DER SPIEGEL

Kino-Musical mit Songs von Udo Jürgens Komm', schenk dir ein!

Heike Makatsch! Moritz Bleibtreu! Uwe Ochsenknecht! Mit den Songs von Udo Jürgens holt das Film-Musical "Ich war noch niemals in New York" alles aus seinen Stars heraus. Im Guten wie im Schlechten.

Es gibt Leute, die mögen die Lieder von Udo Jürgens nicht, und die mögen zumeist auch keine Musicals. Dies ist kein Film für diese Leute. Man kann nicht ausdrücklich genug darauf hinweisen: In "Ich war noch niemals in New York" singen bekannte deutsche Schauspieler zwei Stunden lang ohne Not und ohne Scham die Texte von "17 Jahr', blondes Haar" oder "Aber bitte mit Sahne" in Richtung Kamera und tun so, als ergebe sich daraus eine Handlung.

Ja, verrückt. Aber es sind verrückte Zeiten. Bei "Mamma Mia!" hat das so ähnlich schon mal geklappt, zweimal sogar. Nur halt mit Abba statt Udo Jürgens. Und mit Meryl Streep statt Heike Makatsch.

Wer jetzt findet, die Hits von Jürgens können nicht mit Abba mithalten und Makatsch nicht mit Streep: ach, na ja. Es gibt keinen anderen deutschsprachigen Musiker, dessen riesigen Kanon so viele Menschen so fehlerfrei mitsingen können wie den von Jürgens, ob sie wollen oder nicht; und es gibt kaum deutsche Schauspielerinnen, die das Publikum so gern hat wie Heike Makatsch - ob sie nun wissen, warum, oder auch nicht.

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"Ich war noch niemals in New York": Auf der Maximiliane

Foto: Universal Pictures

Es ist also zwecklos, "Ich war noch niemals in New York" mit den üblichen Parametern der Filmkritik zu begegnen, auch das war schon bei "Mamma Mia!" so. Beide Filme basieren auf sinnfreien, aber unterhaltsamen Bühnen-Musicals*, die sich Millionen von Menschen angesehen hatten, weil es ihnen um Spaß und Nostalgie und Hits ging, nicht um Dramaturgie und Dialoge und Kunst. Keiner von denen wird jetzt ins Kino laufen, um Erkenntnis zu gewinnen.

Insofern muss man es Regisseur Philipp Stölzl - der neben Kinofilmen wie "Goethe!" auch Musikvideos für Madonna und Opern für die Salzburger Festspiele inszenierte - anrechnen, dass er und Drehbuchautor Alexander Dydyna mit mehr künstlerischem Ehrgeiz an die Sache herangegangen sind als seinerzeit das Team von "Mamma Mia!". Während man dort das Bühnenoriginal fast eins zu eins übernommen und nur mit etwas griechischer Sonne und glamourösen Filmstars angereichert hat, lässt "Ich war noch niemals in New York" vom Originalplot nur ein Gerüst übrig und versucht, die Hits auf ganz neue Art zu interpretieren.

Auch im Film geht es grundsätzlich darum, wie die ruhmsüchtige, aber insgeheim einsame Moderatorin Lisa Wartberg (Makatsch) ihrer abgehauenen Mutter Maria ( Katharina Thalbach) auf ein Kreuzfahrtschiff mit Kurs auf New York folgt. Die Mutter ist hier aber nicht mit ihrem Freund aus dem Altersheim geflohen, sondern hat nach einem Sturz in der Küche das Gedächtnis verloren - allerdings genau dann, als "Ich war noch niemals in New York" im Radio lief, und deswegen landet sie ohne Ticket auf einem Schiff nach New York. Dort trifft sie zufällig auf ihre erste große Liebe, ein verwitweter Professor trifft auf ihre Tochter und deren Maskenbildner auf einen griechischen Zauberkünstler. Alle verlieben sich, und dann nicht mehr, und dann wieder doch. Und niemand hat gesagt, dass der neue Plot mehr Sinn ergebe als der alte.


"Ich war noch niemals in New York"
Deutschland 2019

Regie: Philipp Stölzl
Buch: Alexander Dydyna, Philipp Stölzl nach dem Musical von Gabriel Barylli, Christian Struppeck, Udo Jürgens
Darsteller: Heike Makatsch, Katharina Thalbach, Moritz Bleibtreu, Uwe Ochsenknecht, Pasquale Aleardi,
Produktion: Ziegler Film, UFA Fiction, Mythos Film, Graf Film
Verleih: Universal
Länge: 128 Minuten
FSK: ab 0 Jahren
Start: 17. Oktober 2019


Muss er ja auch nicht. Denn wichtiger ist, dass sich die Handlung den Udo-Jürgens-Texten anpasst. Deswegen ist die Mutter 66 Jahre alt ("Mit 66 Jahren"), deswegen singt der Witwer (Moritz Bleibtreu) seiner toten Ehefrau zwischendurch ein Ständchen ("Merci, Chérie"), deswegen gibt es eine nicht enden wollende Frühstücksszene ("Bleib doch bis zum Frühstück") und so weiter. Was nicht passt, wird passend gemacht - so heißt das Schiff eben MS Maximiliane und aus "Aber bitte mit Sahne" kann "Auf der Maximiliane" werden.

Bemerkenswert ist, dass die Hits selten im typischen Musical-Ton weggeschmettert werden. Manche werden nur angedeutet, manche eher gesprochen als gesungen, manchen ein rauchiger Jazz-Einschlag verpasst - und manche ganz weggelassen, etwa "Ein ehrenwertes Haus", einer der Zuschauerlieblinge der Vorlage.

Das ist künstlerisch nicht uninteressant, dürfte aber auch daran liegen, dass mit Thalbach, Makatsch und Bleibtreu drei der besten Schauspieler des Landes verpflichtet wurden, aber nicht die besten Sänger oder gar Tänzer. Was ihnen an Lungenvolumen fehlt, kompensieren zwar besonders Makatsch und Thalbach mit einem Maximum an Charme und Witz - stimmgewaltigere Nebendarsteller wie Pasquale Aleardi und Uwe Ochsenknecht (!) stehlen ihnen trotzdem hin und wieder die Show.

Im Video: Der Trailer zu "Ich war noch niemals in New York"

Universal Pictures

Und wenn schon. Hauptsache Show! Zu quietschbunten Kulissen passt eben auch quietschender Gesang. Alle Beteiligten geben hier jederzeit alles, auch wenn sie nicht alles können. Und wenn es Leute gibt, die das alles albern finden und kitschig und peinlich, dann sind die einfach im falschen Film. Der Rest singt mit.

*Der Autor hat beide gesehen und schämt sich nicht dafür.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.