in Herz und Hirn.

Zum Aus-der-Haut-fahren

Jetzt aber zu den wirklich herausragenden Höhepunkten von Hof: "Das Waisenhaus" ist ein Horrorthriller des spanischen Regisseurs Juan Antonio Bayona, der in Cannes in einer Nebenreihe lief und erst im nächsten Jahr in den deutschen Kinos groß herauskommen soll. Ein junges Paar mit Adoptivkind bezieht ein verlassenes Haus am Meer; und schon regen sich die Geister des Ortes und der Vergangenheit. Die Villa war früher ein Waisenhaus, die Frau war selbst als Kind darin untergebracht, und der adoptierte Junge redet mit unsichtbaren Freunden. Aus dieser Grundsituation macht der Regisseur in seinem Spielfilmdebüt ein raffiniertes, spannendes und wunderschön fotografiertes Grusel-Versteckspiel, dem man mit klopfendem Herzen folgt – und dabei lernt, dass der böseste Schrecken gerade an den idyllischsten Orten zu Hause ist.

Ein Landschloss in den schottischen Highlands ist einer der beiden zentralen Schauplätze von Harmony Korines "Mr. Lonely". Der andere ist eine Missions-Station im Dschungel von Afrika. Die eine Geschichte handelt von Menschen, die als Doppelgänger von Berühmtheiten wie Marylin Monroe und Michael Jackson und Charlie Chaplin ihr Geld verdienen und vollkommen eins geworden sind mit ihren Rollen; sie leben in einer Art Freak-Kommune hoch droben in Schottland und üben für eine Show, die dann leider fast niemand sehen will.

Auch Korines Parallelgeschichte handelt vom Willen und der Hoffnung der Menschen, aus der eigenen Haut entkommen zu können und die Gesetze dieser Welt zu überwinden – in diesem Fall die Schwerkraft: Werner Herzog ist der Pfarrer im Dschungel, er kutschiert in einem Knatterflugzeug Nonnen herum, die über abgelegenen Dörfern Lebensmittel abwerfen sollen, und bringt den Betschwestern aus Versehen das Fliegen bei; denn als eine der Nonnen aus dem Flugzeug fällt, nutzt sie den Sturz in Richtung Erdboden zum Beten und landet ganz sanft – das wollen die anderen Nonnen ihr natürlich nachmachen. "Mr Lonely" ist eine mit wunderbar verrückten Bildern protzende Huldigung an die heiligen Narren dieser Welt.

Ferner Heiligenzauber

Eine Huldigung, fast ein Akt der Heiligenverehrung, ist auch Dominik Grafs "Das Gelübde". Graf, vermutlich der zuverlässigste und doch überraschendste deutsche Regisseur der Gegenwart, hat im Auftrag des WDR-Fernsehens einen Kostümfilm gedreht, der im Jahr 1818 spielt und eine verbürgte Begebenheit schildert. Zwei von kreuzkatholischem Wahn beglückte Menschen prallen da im westfälischen Dülmen aufeinander, der Dichter Clemens Brentano (Misel Maticevic) und die aus den Wunden des Gekreuzigten blutende, also stigmatisierte Klosterfrau Anna Katherina Emmerich (Tanja Schleiff). Fasziniert, aber auch mit skeptischer Distanz verfolgt Graf den Rummel und die politischen Intrigen um zwei in rätselhafter Hingabe (sowohl an den lieben Gott als auch füreinander) entflammte Heldengestalten.

Brentano ist ein Mann auf der Flucht. Er hat die wackelige romantische Dichterexistenz hinter sich gelassen, weil es ihn zum Gott der katholischen Kirche zieht, dem er schreibend dienen will, und er ist aus der großen Stadt Berlin aufs westfälische Land gezogen. "Das Gelübde" zeigt den Schmutz, die Enge, die Armut und das Grauen dieses Landlebens, der Regisseur lässt seine Charaktere oft sogar den örtlichen Dialekt, ein westfälisches Platt, sprechen. Er zeigt auch das Leiden der jungen Klosterschwester, die aus diversen Wunden blutend in ihrem Bett ruht und sehr klug und sanft ist, andererseits aber nie ganz zu wissen scheint, wie ihr geschieht.

Das alles schildert Graf staunend, fast liebevoll, als beobachte er neidisch mit den Augen des Skeptikers, der selber nicht zum katholischen Wunderglauben finden kann und dies im Geheimen bedauert. Als Zuschauer bleibt einem die der Heiligenzauber jedenfalls fern und rührt einen trotzdem an. Es ist ein Trost und eine Heimsuchung, das Glück der deutschen Provinz.

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