Filmkunstwerk "Ich war zuhause, aber..." Endlos rätselhaft, ungreifbar schön

In ihrem Berlinale-Triumph "Ich war zuhause, aber..." arbeitet Angela Schanelec viel mit dem Klang von Sprache. Der Zauber dieses herausragenden Werks lässt sich mit Worten aber kaum einfangen - unser Film der Woche.
Filmkunstwerk "Ich war zuhause, aber...": Endlos rätselhaft, ungreifbar schön

Filmkunstwerk "Ich war zuhause, aber...": Endlos rätselhaft, ungreifbar schön

Foto: Piffl Medien

Der Titel ist ein Satz im Werden: "Ich war zuhause, aber...". Drei Punkte markieren seine Zukunft, sein Hinauslaufen-Auf, sein kommendes In-Sinn-Geflossen-Sein. Noch aber ist jede Zukunft offen, noch ist der Satz vor dem Sinn.

Im Vorhof der Bedeutung. Genau in diesem Raum spielt Angela Schanelecs neuer Film. Wer die Regisseurin kennt, weiß, dass ihre Filme so gut wie nicht auf Begriffe und eindeutige Motive zu bringen sind. In ihrem neuesten geht es um Verlust, Zukunft und Angst. Es geht um Kunst, um Schauspiel, um Sprache. Um eine Mutter und ihre beiden Kinder, um einen Tennislehrer mit gut frisierten, blonden Haaren, um einen Filmregisseur, der nach Deutschland zieht. Es geht um lose, aber intensive Begegnungen zwischen diesen Menschen. Es geht auch um die Momente, in denen sie sich trennen: an einer Wohnungstür, auf der Straße, auf dem Sportplatz.

Mit dem Silbernen Bären für die beste Regie ausgezeichnet: Angela Schanelec auf der Berlinale 2019

Mit dem Silbernen Bären für die beste Regie ausgezeichnet: Angela Schanelec auf der Berlinale 2019

Foto: Matthias Nareyek/ Getty Images

Genauso gut geht es aber um all das auch nicht. Genauso gut geht es um eine Geste der Zärtlichkeit - kaum sichtbar und entrückt in der oberen rechten Bildecke; um den Hinterreifen eines Fahrrads, der klemmt; um den Klang eines Tennisballs, wenn er auf den Schläger trifft; um einen Esel, der aus einem Fenster blickt; um das Schnarren einer Neonlichtröhre.

All das sind Komponenten in einem Raum, in dem die Einzelteile dessen, was einmal Sinn werden könnte, noch ganz frei herumschwirren: ein unerträglicher Film. Widerspenstig zeigt er sich uns Zuschauern gegenüber, er ist geradezu abweisend. Aber es liegt keine Verachtung in ihm, nicht für sein Publikum und auch nicht für das Menschlich-Verständige - er ist vielmehr dessen Anderes. Und genau darin liegt auch seine ungreifbare Schönheit und, wenn man so will, seine Wahrheit.

Dass so ein Film nicht nur auf Liebhaber trifft, ist sein Schicksal. Deutlich interessanter ist aber ein anderes Schicksal, nämlich das des Hasen. Denn mit einem Hasen geht es los.


"Ich war zuhause, aber..."
Deutschland, Serbien 2019
Buch und Regie:
Angela Schanelec
Darsteller: Maren Eggert, Jakob Lassalle, Clara Möller, Franz Rogowski, Lilith Stangenberg
Produktion: Nachmittagfilm, Dart Film & Video
Verleih: Piffl Medien GmbH
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 6 Jahren
Start: 15. August 2019


Er rast einen Berghang hinab, ein Hund schnaubt hinterher: panische Flucht, alpines Rauschen, tierischer Atem. Das sind die ersten Bilder und Klänge, und sie sind grandios. Eine Ursuppe aus Trieben, Reflexen, Bewegungen und Körpern. Später sind wir in Berlin: Altbauwohnungen, Geschäfte, Friedrichstraße. Hier lebt Astrid (Maren Eggert) mit ihren beiden Kindern Philipp (Jakob Lassalle) und Flo (Clara Möller). Philipp war einige Tage verschwunden und ist nun wieder da. Wo er war, wissen wir nicht.

Im Lehrerzimmer macht man sich Sorgen um ihn. "Entscheiden wir jetzt was, oder gehen wir schlafen?", fragt einmal ein Lehrer seine Kollegen zu einer Uhrzeit, zu der Lehrer eigentlich längst nicht mehr in Lehrerzimmern sind. Wieder - das war schon so und wird noch einige Male passieren - ging ein Gespräch nicht zu Ende, wieder mündet in Schweigen, was ausgedrückt vermutlich auch nirgends hingefunden hätte.

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"Ich war zuhause, aber...": Die Wahrheit in 105 Minuten

Foto: Piffl Medien

Wenn es eine Spur gibt, die sich immer wieder scharf erkennbar durch diesen Film zieht, dann ist es die Frage nach der Möglichkeit von Sprache, nach den Bedingungen der Kommunikation - ein humanistisches Programm, aber kein akademisches. Schanelec geht es darum, Sprache klingen zu lassen: den Stimmen zuzuhören, in denen Sprache erst lebendig wird. Etwa der Stimme eines Mannes mit elektronischer Sprechhilfe, der Astrid für 80 Euro ein Fahrrad verkauft, dessen Gänge springen.

Aber auch den Stimmen von Franz Rogowski, der einen Lehrer spielt, und Lilith Stangenberg, die dessen Freundin mimt - also den gegenwärtig vielleicht markantesten und spannendsten Stimmen des deutschen Films. Oder den Stimmen einer Schulklasse, die Shakespeares "Hamlet" rezitiert - in Sneakers und mit nur einer Handvoll Requisiten.

Woran man sich bei Schanelec gewöhnen muss, ist, dass wir mit den Augen hören. Die Wörter, die aus den Mündern ihrer Darsteller auf den Boden dieses Films fallen, sind wie Meteoriten, die die Erde treffen: Gefäße einer fremden Wahrheit und endlos rätselhaft.

Im Video: Der Trailer zu "Ich war zuhause, aber..."

Was ist das für eine Wahrheit, die einem so vor die Augen fällt und die sich dennoch nicht enthüllt? Die Antwort liegt, wenn überhaupt, in den 105 Minuten dieses Films. Jedenfalls nirgendwo sonst.

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