Umstrittener Regisseur Ilja Chrschanowski "Der Stalinismus lebt in der menschlichen Zellstruktur weiter"

Für sein Kunstwerk "DAU" filmte Ilja Chrschanowski jahrelang Laienschauspieler. Auf der Berlinale ist der russische Regisseur mit Übergriffsvorwürfen konfrontiert. Hier spricht er über sein Projekt und die Anschuldigungen.
Ein Interview von Wolfgang Höbel
Regisseur Ilja Chrschanowski bei der Berlinale

Regisseur Ilja Chrschanowski bei der Berlinale

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Andreas Rentz/ Getty Images

Für seine Gesamtkunst-Installation "DAU" hat der russische Regisseur Ilja Chrschanowski von 2008 an über Jahre auf einem Fabrikgelände gefilmt. Chrschanowski, Jahrgang 1975, ließ in einem Nachbau des Moskauer Instituts für Physikalische Probleme eine totalitär geprägte Zwangsgemeinschaft durch 400 Menschen darstellen, von denen nur wenige professionelle Schauspieler waren: eine Mega-Simulation stalinistischer Vergangenheit. Mitarbeiter des Projekts haben gegen ihn aber auch Übergriffsvorwürfe erhoben  - es geht nicht bloß um verbale, sondern auch um körperliche Übergriffe. Bei der Berlinale zeigt er neben dem aus insgesamt 700 Stunden DAU-Filmaufnahmen geschnittenen Wettbewerbsfilm "DAU: Natasha" auch eine zehnstündige Dokumentation (Lesen Sie hier eine Film-Kritik).

SPIEGEL: Herr Chrschanowski, Ihnen wird vorgeworfen , dass Sie für die angeblich drei Jahre langen Arbeiten an Ihrem "DAU"-Projekt und die daraus entstandenen Filme Menschen manipuliert und psychischen und physischen Missbrauch befördert oder zumindest zugelassen haben. Sind Sie ein Missbrauchstäter?

Ilja Chrschanowski: Nein. Es gibt Menschen, die bereits seit Jahren versuchen, die Arbeit an DAU als skandalös darzustellen. Sie äußern sich fast immer anonym, zum Beispiel auf Facebook.

SPIEGEL: Aber auch in Zeitungen, und das sehr detailreich - eine Frau schilderte in der "taz" etwa,  dass Sie die Grenzen von Arbeitsverhältnissen nicht respektieren: Sie hätten sie etwa geküsst und gestreichelt.

Chrschanowski: Die Vorwürfe haben keine Grundlage. Und ich finde es nicht gerade progressiv, dass sie immer wieder von Neuem erhoben werden.

SPIEGEL: Ihr Berlinale-Wettbewerbsfilm "DAU: Natasha" zeigt unter anderem sehr realistische Folterszenen. Das legt nahe, dass Sie Darsteller, die vorher nicht wussten, was ihnen bevorsteht, den Attacken von Gewalttätern aussetzten.

Chrschanowski: Ich habe für DAU mit sehr vielen Menschen gearbeitet. All ihnen stand es frei, mit mir gemeinsam eine Strecke zurückzulegen oder den Ort unserer Arbeit zu verlassen. Wir haben drei Jahre lang zusammengelebt, jeder und jede hätte jederzeit gehen können. Für mich ist Natascha Bereschnaja, die Hauptdarstellerin meines Wettbewerbsfilms, auch die Co-Autorin des Films - so wie ich alle Akteure des DAU-Projekts als Co-Autoren empfinde. Wenn man Natascha weinen sieht im Film, dann gehört dieses Weinen allein ihr. Es ist ihre Improvisation, es sind ihre Gefühle. Deshalb wollte ich selbst lange Zeit keine Interviews über DAU geben, ich wollte mich nicht selbst in den Vordergrund stellen. Ich will den Mitspielern den Raum geben, der ihnen gebührt. Sie sind sehr weit gegangen bei dem Versuch, ihre Tragik, ihre Einsamkeit auszudrücken.

