Hollywood Oscar für deutsches Stasi-Drama, Scorsese triumphiert

Deutscher Jubel in Hollywood: Florian Henckel von Donnersmarck gewinnt mit seinem Stasi-Drama "Das Leben der Anderen" den Oscar für den besten nicht englischsprachigen Film. Als beste Produktion des Jahres wurde Martin Scorseses Gangster-Streifen "The Departed" gekrönt.

Los Angeles - Am Ende kann er es selbst kaum fassen. Ekstatisch springt Florian Henckel von Donnersmarck von seinem Sitz in den Gang des Kodak Theatres. Umarmt sein Team. Umarmt in der Reihe vor ihm seinen Freund und Oscar-Konkurrenten Guillermo del Toro, dessen Film "Pans Labyrinth" eigentlich der Favorit war. Umarmt Clive Owen und Cate Blanchett, die ihm die goldene Statue überreichen. "Oh mein Gott!", ruft er atemlos. "Dabei hatte ich doch schon geweint!"

Die Entscheidung der Academy of Motion Picture Arts and Sciences für den Debüt-Film des 33-jährigen deutschen Regisseurs war eine Überraschung: Das in Europa vielfach preisgekrönte Stasi-Drama "Das Leben der Anderen" ist der erste deutsche Film seit Caroline Links "Nirgendwo in Afrika" (2003), der mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Henckel von Donnersmarck war zur Verleihung mit den Schauspielern Ulrich Mühe und Sebastian Koch sowie seiner Frau Christiane angereist.

Großer Gewinner der Oscar-Nacht war der amerikanische Regisseur Martin Scorsese mit seinem Film "The Departed: Unter Feinden". Der Thriller wurde als beste Produktion des Jahres ausgezeichnet. Der 64 Jahre alte Scorsese nahm zudem den ersten Oscar seiner langen Karriere als bester Regisseur entgegen. Die Trophäe als beste Hauptdarsteller bekamen die Britin Helen Mirren für ihre Leistung in "The Queen" und der US-Schauspieler Forest Whitaker für seine Rolle in "The Last King of Scotland".

Der Film über den Klimawandel, "Eine unbequeme Wahrheit" (An Inconvenient Truth), mit dem früheren US-Vizepräsidenten Al Gore wurde mit zwei Oscars gewürdigt: Als bester Dokumentarfilm und für den besten Filmsong. Den Preis als beste Nebendarsteller nahmen die US-Schauspieler Alan Arkin für "Little Miss Sunshine" und Jennifer Hudson für "Dreamgirls" entgegen.

Henckel von Donnersmarcks Wirbelwind-Woche in Hollywood endet also triumphal auf der Bühne des weltgrößten Filmpreis-Spektakels, mit einer für ihn ganz und gar untypischen Fassungslosigkeit - eine Woche, die auch ohne Oscar schon ein voller Erfolg gewesen wäre. Fünf Tage hat er sich, zum Abschluss seiner zweimonatigen US-Werbetournee, in der Hauptstadt des Films herumreichen lassen: Empfänge, Partys, Interviews, Fototermine, Vorstellungsgespräche. Eine Tour de Force der Selbstvermarktung, die nun nur noch von dem spektakulären Abschluss übertroffen wurde.

Denn das Geschäft, das Hollywood ist, scheint Henckel von Donnersmarck sofort verinnerlicht zu haben wie sonst kaum einer seiner deutschen Vorgänger hier. "Für die Amerikaner sind Filme wirklich eine Industrie", stellt er hier mit fast kindlichem Staunen fest. Und stürzt sich dann selbst mit hochprofessionellem Elan hinein in die Publicity-Maschinerie dieser Industrie.

Platt getretene Rosen

Obwohl ihn seine dänische Oscar-Konkurrentin Susanne Bier ("Nach der Hochzeit"), die hier schon gearbeitet hat, schmunzelnd warnt, dass Hollywood nicht unbedingt der Traum eines jeden Regisseurs sein müsse: "Viele, viele Leute mit Kopfhörern, die man nicht kennt."

Unermüdlich raste Henckel von Donnersmarck von Termin zu Termin, enthusiastisch und in einem Tempo, das seinem 50-köpfigen "Dream Team", wie er es nennt, kalten Schweiß auf die Stirn trieb. "Habt Ihr eine ganze Lufthansa-Maschine gechartert?", staunte Produzent Mark Johnson, selbst ein Oscar-Preisträger ("Rain Man").

Zum Schlafen reichte es da nur selten. Einmal merkte er stundenlang nicht, dass sein linker Schnürsenkel offen baumelte. "Nein, nein, der Florian, der hat keine Zeit", seufzte eine seiner PR-Damen zwischen zwei Treffen an entgegengesetzten Enden von Los Angeles.

So spielte er den Spaßvogel beim Fototermin auf dem roten Teppich, als der noch in Klarsichtfolie gehüllt ist. Zwischen Sägemehl, Kabelsträngen und platt getretenen Rosen umarmte er dort, mit der ganzen Kraft seiner 2,06 Meter, die schmale Susanne Bier und del Toro, mit dem er hier enge Bande knüpfte.

