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05. Januar 2011, 11:59 Uhr

Hollywood-Produzent Jerry Bruckheimer

"Das Geschäft macht mir Angst"

In den achtziger Jahren verdiente Jerry Bruckheimer mit Filmen wie "Beverly Hills Cop" das 40fache der Produktionskosten. Heute undenkbar, sagt der Star-Produzent - und erzählt, warum er den ersten Milliarden-Dollar-Film fürchtet und weshalb Hollywood mächtiger ist denn je.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Bruckheimer, in seiner hundertjährigen Geschichte hatte Hollywood einige schwere Krisen zu überstehen und sah sich ständig mit neuen Konkurrenten wie dem Fernsehen oder dem Internet konfrontiert. Warum hat Hollywood dennoch immer mehr an Einfluss und Macht gewonnen?

Bruckheimer: Weil es seine Konkurrenten zu Geschäftspartnern gemacht hat. Das Fernsehen war in den fünfziger Jahren eine große Bedrohung für die Filmindustrie und nahm den Kinos Zuschauer weg. Heute erzielt Hollywood viele Milliarden mit dem Verkauf seiner Ausstrahlungsrechte an TV-Sender. Auch die Einführung der VHS-Kassette hat die Einnahmen nicht vermindert, wie anfangs befürchtet, sondern gewaltig erhöht. Hollywood hat sich immer wieder neue Einnahmequellen erschlossen, jetzt das Internet.

SPIEGEL ONLINE: Das Internet schwächt Hollywood nicht? Was ist mit den illegalen Downloads?

Bruckheimer: Ja, die sind ein Problem. Aber die legalen Downloads nehmen immer mehr zu. Bald wird jeder Mensch, der einen Computer hat, jeden Film, der je gedreht wurde, jederzeit sehen können. Momentan ist das noch mühselig, weil es so viel Zeit kostet, die Filme herunterzuladen. Aber das wird sich bald ändern.

SPIEGEL ONLINE: Ist das denn gut fürs Geschäft? Warum sollten die Menschen noch ins Kino gehen?

Bruckheimer: Weil es ein Ereignis ist. Vergessen Sie nicht, dass es viele Menschen gibt, die zwar gerne Filme gucken, aber nicht gerne ins Kino gehen. Die werden zu Hause auf der Couch zu Clint-Eastwood-Fans und raffen sich dann eines Tages vielleicht sogar auf, um ihn auf der großen Leinwand zu sehen.

SPIEGEL ONLINE: Als Sie in den achtziger Jahren mit Filmen wie "Beverly Hills Cop" den Durchbruch schafften, spielten Hollywood-Produktionen noch mehr als zwei Drittel ihrer weltweiten Kinokasseneinnahmen in den USA ein. Heute ist es oft gerade noch ein Viertel. Wie kam es zu dieser Verlagerung?

Bruckheimer: In den achtziger Jahren wurde Hollywood bewusst, welche Bedeutung das internationale Geschäft hat. Hinzu kam der Fall der Mauer, durch den sich auf einmal neue Märkte auftaten. Manche Schauspieler wie Arnold Schwarzenegger haben diesen Wandel frühzeitig erkannt. Sie begriffen, wie wichtig es ist, auch in anderen Ländern als den USA zu Stars zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Was taten sie, um das zu schaffen?

Bruckheimer: Sie reisten zum Beispiel so viel wie möglich, gaben ständig Interviews in Paris oder Tokio, zeigten sich auf Premieren in Berlin oder London. Das schätze ich auch an Nicolas Cage, mit dem ich schon seit langem zusammenarbeite. Er sucht immer wieder die Nähe zu seinen Fans. Das musst du tun, dann ist die Chance viel größer, dass sie dir treu bleiben, auch wenn es mal nicht so gut läuft.

SPIEGEL ONLINE: Und die anderen?

