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Sequels und Prequels: Filme in der Verlängerung

Foto: Warrner Bros.

Hollywood im Sequel-Wahn Fortsetzung folgt und folgt und folgt

Der vierte Teil von "Fluch der Karibik", die fünfte Folge von "Fast & Furious", der achte "Harry Potter"-Film, zum dritten Mal "Transformers": Hollywood scheint nur noch Fortsetzungen zu produzieren. Wie schlimm ist die kreative Krise der US-Filmindustrie?

Es ist noch nicht lange her, da machte ein unerhörtes Projekt in Hollywood Schlagzeilen: In drei Teilen wollte der Neuseeländer Peter Jackson J.R.R. Tolkiens Fantasy-Roman "Der Herr der Ringe" verfilmen, für mehr als 300 Millionen Dollar. Die Studiobosse schnappten nach Luft: So etwas traute man höchstens einem George Lucas zu. Dann spielte die Trilogie drei Milliarden Dollar ein, und Jackson wurde zum unfreiwilligen Pionier einer Bewegung, die Hollywood inzwischen fest im Griff hat: Sequels und Prequels, Fortsetzungen und Vorgeschichten beherrschen die Kinoleinwand.

Nicht mehr nur zweite Teile erfolgreicher Filme buhlen ums Publikum, sondern dritte ("Transformers: Dark of the Moon"), vierte (darunter "Mission Impossible: Ghost Protocol"), fünfte ("Fast Five") und achte ("Harry Potter und die Heiligtümer des Todes"). Und mancher Kinogänger fragt sich, ob Hollywoods Drehbuchautoren womöglich die Ideen ausgegangen sind.

Nein, sagt Craig Mazin, der den zweiten Teil von "The Hangover" geschrieben hat und nun an einer dritten Folge der Junggesellen-Komödie sitzt. "Im Gegenteil: Es gibt wahnsinnig viel gutes Material. Aber anstatt den nächsten 'Inception' zu suchen, stürzen sich die Studios auf bekannten Stoff - und da ist jeder Mist billig genug." Kürzlich, sagt Mazin, habe Paramount ihm angeboten, das Drehbuch zu "Wo ist Walter?" zu schreiben - einem beliebten Suchbilderbuch für Kids. Paramount plant außerdem, man mag's kaum glauben, Filmversionen von "Monopoly" und "Schiffe versenken". "In den vergangenen zehn Jahren war man in Hollywood extrem nervös gegenüber Stoffen, die kein eingebautes Publikum haben", sagt Mazin. Er meint damit Stoffe, die ihre Fans bereits mit Büchern, Comics oder TV-Serien gewonnen haben.

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"Fluch der Karibik 4": Allein auf öder See

Foto: Disney Enterprises

Risikobegrenzung ist ein wichtiger Teil des Geschäfts, zumal Kinoticket- und DVD-Verkäufe rückläufig sind. Seit Produzenten wie Jerry Bruckheimer die Budgets für aufwendige Actionspektakel in dreistellige Millionenhöhe trieben, ist ein künstlerischer Flop bisweilen leichter zu verkraften als ein finanzieller. Und man muss kein Genie sein, um eine Formel zur finanziellen Absicherung zu erkennen: Acht der zehn erfolgreichsten Filme aller Zeiten (inflationsunbereinigt) sind Adaptionen, sechs sind Fortsetzungen. Nur einer, James Camerons "Titanic", ist älter als zehn Jahre, und nur einer, Peter Jacksons "Der Herr der Ringe - Die Rückkehr des Königs", wurde für unter 100 Millionen Dollar produziert.