Im "Florianmobil" nach Santa Monica

Tags darauf sprang er wippenden Schrittes auf die Bühne des Samuel Goldwyn Theaters, wo die Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) vier der fünf Auslandsregisseure ehrten, die sie für einen Oscar nominiert hatten (Rachid Bouchareb aus Algerien saß da noch im Flieger). "Ich bin der größte Regisseur hier", juxte Henckel von Donnersmarck. Und meinte natürlich seine Körpermaße. Oder?

Selbst zum Ende des Schaulaufens, beim Empfang im früheren deutschen Exilantentreff Villa Aurora hoch über dem Sunset Boulevard, zeigte er keine Ermüdung. "Es ist ein Traum, hier zu sein", rief er den Gästen zu, die sich bei Champagner und Ginkgo-Eistee im Palmengarten mit Pazifikblick drängelten - darunter Produzent Oliver Hengst ("Terminator 3"), Drehbuchautor Tom Schlesinger ("Viktor Vogel") und Filmkritiker Emanuel Levy (der "Pans Labyrinth" den Sieg prophezeite).

Von dort raste Henckel von Donnersmarck im Hydro-BMW - sie nennen es das "Florianmobil" - gleich weiter nach Santa Monica. Da holte er sich in einem Festzelt am Strand noch einen Spirit Award (den "Independent Oscar") für "Best Foreign Film" ab, umringt von Megastars wie Sean Penn, Daniel Craig und Angelica Huston.

Unverkrampfter Spaß an der Sache

Mit sturem Frohsinn wiederholte Henckel von Donnersmarck auf dieser endlosen Butterfahrt immer die gleichen Antworten auf immer die gleichen Fragen. Und wenn er verlöre? "Dann werde ich die Entscheidung der Academy akzeptieren." Was mache er in der Woche danach? "Ich habe meine Frau eineinhalb Monate nicht gesehen." Wen würde er in Hollywood denn noch gerne treffen? "Arnold Schwarzenegger natürlich."

Henckel von Donnermarck redet gerne. Auch hier, wo er zum Conferencier seiner eigenen Pressekonferenzen wird, in Deutsch, Englisch, Russisch. Und behielt sich dabei doch einen so unverkrampften Spaß an der Sache, wie er in Hollywood sonst längst verloren gegangen ist.

Erfolgreichster deutscher US-Kinostart

Ulrich Mühe dagegen tat sich da schon etwas schwerer. Er dümpelte in Henckel von Donnersmarcks Schlepptau, sich an eine Flasche Wasser klammernd, klein und schüchtern fast, als sei ihm das ganze Theater etwas ungeheuer - obwohl der frühere DDR-Bürger, der zum ersten Mal in seinem Leben in Los Angeles ist, auch hier immer wieder umjubelt wird für seine Darstellung des Stasi-Offiziers Gerd Wiesler.

24 Stunden vor der Zeremonie fragte ihn jemand im Scherz, ob er sich, wie viele Hollywood-Stars, Botox unter die Arme spritze - gegen Achselschweiß. "Das habe ich heute morgen vergessen", quälte er sich zunächst. Dann wandte er sich ab, verschränkte die Arme vor dem grauen Nadelstreif und starrte stumm in die Ferne, die Augen hinter der Sonnenbrille.

So oder so, die Anstrengungen scheinen sich zu lohnen. "Das Leben der Anderen" läuft hier erst seit zwei Wochen, doch ist jetzt schon der erfolgreichste deutsche US-Kinostart. Fast 750.000 Dollar hat er bisher eingespielt, in ausverkauften Häusern. Oft hat Henckel von Donnersmarck mit dem Publikum diskutiert, das, so staunt er, doch "einen relativ hohen Wissensstand" habe.

Und dann gab es in all dem Trubel trotzdem noch einen Moment, an dem die Zeit stillstand, plötzlich und unerwartet. Mehr noch: Sie wurde zurückgedreht. Dieser Zeitriss ereignete sich in Culver City, einem dieser Ortsphantome, aus denen Los Angeles besteht.

Deutsch-deutsche Zeitkapsel

Hier, in einem nüchternen Bürobau, liegt das Wendemuseum. Dieses Museum, das offiziell erst im September eröffnet wird, ist eine der weltgrößten Sammlungen von DDR-Memorabilia: Poster, Flaggen, Uniformen, Konsumgüter, Büsten, "Arbeiterkunst" sowie ein 2,6-Tonnen-Brocken der Berliner Mauer. Über 100.000 Gegenstände, eine Zeitkapsel deutsch-deutscher Geschichte - im Herzen der Stadt ohne echtes Geschichtsbewusstsein.

Henckel von Donnersmarck legte hier kurz Zwischenstopp ein, auf dem Weg vom Lunch bei Sony zum Dinner beim Generalkonsul. "Das ist ja wirklich toll", murmelte er, als er durch die Ausstellung eilte, vorbei an Stasi-Protokollen, Honecker-Fotos, Ullbricht-Bronzen, einem Staatsratsbüro hinter Glas. "Ich hätte meinen ganzen Film hier drehen können." Doch dann ging's auch schon zum nächsten Termin. Hollywood wartet nicht.

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