Bruckheimer: Bekommen Schwierigkeiten. Eddie Murphy blieb lieber zu Hause, reiste ungern nach Europa oder Asien, hing lieber mit seinen Kumpels rum. Klar, Reisen ist ja auch anstrengend. Das ist aber vielleicht einer der Gründe, warum er jetzt an der Kinokasse nicht mehr richtig funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Sind Hollywood-Filme heute weniger amerikanisch als früher, weil sie sich von Beginn an ein weltweites Publikum wenden?

Bruckheimer: Nein, das glaube ich nicht. Aber wir besetzen heute andere Schauspieler. Unser Film "Prince of Persia" etwa blieb in den asiatischen Ländern deutlich hinter unseren Erwartungen zurück, weil dort keiner unseren Hauptdarsteller Jake Gyllenhaal kannte. Das war uns vorher nicht klar, sonst hätten wir vielleicht einen anderen Schauspieler genommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie? Die Besetzung eines Schauspielers richtet sich nicht mehr nach seiner Eignung für die Rolle, sondern nur noch nach seiner weltweiten Box-Office-Zugkraft?

Bruckheimer: Nein, natürlich nicht. Aber Asien ist ein wichtiger Markt für uns. Wir können ihn nicht ignorieren. Beim dritten "Fluch der Karibik"-Film haben wir einen asiatischen Darsteller in einer Nebenrolle besetzt und schrieben in Asien auf einmal bessere Zahlen.

"Heute investieren wir vernünftiger"

SPIEGEL ONLINE: Seit einigen Jahren verpflichtet Hollywood mehr und mehr Schauspieler und Regisseure aus anderen Ländern. In Quentin Tarantinos Film "Inglourious Basterds" dürfen deutsche und französische Schauspieler sogar minutenlang in ihrer Muttersprache reden...

Bruckheimer: ...und der Film war in den USA dennoch ein großer Erfolg. Wäre früher undenkbar gewesen. Hollywood ist heute viel offener gegenüber fremden Kulturen und weniger fixiert auf unsere eigene.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das? Ein Film über American Football wird heute nicht mehr finanziert?

Bruckheimer: Doch, wenn Sie ein gutes Drehbuch haben. Aber Sie bekommen nur ein kleines Budget. Denn es ist klar, dass der Film sich wahrscheinlich nur in den USA gut verkaufen wird. Das Budget ist inzwischen ganz und gar abhängig von den Erfolgsaussichten, die der Film weltweit hat.

SPIEGEL ONLINE: Nun planen Sie ein teures Franchise mit dem Cowboy Lone Ranger als Titelheld. Außerhalb der USA kennt diese Figur kaum jemand. Wie wollen Sie dieses Projekt weltweit verkaufen?

Bruckheimer: Indem wir Johnny Depp besetzen, denn der ist weltweit ein Star.

SPIEGEL ONLINE: Ist das alles? Ist es so einfach?

Bruckheimer: Johnny hat eine gewaltige Anhängerschaft, er ist einer der größten Stars überhaupt. Auf ihn kann man bauen.

SPIEGEL ONLINE: Auf wen sonst noch? Depp geht auf die 50 zu. Auch Nicolas Cage ist schon Mitte 40. Warum kommen keine neuen Stars nach?

Bruckheimer: Es gibt schon ein paar. Sam Worthington hatte mit "Terminator: Salvation", "Avatar" und "Kampf der Titanen" drei Hits in Folge. Man darf einen Star nur nicht in der falschen Rolle besetzen, das ging schon immer daneben. Dann haben Sie bestenfalls ein gutes erstes Wochenende, aber danach ist Schluss.

SPIEGEL ONLINE: Hollywood-Filme werden heute überall auf der Welt gedreht, nur kaum noch in Hollywood. Wieso?

Bruckheimer: Weil wir es uns kaum noch leisten können.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte? Ihr dritter und bislang letzter "Fluch der Karibik"-Film hat fast 300 Millionen Dollar gekostet und fast eine Milliarde eingespielt.

Bruckheimer: Den vierten drehen wir trotzdem in London. Das ist zwar eine der teuersten Städte der Welt, aber Filmemachen ist dort billiger als in Los Angeles.

SPIEGEL ONLINE: Wieso?

