Horrorfilm "Severance" Waldsterben mit Yuppies

Karrieristen können sich gehackt legen - und zwar buchstäblich: In Christopher Smiths Splatterfarce "Severance" wird ein Betriebsausflug von beflissenen Selbstausbeutern zum Massaker.


Manch einer reißt sich ein Bein aus, um auf der Karriereleiter emporzukommen. Und manchmal wird einem dabei ein Bein ausgerissen. So simpel und zwingend lassen sich spätkapitalistische Verwertungszusammenhänge beschreiben. Jedenfalls in der britischen Splatterfarce "Severance", die jegliche Subtilität wegrationalisiert und mit brachialer Gewalt in neue Regionen der Jobhölle vorstößt.


Hierfür schickt Regisseur und Co-Autor Christopher Smith in seinem Horrorstück eine Handvoll Mitarbeiter des internationalen Rüstungskonzerns Palisade Defense zur Teambildung in eine entlegene Balkanregion.

Auf der Busfahrt durch zivilisationsferne Waldgebiete müht sich Abteilungsleiter Richard (Tim McInnerny) redlich, seine gelangweilten Untergebenen für die Unternehmensphilosophie der Waffenschmiede zu begeistern. Unterstützung findet er allein bei Gordon (Andy Nyman), einem stets freundlichen Befehlsempfänger, der sich für gruppendynamische Kennenlernspiele erwärmt. Die erste gemeinsame Grenzerfahrung wartet auch gleich am Ziel des Betriebsausflugs, denn die vermeintliche Bergvilla entpuppt sich als Gruselherberge, was die ohnehin knatschigen Teilnehmer auf die Barrikaden bringt.

Ungeachtet der unheilvollen Aura dieser maroden Liegenschaft nerven Richard und Gordon ihre Kollegen Harris (Toby Stephens), Jill (Claudie Blakley), Billy (Babou Ceesay), Steve (Danny Dyer) und Maggie (Laura Harris) mit einem Programm aus Marketing-Mantras und Paintball-Schießereien.

Wirklich effektives Motivationstraining gibt es für die Angestellten jedoch, als eine Horde vergessener Söldner über die Schreibtischtäter herfällt. Von denen verlieren viele nicht nur die Lust an der Lohnarbeit, sondern auch noch etliche Gliedmaßen. Weil die Führungsetage buchstäblich kopflos abzutreten droht, bleibt es dem chronischen Kiffer Steve und der skeptischen Maggie überlassen, die verbliebenen Human Resources vor Hackebeilen, Bärenfallen und Flammenwerfern zu retten.

In "Creep" (2004) scheuchte Christopher Smith eine arg blondierte Franka Potente durch das Londoner U-Bahnsystem, verfolgt von einem sadistischen Großstadt-Grottenolm. Im Vergleich zur Monsterhatz des angestrengt düsteren Regiedebüts ist "Severance" weitaus leichthändiger inszeniert, selbst wenn der Film nicht immer das richtige Maß zwischen Spaß und Schrecken findet.

Denn obwohl das gut aufgelegte Ensemble dem Massaker mit steifer Oberlippe und dem charmant-albernen Gestus der englischen "Carry On"-Komödien aus den sechziger Jahren begegnet, widersprechen einige der äußerst grafischen Grobheiten der satirischen Grundhaltung.

Zumeist aber glückt die dramaturgische Gratwanderung; entsprechend aussichtsreich bewirbt sich "Severance" um den Posten der rabiatesten Horrorsause des Saison. Als Referenzen bringt der Film große Namen mit: Sam Raimis "Evil Dead"-Trilogie, Peter Jacksons ruppigen Erstling "Bad Taste" (1987) und die grandiose britische TV-Satire "The Office". Und, nicht zuletzt wegen der unwirtlichen Wildniskulisse und des Gleichklangs im Titel, John Boormans Ur-Survivalthriller "Deliverance" (1972).

Bewusst blutig - blutig bewusst

Der Mehrwert – um im Duktus der hier so gekonnt vorgeführten Nadelstreifennieten zu bleiben – dieser Edel-Exploitation bleibt aber ihr faustisches Szenario, das zynische Waffenhändler mit den blutrünstigern Geistern vergangener Geschäfte konfrontiert.

Deshalb können auch nur die faulsten Produktivkräfte hier so etwas wie Helden sein: Angesichts eines derart verwerflichen Gewerbes kommen Ineffektivität, Subordination und allgemeine Verlottertheit fast schon einer ethischen Verpflichtung gleich. Es geht vielleicht zu weit, dem Film hier dialektische Argumentationsreife zu bescheinigen, aber immerhin kommt er so zur grundsätzlichen Emanzipation und Bewusstwerdung im Blutbad.

Die findet auch im Kinosaal statt, etwa wenn man unvermittelt an die aus Firmenstatements, Betriebsversammlungen und jeder Ausgabe von "Sabine Christiansen" vertrauten Floskeln denkt: Jeder Einzelne sei betroffen, Opfer müssten gebracht werden und überhaupt komme man nicht um schmerzhafte Einschnitte herum.

Dass diese Rhetorik reformgetarnten Raubbaus letztlich nichts anderes als die Sprache des Horrors ist, offenbart "Severance" mit drastischer Konsequenz. Auch deswegen ist die brutale Kapitalismuskritik immer noch erträglicher als die realen Verhältnisse in vielen Cheftagen: Zwar haben die unfreiwilligen Salonrevolutionäre in "Severance" mehr zu verlieren als ihre bequemen Ketten – nämlich Beine, Arme und Köpfe –, aber dafür gewinnen sie ein wenig Anstand zurück.



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