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30. September 2010, 11:09 Uhr

Horrorfilm "Der letzte Exorzismus"

Zum Teufel mit dem Blut

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Betrug oder Beelzebub? Der subtile Horrorschocker "Der letzte Exorzismus" spielt geschickt mit den Mitteln des Dokumentarfilms. Gedreht hat den US-Überraschungserfolg ein junger deutscher Regisseur, der vor allem einer Verlockung widerstehen musste: die Blutpumpe einzusetzen.

Der Teufel steckt im Detail. Das gilt besonders und buchstäblich für den erfreulich cleveren Horrorfilm "Der letzte Exorzismus". Der Schocker präsentiert sich als vermeintlicher Dokumentarfilm und nutzt die ästhetischen Limitierungen des Formats für ein reizvolles Spiel mit Erwartungen und Wahrnehmungen: Fängt die Kamera da lediglich Budenzauber ein? Oder ist etwa doch Satan am Werk?

Mit dieser Prämisse konnte die Mockumentary bereits am US-Startwochenende ein Vielfaches ihres Budgets einnehmen. Inszeniert wurde der Überraschungserfolg vom Hamburger Daniel Stamm, der an der Filmhochschule Ludwigsburg und am American Film Institute studierte. Dass er nach seinem preisgekrönten Debüt "A Necessary Death", einem ebenfalls im dokumentarischen Duktus gehaltenen Drama über einen Selbstmord, am Set eines uramerikanischen Genrefilms landete, verdankt der 1976 geborene Regisseur nicht zuletzt industrietypischen Zufällen: "Die ursprünglichen Regisseure mussten wegen anderer Verpflichtungen absagen. Die Produzenten suchten nun jemanden, der bereits in diesem dokumentarischen Format gearbeitet hat. Wenn ich eins über Hollywood gelernt habe, dann, dass man sofort laut 'ja' schreit, wann immer jemand fragt, ob man etwas kann. Und erst hinterher überlegt, was man sich damit eingebrockt hat."

So erinnert sich Stamm gut an ein darauffolgendes Telefonat mit Splatter-Doyen Eli Roth ("Hostel", "Cabin Fever"), einem der Produzenten: "Ich meinte, dass mir eher ein Lars-von-Trier-Film vorschweben würde, also Charaktere statt Effekte. Im selben Moment dachte ich: Reichlich riskant, dem das zu sagen. Roth ist schließlich bekannt für seine Herangehensweise an das Genre - mit viel Blut, Arm ab und so. Doch er meinte nur: Toll, so sähe er es auch. Plötzlich hatte ich den Job, in Louisiana einen Horrorfilm zu drehen."

Predigttour mit Pferdefuß

Der beginnt mit dem Entschluss des Predigers Cotton Marcus (Patrick Fabian), aus Gewissensgründen keine Teufelsaustreibungen mehr vorzunehmen. Die seien ja letztlich nur Scharlatanerie auf Kosten der Leichtgläubigen und Verzweifelten, so Cotton. Zum Beweis sollen Produzentin Iris (Iris Bahr) und Kameramann Daniel (Adam Grimes) seinen letzten Exorzismus aufzeichnen. Dafür wählt er aus den Zuschriften der Hilfesuchenden willkürlich den Brief von Louis Sweetzer (Louis Herthum) aus.

Der alleinerziehende Vater zweier Kinder bewirtschaftet eine entlegene Farm im Süden, auf der das Vieh immer wieder mysteriösen, nächtlichen Attacken zum Opfer fällt. Als Quell des Übels hat der gottesfürchtige Mann ausgerechnet seine 16-jährige Tochter Nell (Ashley Bell) ausgemacht, die seiner Überzeugung nach von einem Dämon besessen ist.

Mit den beiden Filmemachern trifft Cotton bei den Sweetzers ein, die seit dem tragischen Tod von Louis' Frau völlig isoliert zu leben scheinen. Während Sohn Caleb (Caleb Landry Jones) den Fremden mit feindseliger Verschlossenheit begegnet, freut sich Nell hingegen mit rührender Offenheit über den Besuch in der Einsamkeit.

