Hollywood-Star Tom Hanks Einer von uns

Der größte Star ist ein Biedermann: Tom Hanks - zurzeit mit Steven Spielbergs "Terminal" im Kino zu sehen - gehört zu den mächtigsten Schauspielern in Hollywood. Das Geheimnis seines Erfolges ist sein bescheidenes Streben nach Beständigkeit.

Von Jan Distelmeyer


Hollywood-Star Hanks: Moderner Jimmy Stewart
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Hollywood-Star Hanks: Moderner Jimmy Stewart

Mitte der achtziger Jahre sorgten die Yuppies dafür, dass Karriere und schneller Aufstieg eine Art Religion wurden. In dieser Zeit hatte Tom Hanks gerade "The Bachelor Party" hinter sich und "Splash" (1984), den ersten Publikumserfolg seit seiner Entdeckung in der TV-Serie "Bosom Buddies". "Meine Hoffnungen", erklärte der damals 28-Jährige seine Vorstellung vom Aufstieg, "handeln von Langlebigkeit. Das ist der einzige echte Maßstab für meine Karriere, soweit es mich betrifft. (...) Mit Geschick und Glück kann ich hoffentlich eine Art von Arbeitsbibliothek anlegen wie Jack Lemmon oder James Stewart - das wäre für mich die ideale Karriere."

Seitdem ist Tom Hanks immer wieder "the modern Jimmy Stewart" genannt worden. Und auch sein Wunsch nach "Langlebigkeit" erfüllte sich auf fast beängstigende Weise: Heute gilt Tom Hanks als Nummer eins der "Top Ten Box Office Stars of the 1990s", er gewann für "Philadelphia" und "Forrest Gump" zwei Oscars in Folge und wurde 2002 - dem Jahr, in dem der von ihm produzierte Hit "My Big Fat Greek Wedding" herauskam - vom Branchenmagazin "Entertainment Weekly" zum "mächtigsten Mann Hollywoods" gekürt. Im selben Jahr erhielt er mit 45 Jahren als jüngster Preisträger aller Zeiten den Lifetime Achievement Award des American Film Institute.

Hanks in "The Ladykillers" (2004): Verweigerung aller Sinnzusammenhänge
Touchstone Pictures

Hanks in "The Ladykillers" (2004): Verweigerung aller Sinnzusammenhänge

Diese "Langlebigkeit" ist weder eine zufällige oder - wie es Filme wie "Splash" oder "Forrest Gump" erzählen würden - eine ganz märchenhafte Erfüllung der Träume eines jungen Schauspielers, noch hat sie allein mit Auszeichnungen zu tun. Vielmehr ist das Sehnen nach etwas Bleibendem ein wesentlicher Teil der Star-Persona Tom Hanks. Es gehört zum Kern der Geschichten, die seine Filme immer wieder erzählen.

Die weiße Mitte

Schon sein erster Erfolg hatte diese Richtung angezeigt. In "Splash" entscheidet er sich am Ende für seine große Liebe. Er entsagt dem Großstadt-, dem Berufs- und sogar dem Menschenleben, um mit seiner Meerjungfrau (Daryl Hannah) ins Glück hinaus zu schwimmen. "Splash" ist wie "Nothing in Common" (1986), in dem Tom Hanks als erfolgreicher Werbemanager durch seinen gescheiterten Vater ins Grübeln kommt, auch eine Absage an die als flüchtig deklarierten Ideale der Yuppie-Gesellschaft, gegen die sich nicht wenige Filme dieser Dekade mehr moralisch als politisch wendeten.

Hanks-Erfolg "Schlaflos in Seattle" (1993): Repräsentant der weißen Mitte
SAT.1

Hanks-Erfolg "Schlaflos in Seattle" (1993): Repräsentant der weißen Mitte

Auch der Tom Hanks der achtziger Jahre war trotz seines jungenhaften Äußeren, das ihm wie in "Big" (1988) die Erscheinung eines verzauberten Zwölfjährigen verlieh, bereits in Ansätzen das personifizierte Bekenntnis zu einer äußerst "erwachsenen" Suche nach Beständigkeit. Es war in seinem Gesicht zu lesen: Sogar in "Scott & Huutsch" (1989) - Bulle und Bulldogge ("Don't eat the car!") auf Mörderjagd - war sein Lächeln eben nicht nur spitzbübisch oder genervt, sondern im selben Maße verbindlich. Passend zum Ausklang der Achtziger zelebrierte Tom Hanks als fallender Börsenmakler Sherman McCoy 1990 in Brian DePalmas "Fegefeuer der Eitelkeiten" endgültig den Abschied von der Yuppie-Dekade.

In den neunziger Jahren verfestigte sich das Bild des modernen James Stewart. "Schlaflos in Seattle", "Philadelphia", "Forrest Gump" und "Apollo 13" sorgten zwischen 1993 und 1995 für jenen Quantensprung, der Tom Hanks zum "most likeable star of his generation" werden ließ. Wie Stewart in seinen Frank-Capra-Filmen wurde Hanks zum Gewissen eines sich auf Menschlichkeit und Grundrechte besinnenden Amerikas, das sich rühren ließ. Man liebte ihn dafür, sich nach dem sorgenden Vater von "Schlaflos in Seattle" in den schwulen und an Aids erkrankten Anwalt zu verwandeln, der in "Philadelphia" für sein Recht kämpft. Das Unternehmen gelang vielleicht vor allem deshalb, weil Tom Hanks mehr als jeder andere gegenwärtige US-Schauspieler die weiße Mitte symbolisiert - einen "von uns", der eigentlich nie mehr will, als ihm (und "uns") zusteht.

