Hofer Filmtage Hurra, hurra, die Uni brennt

Bei den Hofer Filmtagen gaben sich Kino-Haudegen wie Alexander Kluge und Rosa von Praunheim die Ehre. Doch überrascht haben andere: Frieder Wittich hat einen charmant erzählten Studentenfilm vorgelegt, und Wolfgang Fischer besticht mit seinem durchtriebenen Thriller "Was du nicht siehst".

Hofer Filmtage

Aus Hof berichtet


Filmemacher sind Teufelskerle, die durch die Hölle gehen: Das wollte der 67-jährige Berliner Regisseur Rosa von Praunheim den Zuschauern des Filmfests in Hof weismachen. "Rosas Höllenfahrt" heißt das Werk, in dem Praunheim betont persönlich, in groben Digitalbildern und ohne echtes Konzept, nach der Bedeutung der Hölle in Religion und Popkultur fragt. Überforderte Schauspieler sagen Dichter-Verse (zum Beispiel von Vergil) auf, man zappt durch gemalte Fegefeuer-Darstellungen und hört Experten sowie der Stimme des Regisseurs beim fröhlichen Gelaber zu. Nur leider ist der Film eine Strapaze, die dem, der sie durchsteht, eher unfreiwillig einen Vorgeschmack auf die Folterqualen der Hölle beschert.

Große Versprechungen und ihre nicht immer gelungene Einlösung, daran ist man gewöhnt beim Klassentreffen des deutschen Films in Hof. Zum 43. Mal ließen es sich die Kinoleute bei Bratwurst und Bier gutgehen in den mal nebelgrauen, mal heiter sonnigen Herbsttagen im mit buntgefärbten Laubbäumen vollgestellten fränkischen Hügelland. Die Filmtage im äußersten Norden Bayerns sind das ehrwürdigste unter den mittlerweile gefühlt drei Dutzend mittelgroßen Filmfestivals in Deutschland.

Zwar gibt es in Hof immer auch internationale Produktionen zu sehen wie diesmal zum Beispiel Wes Andersons "Fantastic Mr. Fox", ein nettes, lustiges Animations-Märchen. Nebenbei werden große alte Meister wie Alexander Kluge, der nun seinen zusammen mit Stefan Aust ausgeklügelten Filmessay "Deutschlandkomplex" vorstellte, hier schön in Ehren gehalten. Für den nicht ganz so alten Meister Christian Petzold gab es diesmal sogar den Filmpreis der Stadt Hof. Aber im Kerngeschäft geht es alljährlich Ende Oktober im Fränkischen um die Filme jüngerer deutschsprachiger Regisseure.

Herber Blick auf den deutschen Studentenalltag

Von Wundern und ihrer begrenzten Haltbarkeit erzählt die Österreicherin Jessica Hausner, Jahrgang 1972, in ihrem großartigen Passionsspiel "Lourdes", mit dem sie schon beim Filmfestival in Venedig die Kritiker begeisterte: Sylvie Testud spielt da eine gelähmte, aus der Welt gefallene Frau, die plötzlich gehen und lieben kann - und die knappe, ruhige Bildsprache und Erzählkunst Hausners kamen in Hof vielleicht noch prachtvoller zur Geltung als am Lido - angesichts eines Festivalprogramms, in dem insgesamt sehr viel mittelgutes, eifrig fürs Fernsehen hingeschustertes Regiehandwerk zu sehen war, aber nur sehr wenige Filme, die echte Kino-Ambitionen zeigten.

Als tolle Überraschung und zugleich als Publikumshit des Festivals erwies sich Frieder Wittichs Film "13 Semester". Wittich, Jahrgang 1974, hat eine Studentenkomödie gedreht, in der Max Riemelt einen jungen Ossi spielt, den es nach Darmstadt verschlägt. "13 Semester" beginnt mit einem kaputten Auto und ein paar klamaukigen Scherzen, als wolle der Regisseur an den Humor von deutschen Erfolgswerken wie "Hurra, die Schule brennt!" anknüpfen und das Ganze mit Versatzstücken aus dem amerikanischen Highschool-Genre aufpimpen. Dann aber findet Wittich einen charmanten Erzählton, der ebenso Raum lässt für Spaß wie für beiläufige Poesie und dazu noch einen halbwegs herben Blick auf den deutschen Studentenalltag der Gegenwart.