Schnell identifiziert Cotton das Mädchen als Opfer eines familiären Traumas, das durch den religiösen Eifer des Vaters weiter potenziert wird. Um Louis' Ängste zu beruhigen, will er seinen üblichen Revue-Exorzismus durchführen, um den Vater danach von einer weltlichen Therapie für sein Kind zu überzeugen. Anfangs scheint seine Scharade aus Bibelversen und Zaubertricks auch zu funktionieren. Doch als plötzlich unerklärliche Vorkommnisse sein Bild von der bigotten Hinterwäldlerparanoia ins Wanken bringen, wird Cottons ohnehin gebeutelter Glauben im Kampf um Nell einer dramatischen Prüfung unterzogen.

Horrorfilmer zwischen Himmel und Hölle

Lange hält der Film dabei die spannende Balance zwischen skeptischer Ratio und paranormaler Ahnung: "Ich wollte Wissenschaft und Religion mit ihren jeweiligen Argumenten so fair und intelligent wie möglich darstellen", so Stamm, "und sie dann kollidieren lassen. Dabei kommt heraus, dass die beiden Ansätze nicht kommunizieren können. Aber ohne Dialog kommt es zur Katastrophe. Eine Metapher für das, was in den USA, aber auch in Deutschland, in der Politik vor sich geht: Es geht nur um die eigene Partei, die gewinnen soll. Damit werden Probleme nicht gelöst, im Gegenteil."

Die Glaubwürdigkeit dieses Konflikts verdankt der Film auch den Hauptdarstellern, die kleinere Logikbrüche vergessen lassen. Patrick Fabian spielt Cotton Marcus als charmanten Hütchenspieler des Herrn, der das Publikum mühelos auf seine Seite zieht. Ashley Bell wiederum ist als Nell eine echte Entdeckung, die ihre Rolle mit unerwarteten Facetten bereichert.

In der Fokussierung auf die menschlichen Akteure seines stimmigen Southern-Gothic-Grusels sieht Stamm denn auch den wesentlichen Unterschied zu anderen Horrorfilmen mit dokumentarischem Gestus: "'Paranormal Activity' ist ein völlig anderer Film als unserer. Bei dem geht es um Rhythmus, Zeit und Raum. Das ist brillant, nutzt aber nicht das schauspielerische Potential. Das haben auch 'Blair Witch Project', 'Cloverfield' oder 'Rec' nicht getan - für sich genommen großartige Filme. Unsere Nische war, zu sagen: 'Wir geben den Schauspielern alle Zeit der Welt.'"

Eine Entscheidung musste der Regisseur auch hinsichtlich des Einsatzes von Effekten treffen: "'Der Exorzist' hat spektakuläre Effekte sehr wirkungsvoll eingesetzt. Deswegen war für uns klar: Wir müssen uns von allem fernhalten, was dort gezeigt wurde. Was nicht leicht war, denn wir hatten einen phantastischen Make-up-Artist, der stets mit der Blutpumpe am Set bereitstand und meinte: 'Ich mache dir alles, was du willst. Wenn du einen explodierenden Kopf brauchst, kein Problem.' Das ist gerade für einen jungen Filmemacher verlockend."

Allerdings schürte die knallige Werbekampagne des US-Verleihs die Aussicht auf mehr handfesten Horror, weshalb Stamm mit abweichenden Erwartungshaltungen des traditionell versierten und höchst kritischen Zielpublikums konfrontiert wurde. Entsprechend extrem fallen die Reaktionen aus: "Ich habe Hass-Mails bekommen, in denen steht, ich solle kopfüber vom Empire State Building springen. Oder aber Leute sagen: 'Endlich werden wir ernst genommen und unsere Intelligenz nicht beleidigt.'"

Das verbindet den Horrorfilmer wohl mit dem Exorzisten: Es gibt kein Dazwischen - nur Himmel oder Hölle.

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