Horror-Regisseur Craven "Die Wahrheit ist blutig und gefährlich"

Sie finden Horrorfilme zu blutig? Für Wes Craven, dessen Klassiker-Remake "The Hills have Eyes" heute anläuft, kann es auf der Leinwand gar nicht grausam genug zugehen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE verrät er, warum es wichtig ist, sich im Kino zu ängstigen.


SPIEGEL ONLINE: Mr. Craven, Sie haben zusammen mit dem jungen Regisseur Alexandre Aja ein Remake ihres eigenen Horrorklassikers produziert. Die Brutalität von "The Hills Have Eyes" ist allerdings nur sehr schwer auszuhalten.

Horror-Spezialist Craven: "Diese Filme sind verdammt beängstigend"
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Horror-Spezialist Craven: "Diese Filme sind verdammt beängstigend"

Craven: Es gab einen Punkt, an dem ich dachte: Oh Gott, das ist ja derartig blutig und brutal - wir sind weit jenseits dessen, was wir je gezeigt haben, wir werden zu Sadisten. Aber es gibt keine leichte Art, einen Horrorfilm anzuschauen, weil sie eben nicht als leichtes Vergnügen gedacht sind. Der Horrorfilm ist eine Provokation, weil er aus einer Kultur kommt, die sich nur darum dreht, was die Leute gern sehen möchten und was sie erfreut, anstatt sie herauszufordern. Wir nehmen gern alles Unangenehme und tun so, als würde es nicht existieren. Als Horrorfilm-Macher sage ich dagegen: Ich werde euch die absolute Wahrheit zeigen, soweit ich sie sehe, und sie ist blutig und scheußlich und gefährlich.

SPIEGEL ONLINE: Was hat denn ein Horrorfilm mit der Wahrheit zu tun?

Craven: Es geht um Gewalt und ihr Wesen, ihre Erwiderung durch mehr oder minder unschuldige Menschen, und welche Veränderung das für diese Menschen bewirkt. Es geht darum, welche moralische Konstellation nötig ist, um sich gegen jemanden zur Wehr zu setzen, der entschlossen ist, dich umzubringen, der körperlich sehr mächtig ist und über keine moralischen oder ethischen Grenzen verfügt.

SPIEGEL ONLINE: Bei welchem Horrorfilm hatten Sie selbst die größten Schwierigkeiten, im Sitz zu bleiben?

Craven: Ich bin in meinem ganzen Leben erst zweimal aus einem Film gegangen. Der eine war John Waters' Horrorsatire "Pink Flamingos", während der Szene, in der ein Mann groben Sex mit einer Frau hat und dabei ein Huhn umbringt. Was wir im Film machen, ist reine Phantasie, aber das war ein echtes Tier! Das andere Mal war "Reservoir Dogs" auf einem spanischen Filmfestival.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind bei "Reservoir Dogs" aus dem Kino gegangen!? Dabei wird doch die schrecklichste Szene, als einem Mann ein Ohr abgeschnitten wird, gar nicht ins Bild gesetzt.

Craven: Nein, aber ich hatte das Gefühl, dass der Regisseur Spaß an der Szene hatte. Sie ist mit Musik unterlegt und wirkte deshalb irgendwie cool. Damals wusste ich nicht, wer Quentin Tarantino ist, aber als ich aus dem Kino kam, stürmte ein dürrer junger Mann auf mich zu und fragte: "Wie fanden Sie's?" Ich sagte: "Ich gehe", und er rief: "Wes Craven konnte meinen Film nicht aushalten! Phantastisch!" und stürmte zurück in den Saal. Ich bin mir sicher, dass Tarantino daran nichts falsch findet und sich wohl damit fühlt. Aber er hat viel Folter in seinen Filmen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie da erst den neuen Horror-Schocker "Hostel" ausgehalten, der als Maßstab für die neue Brutalität im Horrorgenre gilt?

Craven: Wie gesagt, ich verabscheue Folter, aber der Film war auch mit einem schrägen Humor gemacht. Er scheint zu sagen: Ich halte die Welt nicht aus, wenn ich nicht über die schrecklichsten Dinge lachen kann. Aber für mich ist jeder Horrorfilm schwer anzuschauen. Ich weiß noch, welche Angst ich vor "Texas Chainsaw Massacre" hatte, oder "Alien" – diese Filme sind verdammt beängstigend. Aber Angst ist eine der wichtigsten Emotionen, zu denen wir fähig sind.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Craven: Man würde wohl gar nicht erst aufstehen und laufen lernen, wenn man Angst nicht überwinden würde. Es ist ungeheuer wichtig, Angst zu überwinden, denn obwohl sie uns zutiefst erschreckt, ist sie auch eine zu durchstoßende Mauer. Man kann hindurchgehen, und man kommt auf der andern Seite stärker hervor. Wenn man das nicht tut und lieber immer dahin zurückweicht, wo es sicher ist, ist das auch okay. Aber manche Menschen wollen sich weiterbewegen, und manchmal muss man einige sehr beängstigende Dinge durchmachen, um dorthin zu kommen.