"13 Semester", der im Januar in den Kinos anläuft und dort für einigen Wirbel sorgen wird, zeigt das Rattenrennen zwischen studierenden Ehrgeizlingen und ihren Kampf um eine bezahlbare Wohnung, er skizziert den Glanz und das Elend eines Auslandssemesters in Australien und die Rohheit eines strengen, aber durchaus nicht unsympathischen Professors. Der ziemlich ulkige Schauspieler Amit Shah spielt einen indischen Kommilitonen des Helden, die smarte Claudia Eisinger das Mädchen seiner Träume, und immer wenn die Sache zu glatt läuft, fällt Wittich eine kleine, verblüffende Wendung ein. Angeblich hat er sich beim Drehbuchschreiben Rat von Loriot geholt, was sicher nicht geschadet hat.

Nirgends passender als in Hof

Wittichs Film ist professionelles Genrekino, wie es in Hof eher selten zu bestaunen ist. Ganz Ähnliches lässt sich über den ziemlich abgefeimten Thriller "Was du nicht siehst" von Wolfgang Fischer sagen. Der Österreicher Fischer, Jahrgang 1970, hat sich die Bretagne als Schauplatz seines Films ausgesucht. Dort macht ein verwöhnter, offenbar leicht verstörter und schon fast erwachsener Internatsschüler (Ludwig Trepte) mit seiner reichen Mutter und deren Freund Urlaub in einem schicken Designer-Ferienhaus. Innerhalb kürzester Zeit gerät der sensible Junge in den Bann eines jungen Herumtreiberpaares.

Die beiden rätselhaften Fremden werden gespielt von Alice Dwyer, die für den stechenden Blick ihrer kornblumenblauen Augen berüchtigt ist, und von Friederick Lau, einem Teufelsbraten mit fabelhaft zerknautschtem Gesicht. Fischer zeigt schöne, verwegene Bilder von Bunkeranlagen am Atlantikstrand und der bretonischen Steilküste, er lässt sehr bedächtig die Ahnung einer Gefahr wachsen, bis es zu einem ersten jähen Gewaltausbruch kommt. Sehr lange aber bleibt der Zuschauer im Ungewissen, was sich wirklich abspielt in dieser Dreiecksgeschichte, die auch eine amouröse ist. Man sieht die Körper der Helden sich im Schlamm wälzen und voreinander davonhuschen, man sieht rätselhafte Schatten in der bretonischen Nacht und kommt nur ganz langsam den Geheimnissen auf die Spur, deren kunstvoll verzögerte, dabei höchst elegante Aufdeckung diesen Thriller zu einem kleinen Meisterwerk macht.

"Was du nicht siehst" passt vermutlich kaum irgendwo so gut hin wie nach Hof: Zeigt der Film doch, dass gerade in der idyllischsten Landschaft, in der scheinbar so friedlichen Abgeschiedenheit der Provinz, die größten Schrecken und die wildesten Abenteuer wohnen.



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schwarzer peter 02.11.2009
1. Hofer Filmtage
Ich bin da anderer Meinung. "Was du nicht siehst" ist eher langatmig und voller bedeutungsloser Hinweise, sodaß selbst die wunderschönen Bilder nicht über eine große Leere hinweg täuschen können. "13 Semester" ist leider nicht mehr als eine simple Teeny Komödie, die mit ein paar Gags aufzuwarten weiss, aber eben auch nicht mehr. Mit der Figur leiden oder hoffen, konnte ich nicht. Da gab es in der Tat andere bessere Filme vor Ort. Peter
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