Bruckheimer: In London gibt es staatliche Zuschüsse. Die gibt es auch in New Mexico, Louisiana oder Michigan. Deswegen drehen wir lieber dort.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem werden die Filme immer teurer.

Bruckheimer: "Beverly Hills Cop" hat Mitte der achtziger Jahre sieben Millionen Dollar gekostet und mehr als 300 Millionen eingespielt, also über das Vierzigfache. Solche Gewinnmargen sind heute undenkbar. Ich vermisse es sehr, dass man mit so wenig Geld so viel Geld verdienen konnte.

SPIEGEL ONLINE: Macht es Ihnen Angst, wenn Sie heute 200 oder 300 Millionen Dollar in einen Film stecken?

Bruckheimer: Ja, das macht mir Angst. Andererseits habe ich heute die Chance, mehr als eine Milliarde einzuspielen.

SPIEGEL ONLINE: Wann wird es den ersten Film geben, der mehr als eine Milliarde Dollar Produktionskosten verschlingt?

Bruckheimer: Ich hätte mir früher niemals vorstellen können, dass ein Film 100 Millionen kosten könnte. Das ist heute völlig normal. Aber mehr als eine Milliarde? Das möchte ich nicht erleben.

SPIEGEL ONLINE: Schon die achtziger Jahre galten als "die Ära der Exzesse". Wo stehen wir heute?

Bruckheimer: Trotz der hohen Budgets gibt es heute ein anderes Kostenbewusstsein als in den achtziger Jahren. Damals stiegen die Einnahmen enorm, weil Videokassetten und Kabelfernsehen so viel einbrachten. In der Folge explodierten die Budgets. Heute investieren wir vernünftiger.

SPIEGEL ONLINE: Auch dank der Marktforschung. Sie ist im letzten Jahrzehnt immer präziser geworden, die Analysten liegen bei den Prognosen der Einspielergebnisse kaum noch daneben. Ist das Geschäft berechenbarer geworden?

Bruckheimer: All diese Instrumente sind heute verlässlicher als früher, das stimmt. Aber manchmal versagen sie auch. Bei unserem Film "Pearl Harbor" deuteten alle Prognosen auf ein Rekordergebnis hin. Die tatsächlichen Resultate waren dann zwar gut, aber weit niedriger als vorhergesagt.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt ihn also noch, den Thrill des ersten Wochenendes, der über das kommerzielle Schicksal eines Blockbusters entscheidet?

Bruckheimer: Na, klar. Vor allem bei Filmen, die sich an ein junges Publikum richten. Die Jungen sind unberechenbar.

SPIEGEL: Seitdem Sie Ihren ersten Film produziert haben, sind gut 30 Jahre vergangen. Wie stark hat sich Hollywood seither verändert?

Bruckheimer: Es gab weniger Brüche als in den Jahrzehnten davor, Hollywood hat sich eher kontinuierlich weiterentwickelt. Der entscheidende Wandel Hollywoods war der Zusammenbruch des Studiosystems in den fünfziger und sechziger Jahren. Hollywood funktionierte bis dahin wie ein Fabrik, jedes Studio warf 50, 60 Filme pro Jahr auf den Markt. Kaum hatte ein Regisseur einen Film abgedreht, fand er am nächsten Morgen schon das Drehbuch für sein nächstes Projekt vor seiner Tür vor, mit dem er eine Woche später anfangen musste. Es war ein Produzentenkino.

SPIEGEL ONLINE: Klingt, als hätten Sie gern in dieser Zeit gearbeitet.

Bruckheimer: Na ja, für einen Produzenten war das Leben damals viel leichter. Die Stars standen beim Studio unter Vertrag, sie mussten spielen, was man ihnen vorsetzte. Weigerten sie sich, wurden sie mit einem Arbeitsverbot belegt, das war Hollywoods Star-Gefängnis. Heute muss jeder den Stars hinterherjagen, jeder will sie haben. Das ist manchmal ganz schön mühsam.

Das Interview führte Lars-Olav Beier

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