Horrorfilm "Mirrors" Spiegelfechter des Grauens

Bislang war er in "24" auf Terroristenjagd, jetzt legt sich Kiefer Sutherland mit anderen Schrecken an: Im Horrorfilm "Mirrors" attackieren Spiegelbilder die Wirklichkeit. Eine brutale Vision des Selbstverlusts mit den Mitteln des Kinos.


Spiegel sind tückische Flächen der Reflektion und Projektion. Deshalb geißelten die Gebrüder Grimm die eitle Selbstbeschau in "Schneewittchen", Lewis Caroll schickte seine Alice auf einen reichlich schrägen Selbstfindungstrip hinter die magischen Glasflächen, und glaubt man der Psychoanalyse, ist auch die kindliche Spiegelphase alles andere als ein Zuckerschlecken.



Da liegt es nahe, das latente Grauen des eigenen Abbilds zum Thema eines Horrorfilms zu machen. "Mirrors" heißt das Vexierspiel, mit dem sich der französische Regisseur Alexandre Aja nach den Splatter-Exzessen seines Genrehits "Haute Tension" (2003) und einem brachialen "The Hills Have Eyes"-Remake (2006) erstmals an einer neoklassischen Spukgeschichte versucht – allerdings nicht, ohne dabei erneut die Messer zu wetzen.

So wird gleich im Prolog ein Nachtwächter aufs Übelste gemeuchelt. Seine Stelle übernimmt der Ex-Polizist Benjamin Carson (Kiefer Sutherland), der im Dienst den Tod seines Partners verschuldete und seitdem mit Tabletten- und Alkoholabhängigkeit und der schmerzlichen Trennung von seiner Familie zu kämpfen hat.

Im Aushilfsjob soll er nun durch die Brandruine eines ehemaligen New Yorker Warenhauses patrouillieren. Allein das schwarzverkohlte Dekor des einstigen Prachtbaus wäre schon unheimlich genug, doch das Gebäude ist zudem Schauplatz gespenstischer Phänomene.

Schreie hallen durch die verlassenen Etagen; in den riesigen Spiegeln des Konsumtempels entdeckt Benjamin neben seinem verlebten Gesicht ominöse Abdrücke von Händen, die scheinbar von der anderen Seite gegen die Scheibe drücken.

Schnell bestätigen drastische Ereignisse die Ahnung Benjamins: Statt nur das Diesseits zu doppeln, weisen die reflektierenden Flächen in einen jenseitigen Abgrund, aus dem Schrecken der Vergangenheit in die Gegenwart drängen. Der Horror nimmt dabei vertraute Gestalt an, denn es ist das eigene Spiegelbild, das sich gegen den Betrachter wendet.

So wird Benjamin zum Gejagten seiner selbst, denn der Spuk beschränkt sich nicht auf die Spiegel des Kaufhauses, sondern verfolgt ihn in Fenstern, Fernsehschirmen, ja sogar Wasserpfützen. Erlösung liegt nur im Ursprung des Fluchs, einziger Hinweis ist das von Geisterhand auf einen Spiegel geschriebene Wort "Esseker". Es führt den gebeutelten Helden weit zurück in die vergessene Geschichte des alten Warenhauses führt.

In den letzten Jahren waren es die modernen Gespenstergeschichten des asiatischen, insbesondere des japanischen Kinos, die das Horrorgenre um neue Spielarten bereicherten. Die immens erfolgreichen "Ringu"- und "Ju-On"-Filmzyklen zogen dabei nicht nur die US-Remakes "The Ring" und "The Grudge" nach sich, sondern popularisierten vor allem die tief in der kulturell-religiösen Tradition Japans verwurzelte Vorstellung einer Welt, in der die Geister der Toten stetig unter den Lebenden wandeln.

Auch "Mirrors" kopiert ein asiatisches Vorbild: Der südkoreanische Film "Geoul Sokeuro" ("Into the Mirror") aus dem Jahr 2003 lieferte die Vorlage für Alexandre Ajas Spiegelfechterei, die der Franzose mit seinem europäischen Stab und einer amerikanischen Besetzung in Bukarest realisierte. Ein transkontinentales Projekt also, welches zumindest in der ersten Hälfte überzeugen kann.

Denn da hält der Film eine reizvolle Schwebe zwischen der westlichen Psychologisierung seines angeknacksten Helden und der sphärischen Weltsicht des Asien-Horrors. Aja findet eindrucksvolle Bilder für die Furcht vor dem Einbruch des Fremden – das hier zugleich das ganz und gar Eigene ist – , etwa wenn ein panischer Benjamin zusammen mit seiner Frau sämtliche spiegelnden Flächen im Familienheim übertüncht.

In Gewaltszenen hingegen zeigt der Regisseur, dass er sich immer noch auf die Ästhetik des Schocks versteht: Ein Mann wird durch seine Reflektion zur Selbstentleibung mit einer Glasscherbe getrieben; eine junge Frau findet ihr groteskes Ende im Badezimmerspiegel, als ihr Abbild buchstäblich den Mund zu weit aufreißt. Schaurige Tableaus, die Anhängern einer psychoanalytischen Filmanalyse jedenfalls reichlich Anschauungsmaterial bieten.

Aber vermutlich war den Verantwortlichen ein selbstreflexiver Genrefilm über Narzissmus, Voyeurismus und Subjektkrisen nicht wirklich geheuer, weshalb "Mirrors" gegen Ende zur hektischen Geisterbahnfahrt gerät.

Hierfür packt "24-Star" Kiefer Sutherland den zweifelnden Getriebenen ein und versucht sich stattdessen als zupackender Ghostbuster, als ob sein unkaputtbarer Terroristenjäger Jack Bauer beim Exorzisten in die Lehre gegangen wäre.

Wenigstens bleibt dem Szenario eine grausame Schlusspointe vorbehalten: Wer schon immer wissen wollte, wie einsam der Mann im Spiegel wirklich ist, wird im letzten Trugbild des Films eine schaurig-schöne Antwort bekommen.



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