Horrorfilm "1408" Spuk mit Durchhängern

In "1408" prüft Darsteller John Cusack als lakonischer Spukhaus-Experte von Geisterhand gefaltetes Toilettenpapier. So wird deutlich: Der wahre Horror liegt oft im häuslichen Detail.

Von Birgit Glombitza


Es spukt wieder auf der Leinwand. In kollektiven Halluzinationen oder auch im individuellen Projektionsrausch eines Helden oder einer Heldin. Mal unbeholfen und holzhammerhaft, mal rührend, fast melancholisch. Ein Hokuspokus wie in alten Tagen.

Klaustrophobie erzeugende Räume, übernatürlich begabte Möbelstücke, unlogische Zeitschleifen, die ahnungslose Protagonisten willkürlich durch Gegenwart und Vergangenheit schleudern, und die ihnen dabei immer wieder die grausamen Bilder vom Sterben anderer vor die Augen werfen. Das alles erfährt im US-Kino gerade eine kleine, auffällig altmodische Renaissance.

In "Der eisige Tod" von Regisseur Greg Jacobs, der im Oktober in den deutschen Kinos laufen wird, bleiben zwei Studenten mit ihrem Auto in einer Schneedecke stecken und begegnen einer ganzen Horde verfrorener Mordopfer, die ein durchgeknallter Polizist bereits vor Jahrzehnten abgemetzelt hat.

Sandra Bullock durchleidet in "Die Vorahnung", der ersten US-Produktion des deutschen Regisseurs Mannan Yapo, die Zeit vor und nach dem tragischen Autounfall ihres Mannes wieder und wieder. Oliver Hirschbiegel lässt als weiterer Deutscher in Hollwood mit "Invasion" extraterrestrische Parasiten von der Kette. Sein Film ist ein Remake von Don Siegels "Die Dämonischen" beziehungsweise John Kaufmans "Invasion der Körperfresser" (1978) beziehungsweise "Body Snatchers" (1993).

Gruseln auf Europäisch

John Cusack, schließlich, steigt ab dieser Woche als abgeklärter Experte für spukende Hotelzimmer im New Yorker Hotel Dolphin ab, um dort im "Zimmer 1408" den Alptraum seines Lebens zu durchleben. Der Film des schwedischen Regisseur Mikael Hafström zählt in den USA nach "The Green Mile" zur erfolgreichsten Stephen-King-Verfilmung überhaupt.

Mit ihm scheint eine kleine Geisterbahnserie Fahrt aufzunehmen, die Hollywood interessanterweise überwiegend in europäische Hände gegeben hat. Ganz so, als verstehe der alte Kontinent mit seinem schwermütigem Expressionismus mehr von den Traditionen des Gruselfilms.

Anders als in den üblichen Teenslashern, den "Hannibal"-Sequels und all den anderen Ausschlachtungen absurd-perverser Serientäter geht es in diesen Begegnungen mit Tod und Verderben nicht um pubertäre Amokläufe, dekadente Phantasien oder brachiale Aneignungen des anderen Geschlechts. Es geht um den Ausnahmezustand des aufgeklärten, liberalen Mittelstands. Und um die Erschütterung einer mehr oder minder gottlosen Vernunft, die in der Konfrontation mit ihrem aus den Fugen geratenen Inneren wieder das Fürchten lernen soll.

Das Böse tritt derzeit also weniger durch die wahnsinnigen Taten eines Einzelnen zu Tage, in dem die Taburegeln einer Gesellschaft kollabieren. Es bahnt sich vielmehr seinen Weg durch Wände und Autotüren, die Tapete eines Hotelzimmers oder gar durch Haut. Eine symbolische Wiederkehr des Verdrängten, gewissermaßen. Aber eine, die sich anders als beispielsweise in den Splatterfilmen der siebziger Jahre nur schwer als gesamtgesellschaftlicher Defekt lesen lässt.

Anleihen aus dem Fundus der Kinogeschichte

Moralisches Abarbeiten am Irak-Krieg oder an anderen nationalen Bluttaten ist hier nur mühsam reinzudeuteln. Der zutiefst biedere Ausgang der meisten dieser Filme spricht ebenfalls dagegen, in diesem Horror eine tiefer gehende Gesellschaftkritik zu vermuten.

Was "Zimmer 1408" auszeichnet, ist seine eigentümliche Melancholie, mit der er den subtilen Grusel eines Films wie "Shining", "Der Mieter" oder auch den verstörenden Surrealismus eines "Eraserhead" herbeisehnt. Da gibt es den Hoteldirektor Olin (Samuel L. Jackson), der es nach allerlei mysteriösen Toden im Zimmer 1408 leid ist, "die Sauereien wegzumachen". Da gibt es den mahnenden Türwächter, der zu verwunschenen Orten genauso gehört wie der Irre, der seit jeher Nosferatus Ankunft wittert.

Und wenn Cusack als gelangweilter Haunted-House-Experte Mike Enslin von Geisterhand gefaltetes Toilettenpapier in Augenschein nimmt oder mit prüfendem Blick verdächtige Vorhänge inspiziert, fallen einem noch eine Menge anderer verwunschender Häuser aus der Kinogeschichte ein.

Kapriolen der Vorstellungskraft als One-Man-Show

Der Film vertraut in all dem Spuk voll und ganz auf seinen Hauptdarsteller, der die Kapriolen der Vorstellungskraft in einer Art One-Man-Show aus eigenen Kräften vorführen muss. Die Special-Effects-Abteilung belässt es derweil bei simplen Irritationen: ein Schokotäfelchen auf dem Kopfkissen, das eben noch nicht da lag; ein Radiowecker, der sich selbst anschaltet; eine defekte Klimaanlage; schließlich eine Fensterhälfte, die wie eine Guillotine herunterrast. Das muss reichen bis der eigene Wahn den zynischen Eslin übermannt und ihm die verstorbene Tochter herbeizaubert.

Ob am Ende alles nur die Vison eines Ohnmächtigen war oder doch eine Begegnung mit dem Übernatürlichen bleibt offen. Aber das ist auch nur noch halb so interessant wie all die kleinen, unspektakulären Tücken der Objekte.

Der Rest ist bloße Hexerei.



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