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Nicolas Cage: Vom Oscar-Gewinner zur B-Movie-Knallcharge

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Hollywood-Star Nicolas Cage Der beste schlechte Schauspieler der Welt

Er hat einen Oscar, galt als Genie seiner Generation. Und jetzt? Andere Stars lästern über Nicolas Cage und Film-Trash wie "Ghost Rider 2", der dieselbe Reaktion herausfordert wie ein Autounfall: Hinstarren, weil es so schrecklich ist. Doch aller Spott ist unfair - der Mann ist auf wahnsinnige Weise brillant.
Von Daniel Haas

Alle reden von Burnout. Er verkörpert ihn. Nicolas Cage ist der Ghost Rider, ein durchgeknallter Zombierocker, der mit brennendem Höllen-Bike und Flammenschädel gerade durch einen der schlechtesten Filme aller Zeiten brettert: "Ghost Rider 2". Was ist passiert, dass einer der größten Schauspieler seiner Generation, Oscar-Preisträger, Golden-Globe-Gewinner, Akteur in Filmen von Scorsese, Coppola, Lynch, zur Knallcharge des B-Movie-Kinos wurde?

Oder muss die Frage anders lauten? Geht es eher darum, wie aus einem Charaktermimen ein Leinwandfreak werden konnte, der kritische Kategorien unterläuft, aushebelt, oder - um im Bild des Ghost Rider zu bleiben - mit Vollgas überholt?

Alles beginnt 1983 mit einer Nebenrolle in "Rumble Fish" an der Seite von Matt Dillon und Mickey Rourke. Es folgt der Teeniefilm "Valley Girl", 1985 dann der Durchbruch in "Birdy" als traumatisierter Vietnam-Veteran. Das Trauma wird zum Grundmotiv: Ob in "Vampire's Kiss" als Literaturagent, der glaubt, zum Blutsauger zu werden (und seiner Sekretärin befiehlt, 20 Jahrgänge von "The SPIEGEL" zu sichten!), in "Wild at Heart" als cholerischer Elvis-Verschnitt oder in "Zandalee" in der Rolle des erotomanen Malers - Cage spielt die Gequälten, Getriebenen, die an sich selber Leidenden.

Für solche Extremlagen wurde das "Method Acting" erfunden, die Lehre von der sich einfühlenden Darstellung. Robert De Niro und Daniel Day-Lewis sind Großmeister dieser Schule, sie inhalieren förmlich die Lebensumstände der zu spielenden Figur. De Niro fraß sich 25 Kilo an, um in "Wie ein wilder Stier" einen verkommenen Boxer darzustellen. Day-Lewis blieb für seine Rolle als behinderter Autor in "Mein linker Fuß" wochenlang im Rollstuhl und ließ sich von der Filmcrew füttern.

Schrecklich wie ein Autounfall

Cage ist auch ein Method-Künstler, aber er hat das Verfahren von Anfang an übertrieben. Er fühlt sich ein in eine Figur und steigert diese Empfindung zur Karikatur. Wenn Nachdenken gefragt ist, brütet er. Geht es um Zorn, flippt er aus. Verzweiflung gibt es nur als Hysterie, Desinteresse in der Gestalt von Depression.

Der Achterbahnstil hat ihm 1996 für "Leaving Las Vegas" erst einen Oscar eingetragen, dann Rollen in Actionfilmen von Jerry Bruckheimer ("The Rock", "Con Air") und ab den späten Neunzigern jede Menge schräger Parts in Produktionen, die man betrachten kann wie einen Autounfall: Hinstarren, weil es so schrecklich ist.

Tiefpunkt war "Wicker Man - Das Ritual" (2006), ein Horrorfilm, der bei YouTube auf mehr Parodien kommt als jede andere Kinoverfehlung. Cage stolpert als Ermittler durch ein von Geistern heimgesuchtes Hinterland, verpasst einer Schwangeren einen Kinnhaken und stellt einer Frau in vollem Ernst die Frage: "Was haben Sie da in Ihrer Handtasche? Einen Hai?"

