Horrorfilm "Midsommar" In dieser Hölle scheint die Sonne

Was kann schon unter diesen freundlichen Blumenkindern passieren? Ari Asters "Midsommar" lässt Albträume im strahlenden Licht des schwedischen Hochsommers wahr werden.

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Leicht belustigt tapern die vier US-Amerikaner über das sonnendurchflutete Anwesen einer schwedischen Kommune. Menschen in dezent bestickten weißen Leinengewändern mit Blumen im Haar lächeln sie an, sie bewegen sich sacht, aber zielstrebig über das weitläufige Gelände. Ein alle 90 Jahre stattfindendes Sommerwendenfest wird vorbereitet und weil einer ihrer Kommilitonen in der Kommune geboren wurde, dürfen die Ethnologie-Studenten Josh, Mark, Christian und dessen Freundin Dani nun mitfeiern.

"Und diesen Bären hier ignorieren wir jetzt, oder was?", fragt ein anderer Besucher, als er ein schwarzes Ungetüm in einem Käfig entdeckt. Wahrscheinlich hat sich der junge Mann von der nicht mehr untergehenden Sonne blenden lassen, denn bis dahin hat die Kamera schon mehrfach bedrohliche Anzeichen in dieser scheinbar so freundlichen Lagom-Welt eingefangen: Zeichnungen mit Totentänzen waren zu sehen, Blumen wurden rückwärtsgehend gepflückt, Holz unter seltsamen Jubelschreien gehackt und den Besuchern goldene Flüssigkeiten in schmucklosen Gläsern eingeschenkt. Mit dem erzählerischen Holzhammer wird die kommende Drastik angedeutet und nicht nur Regisseur Ari Aster beherrscht den Umgang mit grobem Werkzeug, auch die Kommunenbewohner setzen es bald ein.

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"Midsommar": Der gewaltsame Kreis des Lebens

Den Weg in die grelle Folklore-Hölle nimmt "Midsommar" vom Schwarz der New Yorker Nächte und der emotionalen Verdunkelung seiner Heldin Dani (Florence Pugh in einer tollen On-Edge-Performance) aus: Dani hat gerade ihre gesamte Familie verloren, weshalb sie sich umso verzweifelter an ihren Freund Christian hängt (den Jack Reynor beeindruckend als Studie passiv-aggressiver Einfältigkeit anlegt).

Christian wollte die seit jeher angespannte Beziehung eigentlich beenden und konnte es nicht erwarten, mit seinen Kumpels in den schwedischen Sommer zu flüchten. Als Dani unerwarteterweise auf die Idee kommt sich anzuschließen, kann er mit Rücksicht auf ihre Traumatisierung nicht nein sagen, und der Trip, der schon durch Konkurrenzverhältnisse und unterschiedliche Absichten (Karriere! Schwedinnen!) unter den Männern belastet war, wird noch einmal komplizierter.


"Midsommar"
USA, Schweden, Ungarn, 2019
Buch und Regie: Ari Aster
Darsteller: Florence Pugh, Jack Reynor, Will Poulter, William Jackson Harper, Vilhelm Blomgren
Produktion: B-Reel Films, Square Peg
Verleih: Weltkino Filmverleih
Länge: 147 Minuten
FSK: frei ab 18 Jahren
Start: 26. September 2019


Brillant montiert Ari Aster in seinem New Yorker Prolog dysfunktionale Beziehungen und emotionale Verkümmerungen, bevor sein Film für zwei Stunden in seinem Hauptsetting Platz nimmt. Wie schon in seinem Sensationserfolg "Hereditary" macht Aster den kunsthandwerklichen Aufbau seines Films gleich zu Anfang sichtbar: Stieg der Vorgänger mit abgefilmten Miniaturhäusern ein, in denen die Figuren plötzlich zum Leben erweckt wurden, so öffnet sich in "Midsommar" zu Beginn ein Vorhang aus naiven folkloristischen Bildmotiven, in denen die gesamte Handlung des Films schon vorgekritzelt ist.

Aster erweist sich dabei als cleverer Baumeister von Genre-Gerüsten, die weniger auf Überraschungseffekte abzielen, als vielmehr aus einer interessanten Desorientiertheit seiner Figuren heraus ins erwartbare Horrorszenario kippen. Das wiederum zelebriert der Film im hellsten Tageslicht (Kamera, wie schon in "Hereditary": Pawel Pogorzelski), statt genrekonform durch düstere Innenräume zu hetzen, in denen das Böse immer zu spät in den Blick gerät. Virtuos schütteln Aster und sein Szenenbildner Henrik Svensson zudem nordische Sagen und Mythen durcheinander, bis sie sich jeder völkerkundlichen Plausibilität entziehen, aber trotzdem den Eindruck eines geschlossenen Systems erwecken.

Im Video: Der Trailer zu "Midsommar"

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Noch beeindruckender ist allerdings das Spiel des Films mit der schleichenden Normalisierung von Brutalität, für die er auch seine ganze Länge braucht. Wie das zwischenmenschlich gestörte Ensemble von Großstadtindividualisten in die Fänge eines totalitären Systems gerät und sich nach und nach an dessen Prämissen gewöhnt, wirkt an sich schon beunruhigend - und wird verstärkt, wenn man weiß, dass "Midsommar" in Ungarn gedreht wurde.

"Das ist nicht schlimm, das ist was Kulturelles", beruhigt Christian nach den ersten Gewaltausbrüchen in der Kommune seine Freundin Dani. Da ist der Abgrund, über den alle singenden und lachenden Sonnenkinder springen müssen, wenn sie Teil einer stabilen Gemeinschaft sein wollen, längst nicht mehr zu übersehen.

Selten fühlte man sich nach dem Genuss eines Horrorfilms allein in dunklen Räumen sicherer.



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Newspeak 25.09.2019
1. ...
Die Filmkritik an sich ist gut. Endlich mal jemand, der versteht, eine solche zu schreiben, ohne zu spoilern. Der Verweis auf Ungarn stoert etwas, ich denke nicht, dem Regisseur ging es primaer darum, Protofaschismus zu illustrieren, und wenn, dann waere es sehr seltsam fuer seine Konsequenz, den Film in Ungarn gedreht zu haben. Und was heisst schon totalitaer? Wir leben hierzulande vielleicht in keinem protofaschistischen Staat, dafuer ist bei uns der Neoliberalismus/Turbokapitalismus totalitaer. Aber das mal aussen vor, Ich denke, die Filme von Aster entziehen sich einer oberflaechlichen, einfachen Interpretation. Das ist ja das Gute an echten Kunstwerken, dass jeder andere Assoziationen dazu hat, und alle gleichzeitig "richtig" sein koennen. Zieht man Hereditary als Vergleich heran, dann verliert Midsommar etwas, aber andererseits sind beide Filme fuer sich betrachtet so verschieden, dass man sie vielleicht gar nicht erst vergleichen sollte. Intensiv sind beide. Verstoerend auch. Und intelligente Horrorfilme sind rar. Da sollte man jedes Beispiel erst mal loben, und sich darueber freuen, selbst wenn Midsommar auch seine Schwaechen hat.
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