Hollywood-Entdeckung Casey Affleck Geduldsspiel mit Aussicht

Er wirkt schüchtern, zerbrechlich, so ganz anders als sein berühmter Bruder Ben. Mit Casey Affleck betritt ein neuer Startypus die Leinwand. Im Thriller "Gone Baby Gone" kann man sehen, warum das gut so ist.


Wie geht man als jüngeres Geschwisterkind eines Superstars die eigene Karriere an? Am besten mit Geduld, würde Casey Affleck wohl sagen. Seit er vor zwölf Jahren in Gus van Sants "To Die For" debütierte, stand er im Schatten seines älteren Bruders Ben, dessen seltsamem Karriereparcours in Hollywood bloß Stillschweigen entgegenzusetzen war: Erst der Oscar für sein mit Matt Damon verfasstes Skript zu "Good Will Hunting", gefolgt von einem Anlauf zum neuen Posterboy des Actiongenres mit Filmen wie "Armageddon" und "Pearl Harbor" und gekrönt vom Auftritt als eine Hälfte des Glamour-Duos "Bennifer". Casey Affleck hätte die Gesetze des Promi-Universums außer Kraft setzen müssen, um seinem Bruder das Rampenlicht streitig zu machen.



Stattdessen wartete er ab, während Ben bald mit einem schlechten Projekt nach dem anderen seine Karriere zu versenken drohte und mit der Trennung von Jennifer Lopez auch noch den Glamourfaktor verlor. Nun treffen Caseys aufsteigender Stern und Bens Comeback in einer glücklichen Konstellation zusammen: Mit "Gone Baby Gone", dem vielbeachteten Regiedebüt des älteren Affleck, legt Casey einen zweiten oscarverdächtigen Auftritt vor, nachdem er eben erst Brad Pitt in "Die Ermordung von Jesse James durch den Feigling Coward Robert Ford" die Show stahl.

27 Jahre, sagt Casey Affleck trocken, habe es ihn gekostet, endlich als Schauspieler wahrgenommen zu werden. Sein allererster Auftritt in einem Schulstück im Alter von fünf Jahren - sein Bruder Ben hatte ihn dazu überredet - mag prägend gewesen sein. Das Stück wurde zu Ehren eines Besuchs der Bürgerrechtlerin Rosa Parks aufgeführt, nach der die Grundschule der Brüder benannt war. Doch während der Aufführung rutschte dem kleinen Casey seine Löwen-Maske vom Gesicht. "Einen Moment lang erstarrte ich. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Dann setzte ich die Maske einfach wieder auf und machte weiter."

Die Sache mit der Maske sei eine wertvolle Lektion gewesen, sagt er mit einem Anflug von Ironie. Denn während Ben Affleck die Schuhe der Actionhelden, in denen ihn Hollywoods Studiobosse sahen, nie ganz auszufüllen vermochte und als Leading Man stets ein wenig zu blass wirkte, zieht Casey Affleck eben aus jener schmalbrüstigen Schüchternheit, die ihm bislang vor allem Rollen als antriebsloser Sidekick verschaffte, schauspielerisches Kapital.

In "Jesse James" übersetzt er sie in das verstörende Porträt eines jungen Stalkers, der sein Leben einer schrägen Illusion verschrieben hat. Und in "Gone Baby Gone" holt er nun unter der jugendlichen Arglosigkeit seines Privatdetektivs einen moralischen Tiefgang hervor, der den abgebrühteren Gestalten des Films glatt den Schneid abkauft.

Wie gut also, dass er trotz des Masken-Unfalls weiter machte. Er trat in einer Handvoll Werbeclips auf und war gemeinsam mit seinem Bruder als Komparse in Filmen wie "Field of Dreams" zu sehen. Während sich Ben und Casey über schulfreie Tage, schrankenlose Donut-Naschereien und ein paar Dollar Taschengeld freuten, mahnte ihre Mutter zur Disziplin. "Sie bekniete uns, lieber an die Schule und das College zu denken", sagt Casey Affleck, " auch wenn sie das heute nicht mehr zugibt."

Die Rolle des Außenseiters

Ironie des Schicksals, dass ein High-School-Lehrer in Casey, Ben und ihrem gemeinsamen Freund Matt Damon ein ernstes Interesse an der Schauspielerei weckte. Casey Affleck beschloss, Schauspieler zu werden, zog mit einem Freund nach Los Angeles und erlebte die große Ernüchterung. Die Vorsprechen, zu denen sie Zutritt erhielten, waren Castings für drittklassige Vormittagsserien, und da sie sich in einer billigen Bude weit abseits des Sunset Strip eingemietet hatten, lief auch das Kontakteknüpfen nur schleppend: "Wir waren nicht unbedingt Teil der Szene", sagt Casey Affleck.

Nach einem Jahr - "ich hatte keine einzige Rolle gelandet" - packte er die Koffer, um doch dem Rat seiner Mutter zu folgen und an der Ostküste an die Uni zu gehen. Da kam "To Die For", Gus van Sants schwarze Mediensatire. Sieben Mal sprach Casey Affleck für die Rolle des naiven, jugendlichen Mord-Komplizen von Nicole Kidman vor, aber dann hatte er sie in der Tasche.

Dennoch schrieb er sich nach Abschluss der Dreharbeiten an der renommierten Columbia University in New York ein und studierte zwei Semester Physik und Astronomie. "Die meisten Kids dort waren weit klüger als ich, und ich dachte, wenn ich in den schwersten Fächern scheitere, ist das keine ganz so große Schande", sagt er. Zwei Jahre hielt er durch, dann schmiss er das Studium und ging zurück nach L.A., um sich ganz der Schauspielerei zu widmen.

Satirischer Karrierestart

"To Die For" war der große Wendepunkt in Casey Afflecks Leben. Er machte mit Gus van Sant drei weitere Filme – darunter "Good Will Hunting" - und bekam, auch wenn das kleine Rollen waren, allmählich einen Fuß in Hollywoods Tür. Sein damaliger Filmpartner Joaquin Phoenix zählt bis heute zu seinen besten Freunden, und über ihn lernte er Summer Phoenix kennen, Joaquins jüngste Schwester und seit vergangenem Sommer Caseys Ehefrau. Das Paar hat einen dreijährigen Sohn namens Indiana August, ein zweites Kind ist unterwegs.

Und nun schwingt sich der Affleck-Clan zu neuen Höhen auf. Der letzte Affleck, der vor den Bostoner Brüdern kreative Karriere machte, war James Affleck, "Schottlands berühmtester Dichter nach Robert Burns", wie Casey Affleck bei der Zurückverfolgung seiner Ahnenlinie bis ins späte 18. Jahrhundert feststellte.

Vielleicht ist es das schottische Blut, dem Casey sein Markenzeichen verdankt: Er nuschelt, dass es an einen Sprachfehler grenzt. Beim Reden scheinen seine Backenzähne stets Kontakt zu haben, die letzten zwei, drei Silben eines Satzes verlieren sich gern in einem undurchdringlichen, heiseren Geflüster. Aber womöglich ist er schon bald der nach Sean Connery berühmteste Nuschler Hollywoods.



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