Doppelgänger-Horror "Wir" Begegnung mit dem Schreckens-Ich

In Jordan Peeles herausragendem Horrorfilm "Wir" wird eine US-amerikanische Vorzeigefamilie von ihren blutrünstigen Doppelgängern verfolgt. Ein Schocker, der sich bis in tiefste Bedeutungsebenen gräbt.

Universal Pictures

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"Find Yourself" steht über dem Spiegelkabinett, das so seltsam abgelegen von den anderen Jahrmarktattraktionen am Strand von Santa Cruz aufgebaut ist. Obwohl kaum zehn Jahre alt, kann die kleine Adelaide Wilson (Madison Curry) dieser sehr erwachsenen Verheißung nicht widerstehen. Vorsichtig betritt sie die verwinkelten Räume, doch kaum dass sie sich orientiert hat, geht das Licht aus. Und dann begegnet sie dem Grauen, das sich wie in jedem guten Horrorfilm als genau dieses angekündigt hat: sich selbst.

Fragmentierungsangst hat der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan den Schrecken genannt, den ein Kleinkind erfährt, wenn es sich das erste Mal im Spiegel sieht und erkennt, dass sowohl es selbst als auch eine Repräsentation von sich in der Welt existieren. In seinem virtuosen zweiten Film "Wir" fügt Regisseur und Autor Jordan Peele nun die Dinge wieder zusammen, er verbreitet Vereinigungsangst. Denn was könnte es Erschütternderes für das Ich geben, als sich der eigenen Existenz zu stellen samt ihrer schlimmsten Abgründe, Lebenslügen und Verbrechen?

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"Wir": This is America

So ist es denn auch ein Trauma, das die kleine Adelaide aus der Begegnung im Spiegelkabinett von sich trägt. Darüber sprechen kann sie allerdings nicht, auch nicht, als sie über zwanzig Jahre später (nun gespielt von Lupita Nyong'o) mit ihrer eigenen vierköpfigen Familie nach Santa Cruz zurückkehrt, weil sie dort ein schmuckes Haus geerbt hat.

Aber in ihrer Ehe ist eh Gabe (Winston Duke) fürs Reden zuständig. Dauernd quatscht er und macht Witze. Und selbst als eines Abends plötzlich eine Familie in ihrer Einfahrt steht, einfach nur da steht und ihr Haus beobachtet, will er erst mal mit den Neuankömmlingen reden. Was es mit den vier Menschen in dunkelroten Overalls auf sich hat, muss dann Gabes und Adelaides kleiner Sohn Jason aussprechen, als schon alles zu spät ist, die vier Invasoren längst in ihrem Wohnzimmer stehen und das erste Blut vergossen ist: "Das sind wir!"

Was folgt, geht weit über das Horror-Subgenre der home Invasion hinaus, es ist eine homeland invasion. Denn nicht nur das Vorzeige-Idyll einer einzigen Familie ist hier bedroht, sondern eines ganzen Landes. "Wir sind Amerikaner", röchelt Adelaides Doppelgängerin (ebenfalls Nyong'o), bevor sie deren Tochter Zora aus dem Haus scheucht, um danach umso lustvoller Jagd auf den Teenager zu machen.

Lesen Sie hier ein Porträt von Hauptdarstellerin Lupita Nyong'o und wie sie zu der furchterregenden Stimme ihrer Figur gefunden hat

"Stets fühlt man seine Zweiheit, als Amerikaner, als Neger. Zwei Seelen, zwei Gedanken, zwei unversöhnbare Streben, zwei sich bekämpfende Vorstellungen in einem dunklen Körper, den Ausdauer und Stärke allein vor dem Zerreißen bewahren", hat der Antirassismus-Vordenker W.E.B. Du Bois 1903 in "The Soul of Black Folk" geschrieben.

Es ist eine von unzähligen Deutungsfährten, die Jordan Peele in "Wir" auslegt und von seinem brillanten Darstellerensemble samt Mike Gioulakis extrem agiler Kamera verfolgen lässt. Allein drei Mal setzt der Film zum Einstieg ein. Erst ist eine Texttafel zu sehen, auf der von einem weitverzweigten Tunnelnetz durch ganz Nordamerika zu lesen ist. Dann fährt die Kamera eine Wand voller Kaninchenställe ab, schließlich sehen wir die kleine Adelaide 1986 vor dem Fernseher sitzen: Die Wohltätigkeitsaktion "Hands Across America", eine Menschenkette gegen Obdachlosigkeit, wird beworben.


"Wir"
USA 2019
Originaltitel: "Us"

Buch und Regie: Jordan Peele
Darsteller: Lupita Nyong'o, Winston Duke, Jason Wilson, Shahadi Wright Joseph, Elisabeth Moss, Tim Heidecker
Produktion: Monkeypaw Productions
Verleih: Universal
Länge: 116 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 21. März 2019


Sollen wir wie Alice im Wunderland dem weißen Kaninchen folgen? Ist "Underground Railroad" mehr als der Name für das historische Netzwerk zur Befreiung von Sklaven? Gibt es tatsächlich ein unterirdisches Schienengeflecht? Alle anfangs ausgelegten Fährten führen sowohl in den Film hinein als auch aus ihm heraus. Den einen hermeneutischen Pfad durch "Wir" gibt es nicht, was einige Desorientierung zur Folge hat, befördert noch durch die Momente, in denen der gelernte Comedian Peele einen richtig guten Gag platziert. Merke: Auch in größter Not sollte man vor dem Smart Speaker so genau wie möglich artikulieren.

Mit der erzählerischen Ausgefranstheit von "Wir" unterläuft Peele gleichzeitig die hohen Erwartungen, die er mit seinem sensationellen, oscargekröhnten Debütfilm "Get Out" geweckt hat. Darin hatte er eine so kluge Verengung auf die Perspektive des jungen schwarzen Fotografen Chris (Daniel Kaluuya) vorgenommen, dass man nicht umhin kam, sie sich zu eigen zu machen und mit einem "schwarzen" Blick auf Amerika und seine Probleme mit Rassismus zu schauen.

In "Wir " sehen wir nun wieder in die schreckensgeweiteten Augen einer schwarzen Hauptfigur. Wo sich hinter Chris' Pupillen der "sunken place" auftat, in dem er von Schuld- und Ohnmachtsgefühlen verschluckt wurde, blitzt aus Adelaides Augen jedoch der Überlebenswille zurück. Sie kämpft mit einer Unerbittlichkeit, die erst begeistert und dann erschreckt. Denn wissen wir eigentlich, wofür oder wogegen Adelaide genau kämpft? Wessen Wohlstand und Wohlergehen sie verteidigt?

Im Video: Der Trailer zu "Wir"

Universal Pictures

Zwei Plot-Twists weiter ist diese Frage noch immer nicht zufriedenstellend geklärt. Aber womöglich muss sie das auch gar nicht. Denn dass hier etwas Fürchterliches zusammengefunden hat, das besser getrennt geblieben wäre, diesen Horror spürt man noch lange nach dem Ende von "Wir."



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