Hollywood-Star Hugh Grant "Fortpflanzung hat jetzt oberste Priorität"

Als Womanizer mit Dackelblick wurde er weltberühmt, jetzt kehrt Hugh Grant als Ehemann mit Dackelblick auf die Leinwand zurück. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der Brite über seine Ambitionen als Autor, die hohe Kunst der smarten Komödie - und seine Pläne fürs Alter.

Mit leicht gequältem Lächeln empfängt Hugh Grant in einem Salon eines Berliner Luxushotels zum Interview. Noch bevor die erste Frage gestellt ist, bedeutet der 49-Jährige mit erhobenem Zeigefinger, zu warten; er leert eine kleine Flasche Wasser in einem Zug, macht sich dann über einen Berg von Sandwiches her, die gerade frisch angerichtet und auf einem silbernen Tablett serviert wurden. Nach dem vierten Bissen erneut ein erhobener Zeigefinger, der signalisiert: Kann losgehen.

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Hugh Grant: Deine Dackelaugen machen mich so sentimental

Foto: Jemal Countess/ Getty Images

SPIEGEL ONLINE: Sie scheinen etwas entkräftet zu sein.

Hugh Grant: Eine harte Nacht. Ich habe viel Schnaps getrunken.

SPIEGEL ONLINE: Ach was.

Grant: Ja, und ich bereue das bitterlich.

SPIEGEL ONLINE: Wo sind Sie denn abgestürzt?

Grant: Im Grill Royal.

SPIEGEL ONLINE: In dem Berliner Society-Lokal, natürlich. Hat's Ihnen gefallen?

Grant: Das Restaurant oder der Schnaps?

SPIEGEL ONLINE: Beides.

Grant: Ich habe das Restaurant geliebt. Und den Schnaps auch. Zu sehr.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man der Boulevardpresse glauben darf, feiern Sie ja gerne mal. Außerdem sind Sie gut beschäftigt als Schauspieler - und versuchen sich dem Vernehmen nach als Autor eines Romans. Wie wollen Sie das denn noch schaffen? Auf welcher Seite sind Sie denn jetzt?

Grant: Böse Frage. Ich komme gar nicht weiter.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet?

Grant: Ich bin immer noch auf Seite 60 und habe den Roman seit einem Jahr nicht angefasst - bis auf gestern. Ich war in meiner alten Wohnung - wo ich schreibe - und habe ihn gelesen. Und ich mochte ihn! Das ist mein einziger Fortschritt: Ich mag ihn.

SPIEGEL ONLINE: Warum gibt's sonst keinen?

Grant: Aus purer Faulheit. Und aus Angst davor, zu versagen. Ich fürchte mich davor, nicht mehr schreiben zu können. Lächerlich! Wenn es vor zwei Jahren ging, warum sollte ich es jetzt nicht mehr können?

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie enttäuscht von sich selbst?

Grant: Ja, das bin ich. Ich bin von mir selbst sogar angewidert.

SPIEGEL ONLINE: Klingt sehr selbstkritisch. Arbeiten Sie an sich selbst?

Grant: Ich mache Vorsätze. Dieses Jahr muss ich mich wirklich zusammenreißen.

SPIEGEL ONLINE: Geben Sie doch endlich die Schauspielerei auf. Sie haben schließlich mehrfach wissen lassen, dass sie den Job gar nicht mögen. Warum bleiben Sie überhaupt dabei?

Grant: Aus Faulheit und Furcht vor Leere. Wenn etwas Zeit nach dem letzten Film verstrichen ist und ich dann ein gutes Skript bekomme, denke ich, nun, vielleicht mache ich das einfach. Ein Projekt zu haben ist einfach ziemlich nett. Du fühlst dich augenblicklich als besserer Mensch, wenn du beschäftigt bist. Sobald ich einen Vertrag unterschrieben habe, bin ich unglaublich energisch, fokussiert und bleibe das auch für ein Jahr. Ich kümmere mich um alles ein bisschen, die Entwicklung des Drehbuchs, das Casting, sogar den Vertrieb; ich weiß sogar, wie das Filmplakat in Japan aussieht. Ich bin gerne Teil eines Projekts, ich mag diesen Fokus. Und ich mag Teamwork.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht sollte Ihnen jemand bei Ihrem Roman unter die Arme greifen?

Grant: Niemand kann beim Schreiben eines Romans behilflich sein. Aber gemeinsam ein Drehbuch zu schreiben wäre sicherlich eine wundervolle Sache.

SPIEGEL ONLINE: Hat eigentlich jemand Ihre ersten 60 Seiten gelesen?

