True-Crime-Drama mit Jennifer Lopez "Dieses ganze Land ist ein Stripklub"

Es zählt allein, was sie in der Hose haben: Kreditkarten. Nach wahren Begebenheiten erzählt "Hustlers" von Stripperinnen, die Banker ausnehmen. Auch dank Auftritten von JLo, Lizzo und Cardi B ein schönes Stück Pop-Feminismus.

Universum

Von Till Kadritzke


"Hustlers" gilt als Vehikel für das große Kino-Comeback von Jennifer Lopez, seit der Premiere in Toronto wird sie für den Oscar als beste Nebendarstellerin gehandelt. Und auch wenn der Film weit mehr ist als ihre persönliche Oscar-Rampe, fängt man am besten mit der Szene an, in der die mittlerweile 50-jährige JLo "Hustlers" betritt. Während im Stripklub "Moves" unweit der New Yorker Wall Street die ersten Takte von Fiona Apples "Criminal" zu hören sind, stolziert sie auf die Bühne, umkreist ein erstes Mal die Eisenstange, an der sie gleich tanzen wird. Schon fliegen die ersten Dollarscheine in Richtung Bühne, in Richtung Ramona.

Die folgende Tanzszene führt die drei Moves zusammen, die Lorene Scafaria mit ihrem neuen Film vollführt. Da ist die Performance selbst: Zunächst noch eine Silhouette mit Militärmütze und Glitzermantel vor pinker Beleuchtung, wirft Ramona auf den ersten Beat beides von sich und schwingt sich die Stange empor, als gälte die Schwerkraft für sie nicht. Monatelang musste selbst die erfahrene Tänzerin Lopez für diesen Poledance üben, und auch im Film lässt Scafaria zu keiner Zeit die Athletik hinter der Erotik verschwinden.

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"Hustlers": Kapital und Arbeit an der Stange

In den Gegenschnitten interessiert sich der Film dann auch nicht für lüsterne, sondern für bewundernd-neidische Blicke aus dem Publikum in Richtung Ramona - vor allem von der jungen Tänzerin Destiny (Constance Wu). Destiny ist neu im "Moves", ihre finanzielle Ausbeute war bislang eher frustrierend. Jetzt starrt sie mit offenem Mund auf die Bühne. So etabliert JLos Poledance-Sequenz auch den emotionalen Kern von "Hustlers": Eine Szene später wird Ramona die frierende Destiny bei einer Raucherinnenpause auf dem Dach unter ihren Pelzmantel und damit unter ihre Fittiche nehmen.

Schließlich lassen die Totalen, in denen der Film das Geschehen immer wieder von schräg oben in den Blick nimmt, die ganze Szenerie auch als ein großes Sittengemälde erscheinen: ein Körper an einer Stange, und drumherum ein stetig wachsender Teich aus Dollarscheinen, der zunehmend an Dagobert Ducks Geldspeicher denken lässt. "Dieses ganze Land ist ein Stripklub", wird es am Ende von "Hustlers" heißen, "die einen werfen mit den Scheinen, die anderen tanzen dafür". Nicht als amoralischen Ernstfall behandelt Scafaria ihr Setting, sondern als integralen Bestandteil einer ganzen Ökonomie. JLos Körper beim Poledance: Kapital und Arbeit.

Auch in der Handlung verzahnt "Hustlers" Kapitalismus und Patriarchat miteinander: Diese setzt 2007 ein, kurz vor Ausbruch der großen Wirtschaftskrise, der Wall Street "geht es gut", wie man so sagt, und damit auch den umliegenden Nachtklubs, in denen ein nicht unerheblicher Teil der Gehälter und Boni der Broker landen. Ein Jahr später ist die Party dann im wahrsten Sinne des Wortes vorbei: Die Krise trifft die Broker hart, aber noch härter diejenigen, die in ihrem Schatten keinerlei Sicherheitsnetz haben.


"Hustlers"
USA 2019

Regie: Lorene Scafaria
Drehbuch: Lorene Scafaria, basierend auf einem Magazin-Artikel von Jessica Pressler
Darsteller: Constance Wu, Jennifer Lopez, Julia Stiles
Produktion: Annapurna Pictures, Gloria Sanchez Productions, Nuyorican Productions, STX Films
Verleih: Universum Film (UFA)
Länge: 110 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 28. November 2019


Destiny muss sich mittlerweile nicht nur um die Großmutter kümmern, sondern hat auch eine kleine Tochter, und als sie derart verzweifelt Ramona wieder trifft, beginnt der eigentliche Plot des Films, der auf einer "New York"-Reportage von Jessica Pressler beruht: Um die knauserig gewordenen Banker weiterhin in den Stripklub zu locken, angeln Ramona und ihre Crew die Männer mittlerweile in den umliegenden Bars, erst mit erotischen Versprechen, später mit einem kleinen Mix aus MDMA und Ketamin, der den Männern in ihren Drink geschüttet wird.

Die eine Droge macht fröhlich, die andere lässt die Erinnerung verschwimmen; beide helfen ungemein, Kreditkarten zu belasten. Was im ersten Teil des Films schon angelegt war, überschreitet nun die auf einmal willkürlich wirkende Grenze des Gesetzes. Bald leiten Ramona und Destiny eine Art Start-up der rauschgestützten Umverteilung. Wenn die Männer am nächsten Tag um die Summe ihres Kreditkartenlimits ärmer sind, dann erinnern sie sich kaum noch. Zur Polizei trauen sie sich nicht, denn welcher Mann gibt schon gern zu, Opfer von Stripperinnen geworden zu sein?