"Komödien oder Franchise - dazwischen gibt es fast nichts mehr"

Aufwendig produzierte Abenteuer nach einem bereits bekannten Stoff in drei, vier oder sogar fünf Aufgüssen ist also Hollywoods derzeit beste Annäherung an die geheimnisvolle Alchemie des Blockbusters. Und sie funktioniert: Die vierte Inkarnation vom "Fluch der Karibik", dessen Original die Adaption einer Achterbahnfahrt in den Vergnügungsparks von Disney ist, hat seit dem Kinostart im Mai weltweit eine Milliarde Dollar eingespielt, die "Harry Potter"-Reihe hat mit 4,4 Milliarden Dollar internationalem Einspielergebnis ihre Produktionskosten über vier Mal eingespielt. Ein Narr, wer sein Hollywood-Unternehmen nicht an diesem lukrativen Leitfaden ausrichtet. So stehen denn auch nach "X-Men: First Class", der als fünftes Glied in der Reihe der Comic-Adaption mit mehr als 300 Millionen Dollar Einspielergebnis allenfalls eine milde Enttäuschung ist, in diesem Jahr mit "Fast Five", "Final Destination 5" und dem "Shrek"-Spinoff "Puss in Boots" weitere fünfte Teile an.

Dass das Kino im Fließbandformat die kreative Freiheit der Autoren ersticken könnte, bestreitet zumindest der Drehbuchautor Terry Rossio. Er hat die vier bisherigen Folgen der "Fluch der Karibik"-Reihe geschrieben und arbeitet derzeit an der fünften. "Auch eine Fortsetzung ist ja eine eigenständige Geschichte", sagt Rossio. "Die kreative Freiheit findet in jedem Fall in den Ansprüchen des Publikums seine Grenzen." Rossio räumt allerdings ein, dass die Konzentration auf die Verfilmung "kultureller Immobilien" in Hollywood zu einer Verödung der Mitte geführt habe. "Man produziert entweder kleine und damit sichere Filme - vor allem Komödien - oder riesige Franchise-Projekte. Dazwischen gibt es fast nichts mehr." Dennoch gehen ihm die Klagen über die Fortsetzungsmanie gewaltig gegen den Strich. "Ist doch komisch", sagt er, "bei einer erfolgreichen Fernsehserie fiebern alle der nächsten Episode, der nächsten Staffel entgegen. Aber im Filmgeschäft schlägt einem ein ungeheurer Zynismus entgegen, wenn man an einer Fortsetzung arbeitet."

Das mag damit zu tun haben, dass Fortsetzungen und Remakes in der Regel wenig mehr als ein schwacher Abklatsch des Originals sind, mit dem das Publikum noch einmal gemolken und dann mehr oder weniger enttäuscht entlassen wird. Zwar gab es in den letzten Jahren schöne Überraschungen wie Christopher Nolans "The Dark Knight", J.J. Abrams' "Star Trek"-Prequel oder Disney-Pixars "Toy Story 3", die sich neben den großen Ausnahmen vergangener Jahrzehnte wie "Der Pate 2", "Terminator 2" oder "Aliens" sehen lassen können.

Aber der Trend geht zu mittelmäßigen Filmen, die enorme Umsätze machen. Der vierte Teil von "Fluch der Karibik" erzielte auf dem Kritiker-Thermometer "Rotten Tomatoes" miserable 33 Prozent, das Original hatte 78 Prozent verzeichnet. "The Hangover 2" brachte es auf 35 (gegenüber 78 Prozent für den ersten Teil), spielte aber bisher weltweit mehr als 500 Millionen Dollar ein. Für den vierten Teil von "Fast and Furious" gab es gerade noch 28 Prozent Kritikerzustimmung - halb so wild bei 360 Millionen Dollar Box-Office-Ergebnis.

"Kreativität verschwindet nicht, sie sucht sich neue Wirkungsstätten"

Der Drehbuchautor Richard Jefferies meint, dem Publikum werde mit der Fülle von leidlich unterhaltsamen Fortsetzungen, die vom Zwang zum Folgeprodukt statt von der Eingebung eines Autoren inspiriert sind, sensibler Filmgeschmack abtrainiert. "Es ist wie Junkfood, das uns dank Geschmacksverstärkern und Nahrungsmittelchemikalien vormacht, es schmecke gut. Aber die Rolle eines Autors ist doch nicht, bloß neurologische Reize auszulösen, sondern Geschichten über das Leben zu erzählen."

