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Horrorfilm "Abraham Lincoln Vampirjäger" Verdammte Axt

Der 16. Präsident der USA hat Blutsauger gejagt. Klingt irre? Ist aber die Idee eines Bestsellers. Jetzt kommt "Abraham Lincoln Vampirjäger" ins Kino: Ein schriller und actionreicher Horrorfilm, der eine sehr gewagte Geschichtslektion erteilt.
Von Daniel Haas

Im wahren Leben wurde der Terminator zum Gouverneur. Wieso kann nicht umgekehrt ein Politiker zum Terminator werden? Zumal wenn er historisch verbürgte 1,93 Meter maß, aussah wie ein von Ralph Lauren erdachtes Best-Ager-Model und sehr effektiv mit einer Axt umgehen konnte?

2010 veröffentlichte der US-amerikanische Autor Seth Grahame-Smith den Horror-Roman "Abraham Lincoln: Vampire Hunter". Jetzt läuft die Kinofassung in Deutschland an. Tim Burton, der den Film produzierte, sagte im Interview: "Ich war ein mieser Schüler, vor allem in Geschichte, aber diese Lektion hätte mir gefallen."

Was ist nun die Lektion? Und wie sieht sie aus? Nordamerika, 1820, der Sklavenhandel floriert. Der junge Abe beschützt einen schwarzen Jungen vor einem Peitsche schwingenden Schinder, der ermordet daraufhin Lincolns Mutter. Der Wunsch nach Rache treibt den zukünftigen Staatschef durchs Land auf der Suche nach dem Killer - und in die Arme von Henry (Dominic Cooper). Der ist Vampirjäger und, pikantes Detail, selber untot, aber auf der Seite der Guten.

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Horrorfilm "Abraham Lincoln Vampirjäger": Hier metzelt der Präsident noch selbst

Foto: 20th Century Fox

Es folgen: Knackiges Kampftraining für Abe, erst einmal Jurastudent, in Semester- und sonstigen Pausen aber mit der langstieligen Axt den Blutsaugern auf der Spur. Vampire, das war zu erwarten, sind aristokratische Dandys, die im Süden des Landes in romantischen Villen residieren und sich Sklaven als Futtermittel halten. Wenn Lincoln später gegen die Konföderierten zu Felde zieht, steht er einer Armee buchstäblich entseelter Mörder gegenüber.

Regisseur Timur Bekmambetov ("Wächter der Nacht") inszeniert diese Horror-Action-Sause im Stil der "Matrix"-Filme, mit viel Slow-Motion, extremen Kameraperspektiven, rasanter Choreographie. In die Kinogeschichte eingehen, als waghalsigste Übersetzung des Mann-springt-von-Pferd-auf-fahrenden-Zug-Prinzips, könnte die Szene, in der Männer in rasendem Galopp von Pferden, nun ja, auf andere Pferde springen.

Lincoln-Darsteller Benjamin Walker ist so hölzern wie die Pflöcke, die man Vampiren in die Leiber rammt. Das muss auch so sein: Abe galt als spröder Zeitgenosse, und für elegante Konversation sind eh die Vampire zuständig, allen voran Adam (Rufus Sewell), der älteste Finsterling der Welt und Anführer der südlichen Schurkenstaaten.

Es kommen dann noch zahlreiche Figuren dazu, Mitstreiter von Lincoln, Neben- und Unterbösewichter und natürlich die obligate Gespielin des Vampirmeisters. Hier ist das eine zeitlos alternde Blondine (Erin Wasson), die vorzugsweise im Ledermieder in Erscheinung tritt. Modegeschichtlich ist das visionär, ansonsten aber kurzsichtig, weil auf den Schlachtfeldern das SM-Korsett eher hinderlich ist.

Apropos Schlachtfelder: Wir erleben den entscheidenden Kampf Nord gegen Süd. 1. Juli 1863, der Südstaatengeneral Robert E. Lee überschreitet die Grenze nach Pennsylvania - die Idee der Konföderation war, den Krieg in den Norden zu tragen -, und trifft bei Gettysburg auf die erheblich stärkeren Truppen der Union. Nach drei Tagen hat er über 20.000 Mann verloren und zieht ab nach Virginia.

Im Film tritt ein Heer Vampire gegen die Nordstaatler an, und tatsächlich bestand die Südstaatenarmee aus größtenteils zwangsrekrutierten Weißen der Landbevölkerung, die durch den Krieg oft Haus und Hof und ihr einziges Pferd verloren. Diese Männer hatte die Sezession wirtschaftlich zur Ader gelassen und leer gesaugt - sie nun als leblose Dämonen im Kampf für die falsche Sache zu zeigen, ist stimmig.

Aber das Szenario hat einen Beigeschmack. Im Süden wie im Norden waren Schwarze noch lange nach Kriegsende dem allgemeinem Verständnis nach Vertreter einer minderwertigen Rasse. Die von Lincoln verordnete Sklavenemanzipation wurde konsequent unterlaufen. Zwangsarbeit, spezielle Strafgesetze, Verbot der Aussage vor Gericht: In der Nachbürgerkriegswelt herrschte weiterhin Ungerechtigkeit gegenüber Afroamerikanern.

Die Leinwandfassung macht es sich da denkbar leicht: Die moralische Korruption wird als monströse einmalige Entgleisung gezeigt; wer den Sklavenhalter-Vampir vertreibt, ist historisch auf der sicheren Seite. Das ist das Risiko mit allegorischen Figuren aus der Horrorwelt: Sie werden schnell zu ideologischen Packeseln für bequeme moralische Entlastungen.

Seth Grahame-Smith hat noch eine andere Genre-Travestie geschrieben: "Stolz und Vorurteil und Zombies", nach dem Vorbild des viktorianischen Eheromans von Jane Austen. Vielleicht gelingen bei der Filmfassung dieses Stoffes die kritischen Nuancen ja besser: Höhere Töchter, die sich gegen die korrupte Heiratspolitik ihrer Klasse stemmen und abgestorbene Bonzen ins Jenseits befördern - verdammte Axt, das hat was!

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