Der feministische Punch von "Hustlers" steckt weder in einer bloßen Anklage des Patriarchats noch im schlichten Tausch der Rollen von Opfer und Täter, sondern vor allem in einer Verschiebung der Perspektive. In einem Milieu, in dem Frauen auf ihre Körper reduziert werden, reduziert Scafaria Männer auf ihre Kohle. Sexobjekte werden zu Sexsubjekten, Macher zu Geldmaschinen. Nicht als souveräne Figuren nimmt Scafaria die Stripclub-Besucher in den Blick, sondern als Typen von Typen, macht sie dann so gefügig wie das Kino das häufig mit Frauen anstellt. Es zählt allein, was sie in der Hose haben: Kreditkarten.

Im Video: Der Trailer zu "Hustlers"

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Vor allem der Spaß an solchen Umkehrungen ist es (und die durch und durch gute Besetzung, mit Hip-Hop-Stars Lizzo und Cardi B als weitere Bestandteile der so quirligen wie solidarischen Stripperinnen-Community), dank derer der Film im Herzen ein schönes Stück Pop-Feminismus bleibt, selbst wenn er sich erzählerisch zunehmend verhebt und eine weitere Plotebene mit Julia Stiles als recherchierender Journalistin nicht ganz aufgehen mag. Allein die Poledance-Szene mit ihrer erotisch-subversiven Blickanordnung hat derartige Vorbehalte gewissermaßen schon im Vorhinein ausgehebelt.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
roenga 26.11.2019
1. Ein schönes Stück Pop-Feminismus?
Verstehe ich das richtig, da betäuben Frauen wohlhabende Männer um sie anschließend auszurauben und das wird als Feminismus Märchen verklärt? Die Frau, auf der Jennifer Lopez Figur basiert, wurde z. B. zu 5 Jahren auf Bewährung wegen Konspiration, Raub und Körperverletzung in diesem Zusammenhang verurteilt: https://heavy.com/news/2019/09/samantha-barbash/ Wie würden dieselben Feministinnen wohl über einen Männ urteilen, der Frauen betäubt um sie zu missbrauchen? Wer bitte hatte diese Frauen gezwungen als Stripperinnen zu arbeiten? Wenn ich in meinem Beruf nicht mehr genug verdiene, muss ich mich beruflich umorientieren und nicht zum Verbrecher werden. Zumindest kann ein Mann dann keine Lobeshymnen aus dem Feuilleton erwarten, wenn er seine Klienten ausraubt.
karatekid 26.11.2019
2. Feminismus ist was anderes.
Bei Feminismus geht es nicht um die Umkehr in der Entwürdigung der Geschlechter. Es geht darum, allen ihre Würde und ihre Rechte zu lassen. In diesem Film aber gibt es zum einen immer noch die Entwürdigung von Frauen - sorry, aber bei Poledance in einem Strip-Club handelt es sich selbstverständlich immer um eine Objektifizierung der Frau, um eine Ausbeutung ihres Körpers -, in einem weiteren Schritt aber auch eine Ausbeutung wohlhabender Männer. Ein feministischer Film würde auf eine Ausbeutung nach Geschlecht komplett verzichten. Das Ganze klingt eher wie eine Nachgeburt zur Dreigroschenoper. .
vulcan 26.11.2019
3.
Zitat von roengaVerstehe ich das richtig, da betäuben Frauen wohlhabende Männer um sie anschließend auszurauben und das wird als Feminismus Märchen verklärt? Die Frau, auf der Jennifer Lopez Figur basiert, wurde z. B. zu 5 Jahren auf Bewährung wegen Konspiration, Raub und Körperverletzung in diesem Zusammenhang verurteilt: https://heavy.com/news/2019/09/samantha-barbash/ Wie würden dieselben Feministinnen wohl über einen Männ urteilen, der Frauen betäubt um sie zu missbrauchen? Wer bitte hatte diese Frauen gezwungen als Stripperinnen zu arbeiten? Wenn ich in meinem Beruf nicht mehr genug verdiene, muss ich mich beruflich umorientieren und nicht zum Verbrecher werden. Zumindest kann ein Mann dann keine Lobeshymnen aus dem Feuilleton erwarten, wenn er seine Klienten ausraubt.
In der Tat, sehr merkwürdig - es scheint, als würden solche Verbrechen im Film auch noch als pfiffige 'Heldentaten' à la Robin Hood verklärt. Könnte auch für Trickbetrüger aus armen Ländern gelten, die sich auf Rentner spezialisiert haben. Aber ich glaube, die Kritik für einen solchen Film würde doch etwas anders ausfallen.
vegefranz 26.11.2019
4. Hardcore-Emanzen werden diesen Film...
..... nicht mögen. Der paßt nicht zu den Geschichten der ausgebeuteten Frau. alice Schwarzer wird schäumen. .
Jor_El 26.11.2019
5. Wie bitte ?
Star Wars, Alien, Terminator sind feministische Filme, aber doch nicht das.
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