"I Heart Huckabees" Schwadronieren - amüsieren

Wer den Sinn des Lebens sucht, sollte auf Fachkräfte vertrauen. So wie Albert, der Held von David O. Russells schräger Komödie "I Heart Huckabees". Der junge Umweltaktivist engagiert zwei "Existenzialdetektive", die sein Leben aufklären – und den Zuschauer zugleich nerven und unterhalten.

Von Daniel Haas


"I Heart Huckabees"-Darsteller Schwartzman, Huppert: Liebes- und Gedankenspiele
20th Century Fox

"I Heart Huckabees"-Darsteller Schwartzman, Huppert: Liebes- und Gedankenspiele

"Grausamkeit, Manipulation, Bedeutungslosigkeit" steht auf ihrer Visitenkarte. Wer sich so ausweist, muss mit allen Wassern des verwalteten, korrumpierten Lebens gewaschen sein. Catérine Vauban (Isabelle Huppert) weiß, wie man PR macht für die Desillusionierung: Mit rätselhaften Sprüchen und sexy Outfit verführt die Philosophin ihre Klientel zum Nihilismus.

Dass die Verführung letztlich zur Befreiung wird, liegt an Bernard (Dustin Hoffman) und Vivian (Lily Tomlin). Die beiden "Existentialdetektive" vertreten den Gegenstandpunkt: Nicht Zufall und Beliebigkeit bestimmen unser Dasein, sondern eine tiefe Verbundenheit. Albert (Jason Schwartzman), der Held von David O.Russells schräger Komödie, hat großen Bedarf an Integration und Lebenssinn. Deshalb heuert er Bernard und Vivian an, in seinem Leben zu ermitteln.

Darsteller Hoffman, Tomlin: Dem Dasein auf der Spur
20th Century Fox

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Was es herauszufinden gilt, ist nicht so ganz klar - die Beschaffenheit des Kosmos, der Sinn politischer Revolte -, alles Mögliche steht für Albert zu Debatte. Vor allem aber beschäftigt den Umweltaktivisten, der gegen die städtische Totalbebauung agitiert, die Frage, warum er immer wieder Mr. Nimieri (Ger Duany), einem sudanesischen Flüchtling, begegnet? Zufall? Vorbestimmung? Indiz für größere Zusammenhänge?

Alles ist mit allem vernetzt, erklären Berny und Vivian. Alles Kontingenz, kontert Vauban. Brad (Jude Law) ist das erstmal herzlich egal: Der Yuppie ist Werbestratege für Huckabees, einen Riesenkonzern, der als "The Everything Store" firmiert und in Brads Freundin Dawn (Naomi Watts) über ein so hübsches wie hirnloses Aushängeschild verfügt. Natürlich wird Brad Teil der Ermittlung: Als Prototyp der Konsumgesellschaft ist er der ideale Widerpart des Idealisten Albert, der sich mit Gedichten ("You rock, Rock!") für Naturgestein im Stadtbild einsetzt.

Kino-Sinnsucher Schwartzman, Hoffman: Macht nicht immer Sinn, aber oft Spaß
20th Century Fox

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Zu den beiden Kontrahenten gesellt sich Tommy (Mark Wahlberg), ein Feuerwehmann, den die Katastrophe des 11. Septembers zum Gegner der Ölindustrie gemacht hat. Seine Einsätze absolviert der aggressive Querkopf grundsätzlich per Fahrrad, seine Lebensphilosophie hat ihm Vauban beigebracht: "Wenn du mal kapiert hast, dass das Universum scheiße ist, hast du nichts mehr zu verlieren. Das ist es, was dir Kraft verleiht."

Wen jetzt das Gefühl beschleicht, hier habe ein verwirrter Philosophiedozent seinen Zettelkasten verfilmt, der hat das Stilprinzip von "I Heart Huckabees" erfasst. Assoziativ, amüsant, wortverliebt bis zur Geschwätzigkeit und bei aller intellektuellen Verspieltheit erstaunlich aggressiv manövriert Russell seine Figuren durch einen Parcours der Sinn- und Unsinnsfragen.

Darsteller Law, Watts: Zwischen Coolness und Kritik
20th Century Fox

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Ist das Leben eine rein zufällige, auf sich selbst bezogene, in den ewigen Kreislauf von Leid und Lust eingespannte Veranstaltung, wie die Vitalistin Vauban behauptet? Oder waltet ein absichtsvoller Weltgeist in allem, was geschieht, wie die Existenz-Detektive betonen? Hat der kapitalistische Tauschwert tatsächlich alle anderen Werte unterworfen? Oder ist das rational-autonome Subjekt doch kein Auslaufmodell? Lässt sich noch Staat machen mit dem kritischen Individuum?

Am Ende erweisen sich die ideologischen Scharmützel als Teil einer höheren Dialektik. Fortschrittsglaube und Geschichtspessimismus, Kontingenzdenken und Metaphysik: Sie sind letztlich nur zwei Seiten derselben Medaille, die von Tragikomik geprägt wird. Wenn sich Albert und Tommy einen roten Gummiball ins Gesicht hauen, um das Denken wenigstens zeitweise zu stoppen, dann hat die Vernunftkritik nach Adorno ein buchstäblich schlagfertiges Kinobild gefunden.

Film-Yuppie Law (r.): Kapitalismus in der Krise
20th Century Fox

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Dieser Spaß an der Verballhornung schwerer Themen bei gleichzeitiger Wertschätzung der großen kritischen Tradition, die Europa und Amerikas Geistesgeschichte verbindet, macht "I Heart Huckabees" zu einem faszinierenden Film. Soll noch einer sagen, dass amerikanisches Kino neben Hollywoods globalem Look nicht auch ganz andere Perspektiven vermitteln kann.

Russell drehte bereits mit "Flirting With Desaster" eine Komödie, die spekulative Raffinesse mit Screwball-Humor verband. Mit der Irakkriegs-Satire "Three Kings" nahm er scharfsinnig sowohl das Action-Genre als auch die politischen Verhältnisse aufs Korn. "I Heart Huckabees" wagt sich noch einen Schritt weiter: Wie hier die Ikonen der Traumfabrik (Hoffman, Law) mit Lieblingen des Independent-Kinos (Schwartzman, Tomlin) um die Wette spielen - jenseits gängiger Rollenklischees und eingespielter Erzählstandards -, das ist wunderbar manipulativ, streckenweise grausam und nicht selten herrlich bedeutungslos.


"I Heart Huckabees"


USA 2004. Regie: David O. Russell. Buch: David O. Russell, Jeff Baena. Darsteller: Jason Schwartzman, Isabelle Huppert, Dustin Hoffman, Lily Tomlin, Jude Law, Mark Wahlberg, Naomi Watts. Produktion: N1 European Film Productions. Verleih: Fox. Länge: 106 Minuten. Start: 12. Mai 2005



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