SPIEGEL: Gab es je offenen Protest unter den Mitspielern während der Arbeit an DAU?

Chrschanowski: Einmal hatten wir einen amerikanischen Künstler zu Gast, der sich selbst eingeladen hatte und erst superbegeistert war. Als er in eine Prügelszene verwickelt war, hat er sich hinterher beschwert, wie groß seine Angst gewesen sei. Aber das ist ganz natürlich bei einem Projekt, das sich mit der Frage beschäftigt, was Kunst ist und was Wirklichkeit - und wo die Grenzen dazwischen liegen. 

SPIEGEL: Zum Projekt selbst: Angesichts der DAU-Bilder, auf denen unter anderem von Ihnen verpflichtete gewalttätige Neonazis zu sehen sind, stellen sich viele Betrachter die Frage: Zeigen Sie bloß, wie man in den totalitären Zeiten des Stalinismus lebte, oder verherrlichen Sie totalitäre Strukturen?

Chrschanowski: Für mich ist die Antwort völlig klar: Ich hasse die Welt, von der DAU erzählt. Das Leben meiner Eltern und ihrer Freunde war die Hölle unter dem Regime der Sowjetunion. Aber ich bin auch überzeugt, dass diese totalitäre sowjetische Mentalität bis heute existiert, auch in Deutschland. Deswegen hatte ich die Idee, für die Präsentation des DAU-Projekts in Berlin für eine Weile die Mauer wieder aufzubauen und sie dann zu zerstören. Ich will den Menschen mit meiner Arbeit bewusst machen, dass der Stalinismus in der menschlichen Zellstruktur weiterlebt.

SPIEGEL: Die Installation in Berlin ist an einem Verbot der Behörden ebenso gescheitert wie Ihre DAU-Pläne für London, nur in Paris  kam vergangenes Jahr für ein paar Wochen eine DAU-Ausstellung in zwei Museen zustande, die eher maue Kritiken erhielt. Sind Sie enttäuscht?

Chrschanowski: Wir haben viel Geld verloren, allein in Berlin haben wir für die Vorbereitung mehr als zwei Millionen Euro ausgegeben. Das war eine Enttäuschung. Aber das Universum von DAU beschädigt das nicht. Als Nächstes veröffentlichen wir ein Buchprojekt aus 247 Büchern, in denen die Performances und Installationen dokumentiert sind und alles, was in DAU gesprochen wurde. Wir haben ja nicht nur über 700 Stunden gedreht, wir haben auch 4000 Stunden Gespräche aufgenommen. Die haben wir alle transkribiert. Das ist eine große Sache.

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Foto: Homegreen Films/ Berlinale

Ein Mann, der minutenlang einfach nur sitzt, während draußen an sein Fenster der Regen prasselt. Ein anderer Mann, der akribisch Gemüse und Fisch wäscht, dann daraus ein Gericht zubereitet: Kang, dem stets traurig-melancholisch schauenden Protagonisten des taiwanesischen Regisseurs Tsai Ming-Liang sieht man oft zu, als betrachte man eine Naturdoku: Er wird auf seine Physis und seine Kreatürlichkeit zurückgeworfen. Handgeformtes Kino nennt Tsai seine eindrückliche Art zu filmen. So ist es auch in "Rizi” ("Days”, Wettbewerb), der den unter schlimmen Nacken und Schulterverspannungen leidenden Kang in Bangkok mit dem jungen, kochenden Reinlichkeitsfanatiker zusammenführt. Die Wege dieser beiden einsamen Männer kreuzen sich in einem Hotelzimmer zu einer zwar bezahlten, aber dennoch sehr zärtlichen Massage-Session. Der Schmerz des einen löst sich in der hingebungsvollen Dienstleistung des anderen auf - ein wundervoller, existenziell tröstender Kino-Moment, der komplett ohne Dialoge auskommt und doch alles über das Bedürfnis nach menschlicher Nähe erzählt. Andreas Borcholte

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