Jefferies, der unter anderem die Film-Adaption zum Comic "Silver Surfer" schrieb und an mehreren Fassungen von "Tron: Legacy" mitarbeitete, gibt unumwunden zu, dass er, obwohl er gut bezahlt wird, kreativ frustriert ist. "Es ist ein Pakt mit dem Teufel. Man bezahlt dich gut, und dafür dreht man deine Arbeit durch den Schredder." Adaptionen, Remakes und Fortsetzungen seien beileibe nichts Neues in Hollywood, sagt Jefferies - das Problem sei, dass es inzwischen kaum noch etwas anderes gebe. "Ich habe es satt zu hören: Uns gefällt dein Drehbuch sehr, aber könntest du uns eine Adaption dieses Comics schreiben?"

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"X-Men", die Fünfte: Geliebter Mutant

Foto: 20th Century Fox

Kunst und Kommerz lagen in Hollywood schon immer im Clinch, aber auch die Ikonen kreativer Unbändigkeit drohen inzwischen, vom System gefressen zu werden. Laut Pixar-Chef John Lasseter, der in den USA zuletzt "Cars 2" herausbrachte, sind selbst "Toy Story 6" oder "Cars 5" durchaus denkbar. "Aber nur, wenn uns eine tolle Geschichte einfällt. Die Fans beknien uns seit Jahren, eine Fortsetzung von 'Findet Nemo' zu machen. Der Grund, warum wir das bisher nicht getan haben, ist einfach: Uns fehlt die tolle Idee."

Pixar, das derzeit an einer weiteren Fortsetzung für "Die Monster AG" arbeitet, gründet seinen Erfolg auf die Führung durch kreative Filmemacher statt durch buchhalterische Erbsenzähler. Gleichzeitig ist das Vorzeigestudio aus Emeryville bei San Francisco, das seit 2006 zu Disney gehört, längst einer der größten Player auf dem Film-Franchise-Markt. "Cars"-Spielzeuge, Lizenzen und Markenartikel spülten seit 2006 rund 10 Milliarden Dollar in Disneys Kassen - zusätzlich zum weltweiten Einspielergebnis des Films von mehr als 460 Millionen Dollar. Unter diesem Blickwinkel ist "Cars 2" auch unabhängig vom Publikumserfolg schon jetzt ein Mega-Hit.

"Risikoarme, auslandsfreundliche Ware"

Dass sich die Branche im Namen der Kunst von solchen Gewinnmargen verabschiedet, ist unwahrscheinlich. Im Gegenteil: Disney kündigte im vergangenen Jahr an, sein diesjähriges Produktionsbudget zu 80 Prozent in Franchise-Produktionen wie "Cars" und "Fluch der Karibik" zu stecken. 2010 waren es 40 Prozent. Und auch Independent-Studios wie Lionsgate setzen mittlerweile auf "zwei Felder: risikoarme, auslandsfreundliche Ware oder Franchise-Produktionen", wie der Vize-Chef von Lionsgate, Michael Burns, kürzlich dem "Wall Street Journal" sagte.

Hollywoods Drehbuchautoren entwerfen unterdessen zunehmend differenzierte Strategien, um zwischen Kunst und Kommerz zu existieren. Terry Rossio etwa will auf dem austrocknenden Markt für Spec Scripts auftrumpfen - das sind Drehbücher, die ein Autor auf eigenes Risiko verfasst und versucht, an die Studios zu verkaufen. Denn Rossios Status als Verfasser einer erfolgreichen Franchise-Reihe wie "Fluch der Karibik" verschaffte ihm das nötige Gewicht, um auch mit Originalideen bei Hollywoods Entscheidungsträgern Gehör zu finden.

Richard Jefferies nutzt die Erfahrung und finanzielle Unabhängigkeit, die er sich mit Auftragsarbeiten erwirtschaftet hat, um alternative Geschäftsmodelle auf die Beine zu stellen. Derzeit führt er in China Gespräche über die Produktion von Filmen für den internationalen Markt. Und zahlreiche Autoren wenden sich neben der Studio-Arbeit alternativen Finanzierungsmodellen zu - zum Beispiel Crowdsourcing-Web-Seiten wie Kickstarter.com, auf denen Filmfans zu Mikrofinanziers unabhängiger Projekte werden. "Kreativität", sagt Jefferies, "verschwindet ja nicht. Sie sucht sich nur neue Wirkungsstätten."

Peter Jackson dreht zurzeit übrigens "Der Hobbit" - die Vorgeschichte von "Der Herr der Ringe".

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