Grant: Ja.

SPIEGEL ONLINE: Verraten Sie mir auch, wer?

Grant: Meine Ex-Freundin. Ich habe sie ihr vorgelesen.

SPIEGEL ONLINE: Mochte Sie Ihren Text?

Grant: Ja. Entweder das - oder sie ist eine brillante Schauspielerin. Aber ich hoffe, sie mag ihn wirklich. Sie hat gelacht.

"Wo ist eigentlich meine Familie?"

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht besteht ja noch Hoffnung für Ihre Zweitkarriere. Immerhin haben Sie schon vor drei Jahren, als "Music and Lyrics - Mitten ins Herz" ins Kino kam, gesagt, dass Sie zu alt für Ihr Stammgenre, die romantic comedy, seien. Warum haben Sie mit "Haben Sie das von den Morgans gehört?" eigentlich wieder eine gedreht?

Grant: Der Film ist keine echte romantic comedy, in der sich ja zwei Menschen treffen und sich ineinander verlieben. In den "Morgans" stecken zwei Partner in einer Ehekrise und versuchen, sie zu meistern.

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Hugh Grant: Deine Dackelaugen machen mich so sentimental

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SPIEGEL ONLINE: Und dabei machen sie viel Blödsinn und küssen sich am Ende doch wieder.

Grant: Dennoch unterscheiden sich die "Morgans" vom üblichen Genrestoff. Vielleicht ist das ja der nächste Schritt in meiner Karriere: Filme über erwachsene Themen zu drehen.

SPIEGEL ONLINE: Bei den "Morgans" darf das Publikum über ein Paar lachen, das sich über Untreue, öden Fortpflanzungssex und Adoptionswünsche streitet.

Grant: Eben. Nicht gerade klassische Themen für eine romantische Komödie. Ich habe ein Großteil meines Erwachsenenlebens in einer Beziehung verbracht. Ich weiß alles darüber, also auch, wie sich meine Figur Paul fühlt. Er liebt dieses Mädchen, er hat Scheiße gebaut und will sie zurück.

SPIEGEL ONLINE: Ganz verlassen wollen Sie das leichte Fach aber nicht?

Grant: Ich wüsste gar nicht, was das bringen sollte. Warum sollte ich jetzt in einem ernsthaften Drama mitspielen? Ich bin nicht schlecht darin, ich kann das - aber andere können das besser. Genauso sinnlos wäre es, wenn ich auf einmal breit angelegte, Jim-Carrey-artige Comedy machte - auch das können andere besser. Aber in meinem engen Feld kann ich Expertise anbieten. Und das langweilt mich nicht - abgesehen von diesen typischen Schlussszenen, in denen sich das Pärchen verträgt und küsst. Das habe ich zu oft gemacht. Darum hatte ich übrigens so viel Spaß an "About a Boy". Der Film hatte zwar eine komödiantische Tonalität, war aber keine schmalzige Romanze.

SPIEGEL ONLINE: Sie lästern indirekt über Ihre eigenen Filme. Das wirkt zynisch.

Grant: Ja, ich bin zynisch, was das Hollywood-Geschäft angeht. Aber nicht in dem Sinne, dass ich in Filmen für Geld mitspiele, von denen ich glaube, dass sie scheiße sind. Ich bin stolz auf die Sachen, die ich gemacht habe, ich habe riesige Mengen an Energie und Herz an sie verschwendet. Marc Lawrence, Regisseur und Drehbuchautor von den "Morgans" und "Music & Lyrics", ähnelt sehr Richard Curtis, mit dem ich "Four Weddings and a Funeral" und "Notting Hill" gedreht habe - und auch mir. Wir alle drei sind ziemlich gebildete Menschen, die wenig Lust verspüren, Kunstfilme zu drehen. Wir versuchen Massenunterhaltung zu machen, die nicht dämlich ist und an den billigen Massengeschmack appelliert. Dämliche Unterhaltung zu machen, ist leicht. Eine riesige Anzahl von Menschen zu unterhalten - und zwar mit einer gewissen Intelligenz -, ist es nicht.

SPIEGEL ONLINE: "Ein Zyniker ist ein Mensch, der von allem den Preis und von nichts den Wert kennt." Können Sie mit dem Zitat was anfangen?

Grant: Nein, weder stimme ich der Aussage generell zu, noch finde ich mich darin wieder. Ich bin wirklich nicht so zynisch. Ich werde im hohen Alter sogar ziemlich sanft und soft; ich weine oft bei Filmen, wenn's romantisch wird.