SPIEGEL ONLINE: Sollten sich die Leute also Horrorfilme anschauen, obwohl sie sie eigentlich gar nicht mögen?

Craven: Nein, ich finde keineswegs, dass Menschen Dinge tun sollten, von denen sie am Ende glauben, dass die sie verletzen oder brutalisieren. Aber man kann sich dem Test aussetzen. Ich nenne Ihnen ein Beispiel – Mel Gibsons "Passion Christi". Ich saß mit Händen vorm Gesicht im Kino und dachte, ich halte es nicht aus mitanzuschauen, wie sie diesen Mann zu Tode prügeln. Gegen Ende des Films sagt einer seiner Folterer irgendetwas besonders Scheußliches zu ihm. Christus dreht sich um und schaut ihn an, und man erwartet eigentlich einen Blick voll Verachtung und Wut. Stattdessen ist es ein Blick tiefsten Mitgefühls. Das war sehr bewegend, und ich dachte mir: Dafür habe ich es bis hierher ausgehalten! Auch wenn die Leidensgeschichte Christi nur ein Mythos ist, so ist sie doch ein phantastischer Mythos – denn er bricht den Kreislauf der Gewalt. Aber man muss in Gänze gesehen haben, was diesem Mann angetan wurde, um das zu erkennen.

SPIEGEL ONLINE: "The Hills Have Eyes" mischt dem Horror auch eine politische Dimension bei. Ist das nicht ein bisschen viel?

Craven: Das war doch schon immer ein Bestandteil des Genres. Dr. Frankenstein schuf ein fürchterliches Monstrum, die Riesenameisen in "Them!" waren Mutanten von Atomtests, und "Die Invasion der Body Snatcher" entstand 1956 während einer Anhörung im amerikanischen Kongress, die die amerikanische Verfassung zu verwerfen drohte. Der Horrorfilm hat immer schon gefragt: Was haben die mit uns vor, und um welchen Preis? 60 Prozent der Zuschauer schauen sich diese Filme an und finden sie einfach nur gruselig, aber die anderen sagen vielleicht: "Dieser Senator McCarthy wird langsam echt beängstigend".

SPIEGEL ONLINE: Der Horrorfilm erlebt derzeit ein Comeback an der Kinokasse und setzt zunehmend Folter als Mittel des Grauens ein. Wird dabei eine neue Schwelle der Brutalität überschritten?

Craven: Ich habe das Gefühl, dass die aktuelle Generation junger Horrorfilmer auf den Krieg im Irak reagiert, auf die Attacke der radikalen Islamisten und den 11. September 2001. Ihre Filme sind - wie die Realität - zutiefst erschütternd. In meiner Generation gab es Vietnam. Ich habe das 1972 in "The Last House on the Left" reflektiert. Vor Vietnam hatte ich noch nie Filmmaterial von sterbenden Menschen gesehen. Ich lehrte damals an der Uni, und dokumentarisches Filmmaterial strömte nur so herein, Material, in dem Menschen gefoltert und getötet wurden. Das war ein schwerer Schock für mich. Ich hatte das Gefühl, ich müsste die Schwelle dessen, was ich an Gewalt auszuhalten vermochte, anheben, um weiter funktionieren zu können. Und ich hatte das Gefühl, dass konventionelle Filmgewalt eine Lüge ist.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie ein Beispiel nennen?

Craven: Nehmen Sie den berühmten Fernsehheld "Lone Ranger": Er zieht seine Pistole, schießt, und der Gegner fällt um und ist tot – statt dass er nur halb trifft, dem Gegenüber den halben Schädel wegpustet und der im Staub liegt und nach seiner Mutter ruft, während er stundenlang qualvoll dahinsiecht. Das echte Leben schien so anders, dass sich viele Filmemacher sagten: Ich muss mir Dinge anschauen, die viel schwieriger zu ertragen sind als diese gesäuberten Versionen der Wahrheit. Auch wenn die Leute meinen mögen, dass ich irre bin.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht eine sehr männliche Strategie, aus der sich vielleicht auch das überwiegend männliche Publikum des Horrorfilms erklären lässt?

Craven: Das Genre war einmal fast ausschließlich männlich, aber das hat sich seit "Scream" geändert. Ich glaube aber, bei Männern geht es eigentlich immer um den Gedanken: Könnte ich den Kerl erledigen, oder würde er mich umbringen? Was würde ich in einem Kampf tun? Ich vermute, dass es beim ganz normalen, jungen Durchschnitts-Mann ein Bedürfnis gibt, wenn schon nicht in den Krieg zu ziehen, dann doch seine Reaktionen auf etwas wirklich zutiefst Erschütterndes zu testen. Lass uns also einen Gruselfilm gucken! Ich sehe das als eine Art Bootcamp für die Psyche, denn was die Abendnachrichten uns täglich über die Welt da draußen enthüllen, ist viel brutaler, als wir befürchtet haben.

Das Interview führte Nina Rehfeld



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