Das Glück heißt Stabilität

Gangsterdrama "Road to Perdition" (2002): Revolution im Hanks-Kosmos
DDP

Gangsterdrama "Road to Perdition" (2002): Revolution im Hanks-Kosmos

Tom Hanks ist nicht auf Abenteuer oder Entdeckungen aus wie der nur vier Jahre jüngere, andere aus den Achtzigern verbliebene Superstar, Tom Cruise. Er will vielmehr nur behalten, was er hat, oder wiederbekommen, was er einst besaß: Liebe, eine Mutter für sein Kind, seinen Job, seine Rechte als Bürger, seinen Frieden. Stabilität ist das Glück der Figuren des Tom Hanks, das Vertrauen auf Verhältnisse und Werte, die bleiben, was auch immer da draußen geschieht.

Niemand anders hätte darum Forrest Gump so spielen können, weil der eigenwillige Held genau dieser Sehnsucht eine Gestalt gab: eine sich nie wirklich verändernde Größe, das einzig Verlässliche im Wandel der amerikanischen Geschichte, an dem dieser Forrest Gump mit seinen unumstößlichen Überzeugungen - "Stupid is as stupid does!" - trotzdem immer irgendwie maßgeblich beteiligt gewesen ist. So einer konnte sogar das Trauma Vietnam überstehen und es dem Publikum als eine skurille Episode unter vielen erzählen.

Mit dieser zutiefst staatstragenden Stabilität, die Tom Hanks mit seiner Fusion aus Gags und Verbindlichkeit präsentiert, reiste er mit "Apollo 13" in den Weltraum und zu seiner Mission im Zweiten Weltkrieg in "Der Soldat James Ryan". Er sucht in beiden Fällen keine Herausforderung, sondern will lediglich seine Pflicht erfüllen und - vor allem anderen - das Leben seiner Leute bewahren.

Robinsonade "Cast Away" (2000): Das Glück der Langlebigkeit
REUTERS

Robinsonade "Cast Away" (2000): Das Glück der Langlebigkeit

Die Sehnsucht nach und das Angebot von bleibender Verlässlichkeit, das Prinzip Ruhe und der Wunsch nach ihrer Wiedergewinnung, wurde so sehr Teil der Rollen von Tom Hanks, dass er selbst immer ruhiger agierte. Mit Ausnahme von Forrest Gump - "Run Forrest, run" - vermied er zusehends schnelle Bewegungen, was ihn weniger James Stewart als eher schon dem großen Stoiker Henry Fonda ähnlich werden ließ. Jemand, der wie in "The Green Mile" leicht aus dem Alltagstrott gebracht wird, der ins Grübeln über die Todesstrafe kommt, und dessen seltene Gags zurückhaltender, lakonischer werden.

Auch in der Robinsonade "Cast Away - Verschollen" (2000) besinnt sich der gestrandete, zwangsläufig zur Ruhe gekommene Hanks-Charakter auf jenes Glück der Langlebigkeit, das ihm und seiner Familie in der Hektik seines Managerlebens abhanden gekommen war. Dass er es nach Verlassen der Insel nicht gleich wieder findet, sondern ganz neu erschaffen muss, ist die eigentliche Tragik dieses Films, für die Tom Hanks prädestiniert ist.

Tom Hanks wird vogelfrei

Hanks in "Terminal": Zur Ruhe verdammt
UIP

Hanks in "Terminal": Zur Ruhe verdammt

In gewisser Weise wurde das Ende von "Cast Away" auch ein Aufbruch für den Schauspieler Tom Hanks. Seitdem - mit "Catch Me If You Can", "Road To Perdition" (beide 2002) und dem Remake "The Ladykillers" der Coen-Brüder - hat sich Tom Hanks der früheren Bedeutungslast entledigt. In Spielbergs "Catch Me If You Can" widmet er als FBI-Mann Hanratty selbst die höchsten Familienfeiertage einsam und auf eigenwillig statische Weise der Betrügerjagd. In "Road To Perdition" wechselt er, wie Henry Fonda in den späten Sechzigern, auf die Seite der Bösewichte: Er sieht als Gangster Michael Sullivan seine halbe Familie sterben und weiß, dass sein verlorenes Familienglück - eine Revolution im Hanks-Kosmos - ohnehin auf Leichen und Lügen aufgebaut war.

Sein Professor Goldthwait Higginson Dorr in "Ladykillers", angetan mit Südstaaten-Cape, Spitzbart und jeder Menge falscher Zähne, wirkt wie die spürbar entspannte, angenehme Verweigerung aller Sympathie- und Sinnzusammenhänge, die ihn seit "Splash" begleitet haben.

Wenn Tom Hanks nun in Steven Spielbergs "Terminal" den Migranten Victor Navorski verkörpert, erscheint dies fast schon wie eine logische Konsequenz. "Terminal" adaptiert die wahre Geschichte von Merhan Karimi Nassiris, der seit 16 Jahren im Pariser Flughafen auf seinen Pass wartet. Sans Papier: Hanks' Rolle ist die eines auf der Reise steckengebliebenen Mannes, dessen Heimat in Kriegswirren von der politischen Landkarte verschwindet und der deshalb auf dem Flughafen von New York ohne gültige Papiere festsitzt. Zur Ruhe verdammt ist er seltsam "bei sich" und zugleich zwischen den Welten und den mit ihnen verbundenen Anforderungen. Wäre die Geschichte nicht absurde Realität, könnte man meinen, der Star Tom Hanks hätte sie für sich selbst erfunden.



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