SPIEGEL ONLINE: Bei welchen?

Grant: Gestern habe ich sogar bei "Findet Nemo" geflennt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Oxford-Absolvent: Wissen Sie, von welchem anderen berühmten Alumnus das Zyniker-Zitat stammt?

Grant: Nein, sorry.

SPIEGEL ONLINE: Von Oscar Wilde, dem scharfzüngigen Kommentator der viktorianischen Gesellschaft. Können Sie etwas mit Wilde anfangen?

Grant: "The Importance of Being Earnest" zählt zu meinen Lieblingsstücken. Ich denke allerdings auch, dass er sehr ermüdend sein kann.

SPIEGEL ONLINE: In vielen Interviews erinnern Sie ein wenig an Wilde: Sie sind charmant, witzig und vor allem auf eine geistreiche Art sehr böse. Außerdem pflegen Sie ein dandyhaftes Image.

Grant: Für mich ist ein Dandy jemand, der sich sorgt, ob seine Perücke sitzt. Das bin nicht ich. Ich werde nie ein Schauspieler sein, der sagt: Ich verneige mich vor meinem Handwerk, ich sterbe, um auf einer Theaterbühne stehen zu dürfen, dort gehöre ich hin, ich liebe es, mich in meine Charaktere zu vertiefen. Das mag der Grund sein, warum Sie diesen Eindruck haben. Eine Menge Schauspielerinterviews sind einfach verdammt langweilig.

SPIEGEL ONLINE: Langweilig zu lesen oder auch zu geben?

Grant: Ich langweile mich sicherlich oft auch selbst zu Tode. Wenn ich erahne, welche Antwort erwartet wird, gebe ich eine andere. Nehmen Sie die Standardfrage: Hat es Ihnen Spaß gemacht, den Film zu machen? Die Standardantwort eines Schauspielers darauf lautet: Ich habe es geliebt, eine wundervolle Erfahrung. Ich sage dagegen: Fuck, nein. Es war elendig.

SPIEGEL ONLINE: Und Ihr PR-Agent liebt sie dafür, weil Sie dieses Image pflegen.

Grant: Um ehrlich zu sein: Mein Image ist mir völlig gleichgültig. Alles, was mich interessiert, sind ein paar Zeitungsspalten mit Gratiswerbung für meinen Film.

SPIEGEL ONLINE: Da spricht der - angeblich altersmilde - Zyniker. Sie werden ja bald 50 - und Sie haben als Dandy mit Dackelblick und Schlag bei Frauen ein sehr enges Rollenprofil. Fürchten Sie nicht, dafür bald zu alt sein? Erleiden Sie womöglich gar ein ähnliches Schicksal wie viele Ihrer Hollywood-Kolleginnen?

Grant: Meine Möglichkeiten verengen sich noch weiter, da haben Sie sicherlich recht. Aber ich denke, dass Männer - generell gesprochen - nach wie vor eine größere Haltbarkeitsdauer als Schauspieler haben als Frauen. Schauen Sie sich nur mal Clint Eastwood an.

SPIEGEL ONLINE: Der gibt aber auch nicht mehr den Liebhaber.

Grant: Muss ich ja auch nicht. Ich muss nur jemanden spielen, zu dem die Zuschauer eine Beziehung aufbauen können, von dem sie wissen wollen, was ihm im Verlauf des Films widerfährt.

SPIEGEL ONLINE: Beschäftigt Sie Ihr Alter sonst?

Grant: Nicht so wahnsinnig. Sicher, niemand freut sich darauf, 50 zu werden, das ist schon ein bisschen beängstigend. Und ich wache sehr wohl manchmal mitten in der Nacht auf und frage mich: Augenblick, wo ist eigentlich meine Familie? Ich will nicht mit 80 allein in einem Altersheim hocken, ohne Kinder und Enkelkinder, das ist traurig. Also: mit der Fortpflanzung muss ich wirklich mal vorwärts machen, das hat jetzt definitiv oberste Priorität.

SPIEGEL ONLINE: Gibt's konkrete Pläne?

Grant: Nein. Ich habe nur den generellen Plan: fortpflanzen.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie suchen die richtige Person dafür.

Grant: Ja, das tue ich wahrscheinlich.

SPIEGEL ONLINE: Und als Schauspieler werden wir Sie - entgegen Ihrer Beteuerungen - später einmal im Altersheim sehen, wie Sie Schwestern hinterhersteigen.

Grant: Ach ja, vermutlich haben Sie recht.

Das Interview führte Thorsten Dörting