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28. August 2011, 19:46 Uhr

Hollywood-Star Harrison Ford

"Man drückt Pause und geht pinkeln"

Seinen neuen Film "Cowboys & Aliens" hält er offenbar für ziemlichen Quatsch, das moderne Heimkino findet er doof, und auf die "Blade Runner"-Fortsetzung ist er auch nicht wirklich heiß: Im SPIEGEL-ONLINE-Interview gibt sich Superstar Harrison Ford herrlich bärbeißig.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Ford, können Sie sich noch an Ihre Reaktion erinnern, als Sie erstmals den Titel Ihres neuen Filmes "Cowboys & Aliens" hörten?

Ford: Ich war skeptisch, las dreißig Seiten und rief meinen Agenten an, um dankend abzusagen. Nichts für mich. Dann erinnerte er mich an einen dezidierten Auftrag meinerseits: Ich wollte in einem Film mitspielen, den das Publikum vielleicht auch mal sehen will.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie das Gefühl, nach Flops wie "Crossing Over" oder "Ausnahmesituation" den Instinkt für den Zeitgeist verloren zu haben?

Ford: Nein. Jede Produktion ist ein Glücksspiel. Selbst viel Geld in der Kasse ist kein exklusives Kriterium für Erfolg - "Blade Runner" floppte beim Start und scheint seither jedes Jahr beliebter zu werden. Aber ich bin 69 Jahre alt und Hollywood dreht zunehmend weniger Filme, die dafür um so teurer werden. Um sicher zu gehen, dass ich meinen Job noch eine Weile behalten kann, muss ich versuchen, auch in modernen Blockbustern meinen Platz zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Kämen das Theater oder eine hochkarätige Fernsehserie in Frage?

Ford: Ich glaube nur an die große Leinwand. Viele Erwachsene haben sich dafür entschieden, Filme im Heimkino zu sehen, während die Kids im Computer unterwegs sind. Doch der wahre Wert eines Filmes liegt darin, dass es nur für ihn eine eigens gebaute Box gibt. Da wird das Licht gedimmt und der Sound hochgefahren, damit du einen Gemeinschaftssinn spüren kannst. Man ist gelöster in der Dunkelheit. Die Story oder die Musik ermutigen zu Gefühlen. Ein sehr intimes, menschliches Erlebnis unter anderen Menschen, nicht wahr? Und zu Hause? Man drückt Pause und geht pinkeln.

SPIEGEL ONLINE: Was überzeugte Sie letztlich, dass "Cowboys & Aliens" mit Ihnen auf die Leinwand gehört?

Ford: Ich verbrachte viel Zeit mit Regisseur Jon Favreau bei der Entwicklung meiner Figur. Das Skript war gut geschrieben, aber ich musste erst herausfinden, welchen Ton das Ganze haben soll und ob Jon ambitioniert genug ist, diesen Ton durchzuhalten. Ich entwickelte Vertrauen in seinen Vorsatz, die Idee eines Duells von Wildwest-Pionieren und Außerirdischen ernst zu nehmen, obwohl es riskanter ist als ein parodistischer Ansatz.

SPIEGEL ONLINE: Es heißt, Sie hätten hinter den Kulissen massiv Ihren Einfluss geltend gemacht.

Ford: Ich kommentiere kein Getratsche. Aber ich nehme meine Aufgabe sehr ernst, jeden Satz zu meiner Figur im Drehbuch mit der Lupe darauf abzusuchen, was ich einbringen kann, um der Geschichte zu helfen. Daniel Craig und Jon waren so großzügig, mich mit etwas mehr Raum eine Figur entwickeln zu lassen, die hartherzig sein darf und nicht um die Sympathie des Publikums buhlen muss. Es war nett, die üblichen Pflichten eines leading man mal zu ignorieren.

SPIEGEL ONLINE: Zog es Sie je hinter die Kamera wie so viele Ihrer Kollegen?

Ford: Nein. Das ist zu hart, dauert zu lange und die Bezahlung lässt zu wünschen übrig.

SPIEGEL ONLINE: Finden Sie, als Schauspieler hinreichend gewürdigt zu werden? Oder sieht Sie Ihr Publikum eher als Star, der erprobte Parts spielen soll?

Ford: Zum Glück muss ich mir über solche Unterscheidungen keine Gedanken machen und hatte Erfolg mit Vielfalt. Die Männer aus "Der einzige Zeuge", "Mosquito Coast" oder "Schatten der Wahrheit" könnten nicht weiter von einem Indiana Jones entfernt sein. Dass sie nicht so sehr ins kollektive Bewusstsein eingedrungen sind wie andere Figuren, macht sie für mich nicht weniger wertvoll.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es irgendwo junge Regisseure, die das Kino so prägen könnten wie zum Beispiel Steven Spielberg?

Ford: Keine Ahnung. Das Publikum sucht aus, wodurch es verzaubert werden möchte, und ich weiß nicht mehr, was das ist. Ich liebe es, für das Kino zu arbeiten. Aber ich bin schon als Kind nicht gern ins Kino gegangen und sehe auch heute kaum neue Filme. Fragen Sie mich bloß nicht auch noch nach meinem Lieblingswestern.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihr Lieblingswestern?

Ford: Netter Versuch. Aber: I don't do favorites. Fünf Kinder - kein Lieblingskind. Ein Haufen Flugzeuge - ich fliege sie alle gern.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben vorhin sehr schwärmerisch die Kraft des Kinos beschrieben - und meiden es offenbar selbst?

Ford: Ich versuche nicht, mit meinen Antworten einen Sinn zu vermitteln. Ich sage nur die Wahrheit. In meiner Freizeit mache ich lieber ... anderes Zeug. Aber Sie haben recht: Wenn ich mal gehe und der Film gut ist, verbringe ich eine schöne Zeit. Meistens ist das mit meinem 10-jährigen Sohn. Kinderfilme. Verdammt gut heutzutage. Ich wünschte, Hollywood nähme sich öfter ein Beispiel an der Sorgfalt, mit der Geschichten und Figuren bei Pixar entwickelt werden.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie davon, dass Ridley Scott einen zweiten "Blade Runner"-Film drehen will?

Ford: Dazu habe ich keine Meinung. Der Film war einer der interessantesten Teile meines professionellen Lebens und es freut mich, dass er endlich ohne mein scheußliches voice-over veröffentlicht wurde. Aber ich wäre nicht betrübt, wenn ich nicht eingeladen würde zu dieser Party. Eine Fortsetzung hat für mich immer nur Sinn gemacht, wenn ich etwas Neues und Ambitioniertes einbringen kann. Ich würde gut verstehen, wenn sie es auch bei "Blade Runner" mit frischem Blut versuchen.

Das Interview führte Roland Huschke

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