Der amerikanische Late-Night-Talker Conan O'Brien präsentierte daraufhin das "Nicolas-Cage-Terrorfrühwarnsystem": Abhängig von der Gefahrenstufe wird die Bevölkerung mit Ausschnitten aus Cage-Filmen alarmiert, darunter auch die legendäre Therapieszene aus "Vampire's Kiss". Cage rattert im Angesicht einer verdutzten Psychiaterin das Alphabet herunter. Man muss das (auf YouTube) gesehen haben , wie er die Buchstaben herausbellt, zappelnd vor Zorn, als wäre er ein irrer Prediger, dem die Sprache abhanden kommt. Method-Acting in der Tourette-Version.

Heilpraktiker auf Acid

"Die schrägsten Rollen sind die spannendsten", sagte Cage im Interview. "Die Leute gehen in den Zoo, um den Affen zu sehen und nicht das Zebra." Und dem Affen muss man Zucker geben, dann wird er noch ein bisschen unberechenbarer. Die meisten Darsteller schätzt man für künstlerische Kohärenz, auch wenn sie vielfältige Typen verkörpern. Wir wissen, was wir von Brad Pitt oder George Clooney erwarten können (Lässigkeit, Eleganz).

Cage ist komplett unzuverlässig. Er spielt in "City of Angels", dem Hollywood-Remake von "Himmel über Berlin", und man weiß nicht, wer nerviger ist: Meg Ryan mit ihrer kitschigen Schnütchen-Empfindsamkeit. Oder Cage, ohne Unterlass staunend und raunend wie ein Heilpraktiker auf Acid.

Kurz darauf glänzt er in einer Doppelrolle, als Alter Ego des Regiestars Charlie Kaufman in "Adaptation". Da ist er faszinierend grotesk, macht den Film zu einem Meisterstück des selbstreflexiven Postmoderne-Kinos der Nullerjahre.

Und dann: "Wicker Man", der erste "Ghost Rider" und "Drive Angry", ein Film, von dem sich das Actionkino wahrscheinlich nie wieder erholen wird. Cage, in der Rolle des zombieesken Racheengels, sieht aus wie ein ungewaschenes Scorpions-Mitglied auf Drogenentzug und gibt die Parodie seines ohnehin schon parodistischen Stils, die Übertreibung der Übertreibung, die streckenweise ins Künstliche umschlägt. Es gibt eine Restaurantszene, da sagt er rauchend, mit Pumpgun im Anschlag: "Kaffee. Schwarz", und es klingt wie ein Text von Beckett.

Wahnsinn mit eiserner Disziplin

Spätestens mit diesem Film begreift man, was ein amerikanischer Kritiker meinte, als er erklärte, darstellerische Größe zeige sich in der Diskrepanz zwischen Performance und Material. Auch wenn das Drehbuch hirnlos, die Regie bizarr und die Kameraarbeit abgründig ist, kann sich der Schauspieler behaupten. So gesehen ist Nicolas Cage der beste Schauspieler der Welt, weil er mit eiserner Disziplin den Wahnsinn darstellt in Filmen, die wahnsinnig peinlich und unsinnig sind.

Die Autoren der amerikanischen Comedyshow "Saturday Night Live" haben das erkannt: In der Sketchreihe "Inside Cage" tritt der Komiker Andy Samberg als Nicolas Cage auf, der Kollegen interviewt. Im Gespräch mit Jude Law sagt er: "Drehbücher? Lese ich nie! Darum habe ich doch immer diesen überraschten Gesichtsausdruck. Ich erfahre von der Handlung im selben Moment wie das Publikum!"

Das bringt es auf den Punkt: Cage sehen heißt erkennen, wie Schauspiel zustande kommt. Man wird nicht wie bei anderen Stars in eine Illusion hineingezogen, sondern erlebt zur gleichen Zeit die Herstellung und Zertrümmerung einer Fiktion.

"Nur durch solche Streifen bin ich in meiner Entwicklung weitergekommen", sagte Cage über "Ghost Rider 2". Er muss schon sehr brennen fürs Kino.

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