Hollywood-Avantgarde Der Club der wilden Regisseure

Coppolas American Zoetrope lässt grüßen: Die neue Regie-Avantgarde Hollywoods schließt unter der Ägide Steven Soderberghs einen unternehmerischen Pakt. Die Erfolgschancen für solche ambitionierten Joint Ventures sind jedoch zweifelhaft.

Von Rüdiger Sturm


Regie-Avantgardist Soderbergh: Unabhängig von "Big Hollywood"
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Regie-Avantgardist Soderbergh: Unabhängig von "Big Hollywood"

Ganz Hollywood ist von den Multi-Konzernen erobert. Ganz Hollywood? Eine illustre Schar Regiestars hat sich jetzt zusammengeschlossen, um die Abhängigkeit von den großen Studios zu durchbrechen. Mit David Fincher ("Fight Club"), dem Oscar-Gewinner Steven Soderbergh ("Traffic"), Spike Jonze ("Being John Malkovich") und Alexander Payne ("Election") vereint sich ein Zirkel jener Filmemacher, die in den letzten Jahren das darbende Mainstream-Kino kreativ aufmöbelten. Dass "American Beauty"-Filmer Sam Mendes und Wes Anderson ("Rushmore") auch schon eine Mitgliedschaft im neuen Club der wilden Regisseure erwägen, passt ins Bild der neuen Hollywood-Avantgarde. Ein Deal mit USA Films, das mit "Traffic" reüssierte, wird voraussichtlich den US-Vetrieb garantieren. Die Regisseure sollen nach fünf bis sieben Jahren über sämtliche Rechte an ihren Werken verfügen; dafür verzichten sie beim Erststart auf jegliche Umsatzbeteiligung.

Ging mit United Artists unter: Hollywood-Legende Mary Pickford
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Ging mit United Artists unter: Hollywood-Legende Mary Pickford

Die Fantastischen Vier von Hollywood sind nicht die ersten Kreativen in der Geschichte der Traumfabrik, die ihre Talente auf eigene Faust auswerten wollten. Doch die Historien ihrer Vorgänger stimmen wenig hoffnungsvoll. 1919 riefen die damaligen Megastars Mary Pickford, Douglas Fairbanks und Charlie Chaplin gemeinsam mit der Regie-Ikone D. W. Griffith ("Birth of a Nation") die Filmgesellschaft United Artists ins Leben. Aber in den dreißiger Jahren liefen die Karrieren der meisten Gründungsmitglieder ins Leere. Nicht mehr sie dominierten das Filmprogramm der Firma, sondern Produzenten wie Samuel Goldwyn oder David O. Selznick.

Anfang der Siebziger versuchten einige Wunderknaben mit ihrer Firma American Zoetrope die Regeln der Branche neu zu schreiben. Dafür sicherten sie sich die Unterstützung von Warner Bros. Ihre Köpfe waren aus heutiger Sicht ein Dream Team: Francis Ford Coppola als Pate der Familie, George Lucas als seine rechte Hand. Doch der Anfang vom Ende kam bald. Der erste Film des Unternehmens, Lucas' experimenteller Science-Fiction-Film "THX 1138", sorgte bei den Finanziers für solches Entsetzen, dass sie ihre Investitionen gleich wieder zurückforderten. Zehn Jahre später versuchte Coppola noch einmal, aus Zoetrope ein Mekka der Filmkunst zu machen. Wieder ließ das Finale nicht lang auf sich warten, doch diesmal war es apokalyptisch: Coppola, ohnehin gebeutelt von den immensen Kosten seiner Kriegs-Parabel "Apocalypse Now", sah sich mit persönlichem Konkurs und dem Verlust fast aller Immobilien konfrontiert.

Scheiterte an American Zoetrope: Francis Ford Coppola
AFP

Scheiterte an American Zoetrope: Francis Ford Coppola

Vor wenigen Tagen erst bekam die traurige Geschichte der Regie-Joint-Ventures ein neues Kapitel: Propaganda Films, die erste Firma in der Geschichte Hollywoods, die gleichzeitig Regisseure repräsentierte und deren Filme produzierte, wurde von den Investoren dicht gemacht. Sinnigerweise gehörten zum Propaganda-Stamm auch David Fincher und Spike Jonze, die jetzt unter ein neues gemeinsames Dach ziehen wollen. Einer der Gründe für das Debakel: Die Firma konnte sich die eigenen Filmemacher nicht mehr leisten, weil deren Honorare immer weiter in die Höhe geschossen waren.

Auch das noch namenlose neue Haus der Regie-Avantgarde steht auf wackligem Fundament. Noch gibt es keinen Produktionschef, der die gemeinsamen Aktivitäten organisiert. Vor kurzem galt Josh Donen, ein erfahrener Produzent und Agent, als heißer Kandidat. Doch Anfang November scheiterten die Verhandlungen. Auch die Branchenkollegen wirken skeptisch. Cameron Crowe ("Almost Famous"), für einen Einstieg umworben, winkte ab, angeblich weil er nicht auf die immer beliebter werdende Umsatzbeteiligung verzichten wollte. Hongkong-Exilant John Woo soll mit seiner prozentualen Beteiligung bei "Mission Impossible 2" immerhin 25 Millionen Dollar verdient haben.

Ob finanzielle Unabhängigkeit von "Big Hollywood" tatsächlich bessere Filme fördert, ist ohnehin unsicher. Als Coppola den Kredit von Warner Bros. für American Zoetrope zurückerstatten musste, war er gezwungen, fremde Aufträge anzunehmen, um an Geld zu kommen. Sein erstes Projekt: "Der Pate".



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