Meeresdrama "Im Herzen der See" Wal banal

Da bläst er! Mit schicken Effekten erzählt Blockbuster-Regisseur Ron Howard vom Untergang des Walfängers "Essex", der Herman Melville zu seinem "Moby Dick" inspirierte. Wenn doch nur kein Erbauungskino draus geworden wäre!
Von Jörg Schöning
Meeresdrama "Im Herzen der See": Wal banal

Meeresdrama "Im Herzen der See": Wal banal

Foto: DDP/ Planet Photos

Melvilles "Moby Dick" speist sich aus vielen Quellen. Eine davon ist das Schicksal der "Essex", eines Walfangschiffes aus Nantucket. Am 20. November 1820 wurde es im Pazifik von einem Pottwal gerammt und versenkt. Nur acht der 21 Besatzungsmitglieder kehrten nach Neuengland zurück. 92 Tage dauerte ihre Fahrt in offenen Booten, ehe sie vor der Küste Südamerikas von anderen Schiffen entdeckt und gerettet wurden.

Überleben konnten sie nur, indem sie sich von den Leichnamen ihrer Kameraden ernährten.

Melville erfuhr von den Geschehnissen um 1840, als er selbst auf einem Walfänger den Pazifik befuhr, auch las er den Bericht des Obermaats der "Essex". In Ron Howards Film lässt sich Melville (Ben Whishaw) nun wiederum zehn Jahre später, während seiner Arbeit an "Moby Dick", die Ereignisse von einem weiteren Zeugen schildern. In stockenden Worten lässt der einstige Schiffsjunge Thomas Nickerson (Brendan Gleeson) die Ereignisse Revue passieren.

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"Im Herzen der See": Der echte Moby Dick

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Aus seiner Perspektive wird die Katastrophe der "Essex" als die Geschichte zweier Männer erzählt, die sich an Bord als Rivalen begegnen: Kapitän George Pollard (Benjamin Walker) und sein Erster Maat Owen Chase (Chris Hemsworth). Erstgenannter stammt aus einer alten Seefahrerfamilie, der andere ist der Sohn eines Landwirts. Der eine soll sich bei seinem ersten Kommando bewähren - auf einem Posten, den der andere gerade noch für sich selbst beansprucht hat.

Für so einen Stoff ist Ron Howard natürlich genau der richtige Mann. Wie man einen Aufbruch in die Ferne zelebriert, hat er in "Apollo 13" (1995) vorgeführt und mit der Verfilmung des TV-Duells "Frost/Nixon" (2008) einen Zweikampf unter Männern geradezu archetypisch nachgestellt. Dass er sich bei seinen Filmen, die gern auf wahren Geschichten basieren, auch wenn sie von Extremen handeln, nicht immer an die Fakten hält, spricht in Hollywood eher für als gegen ihn.

Realistisch rückt Ron Howard wirtschaftliche Aspekte ins Bild

"Im Herzen der See" besticht durch seine authentische Bildsprache. Nicht nur mussten sich die Schauspieler als Hungerkünstler beweisen, damit sie als Schiffbrüchige äußerlich glaubwürdig wirkten. Auch Nantucket wirkt als Kapitale des Walfangs absolut echt. Realistisch rückt Ron Howard wirtschaftliche Aspekte ins Bild. Bis zur Entwicklung des Petroleums war Tran weltweit der wichtigste flüssige Brennstoff und der Kurswert des Barrels so bedeutsam wie heute der Ölpreis. Es ist eine Industrie, die die Leute am Leben erhält, und keine romantische Sehnsucht, die sie hinaus auf das Meer treibt.

Und dieses Meer ist hier der wahre Star. Stets ist es präsent, furios entfesselt oder in träger Gleichgültigkeit. Die Kamera zeigt es direkt, von oben oder unten, oder sie saust, bei den fantastischen Fangfahrten, bei Normalnull darüber hinweg. Aber am großartigsten ist natürlich jene Sequenz, in der der Wal, dessen Haut gerade noch als "alabastern" gerühmt worden ist, sich in die Tiefe hinabsinken lässt. Fast sieht er so aus wie die weiße Trägerrakete, die in "Apollo 13" ins Weltall aufbricht. Nur lässt sich an ihm eben keine Heldengeschichte entfalten.

Melvilles weißer Wal war ein Geschöpf aus Druckerschwärze. Über 160 Bücher, heißt es, klingen in "Moby Dick" an. Böswillige könnten nun behaupten: Auch nur ein einziges zu lesen, war Ron Howard offenbar zu viel. Dem Buch, das er verfilmt haben will, folgt er jedenfalls nicht.

Wo ist die innere Wahrhaftigkeit?

In seinem Bestseller "Im Herzen der See"  hat Nathaniel Philbrick die Fahrt der "Essex" in die Katastrophe detailliert nachgezeichnet. Natürlich ist es legitim, im Kino vom schriftlich verfassten Kurs abzuweichen - etwa, die Ereignisse mündlich zu überliefern, auch wenn die Begegnung Melvilles mit dem gealterten Schiffsjungen in Wirklichkeit niemals stattfand. Andere Veränderungen sind gravierender, sind es doch gezielte Unterschlagungen. Mit aller Macht will der Film einem Unternehmen Sinn abgewinnen, das tatsächlich eine Chronik fortgesetzten Scheiterns ist.

So verschweigt er beispielsweise, dass durch den Mutwillen eines Matrosen so gut wie die gesamte Tierpopulation einer Galapagos-Insel Opfer eines Flächenbrands wurde. Die Darstellung, dass der jüngste der Seeleute sich für die anderen geopfert und seinen Tod selbst herbeigeführt habe, ist falsch. Tatsächlich wurde er durch das Los bestimmt und ganz pragmatisch hingerichtet.

So authentisch der Film auf der Oberfläche erscheint - es fehlt "Im Herzen der See" die innere Wahrhaftigkeit. Alles, was an der Geschichte tatsächlich ungeheuerlich ist, wird hier dem Erbauungskino untergeordnet.

Dabei hatte Philbrick doch betont, dass die Katastrophe der "Essex" keine Abenteuergeschichte, sondern eine Tragödie sei. Ihren Hauptakteur Owen Chase quälten im Alter die Erinnerungen derart, dass er geisteskrank wurde und begann, in der Dachkammer seines Hauses heimlich Lebensmittel zu horten. Davon will der Film nichts wissen. So faszinierend es auch ist, im Kino dem Wal in die Tiefsee zu folgen - in die Abgründe der menschlichen Psyche taucht er nicht ein.

Im Video: Der Trailer von "Im Herzen der See"

Im Herzen der See

USA 2015

Regie: Ron Howard

Drehbuch: Charles Leavitt

Darsteller: Chris Hemsworth, Benjamin Walker, Cillian Murphy, Ben Whishaw, Tom Holland (II), Brendan Gleeson, Charlotte Riley, Frank Dillane

Verleih: Warner Bros. GmbH

Producing: Warner Bros.

Länge: 122 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Start: 3. Dezember 2015

Offizielle Webseite zu "Im Herzen der See" 
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