"Im Juli" Romantisches Roadmovie mit Physiklehrer

Moritz Bleibtreu als Auto klauender Spießer ist das Highlight in einer Beziehungskomödie, die beweist: Auch Türken haben einen typisch deutschen Humor.

Von Manfred Müller


Sonne und Mond: Christiane Paul und Moritz Bleibtreu "im Juli"
Senator Film

Sonne und Mond: Christiane Paul und Moritz Bleibtreu "im Juli"

Eine kapriziöse junge Frau mit lebenspraktischer Intelligenz und festen romantischen Prinzipien, dazu ein eher dröger Typ, der sich ihrer Liebe in vielseitiger Prüfung würdig erweisen muss, damit sie ihn aus der Tristesse seiner überkommenen Geschlechterrolle erlöst - das sind die Stammdaten einer sprichwörtlich deutschen Beziehungskomödie, die hier allerdings von einem Hamburger Türken entwickelt und realisiert wurde.

Das mag je nach persönlichem Geschmack und Standpunkt verschieden ausgelegt werden. Die einen dürften erfreut zur Kenntnis nehmen, dass die Integration ausländischer Mitbürger eben doch so weit gelingen kann, dass sie sogar den bodenständigen Sinn für Humor assimilieren. Wer sich dagegen vom Komödienboom des letzten Jahrzehnts eher gestraft als erheitert fühlt, wird sich von einer drückenden Erblast befreit finden und erleichtert feststellen, dass unser vermeintlich nationaler Frohsinn auch im vorderasiatischen Raum seine Wurzeln hat.

Wie auch immer: Fatih Akins zweite Spielfilmregie (Debüt: "Kurz und schmerzlos") hat für alle ein Gutes. Selbst für den spießig weltfremden Physik-Referendar Daniel (Moritz Bleibtreu), der zunächst einen Parcours der Leiden überwinden muss, um die Sonnenseite des Lebens zu finden. Eine Liebesbotschaft der flippigen Schmuckverkäuferin Juli (Christiane Paul) hat er falsch gedeutet und sich einer jungen Türkin auf dem Weg nach Istanbul an die Fersen geheftet. Doch als er mit der schrottreifen Limousine seines Nachbarn das heimatliche Hamburg gen Süden verlassen will, steht ausgerechnet Juli als Anhalterin am Autobahnzubringer. Sie wollte der Stadt aus Frust den Rücken kehren und sieht plötzlich ihr Glück wieder zum Greifen nah.

Spießer Daniel: Im Bulli nach Süden
Senator Film

Spießer Daniel: Im Bulli nach Süden

So starten die beiden in ein romantisches Roadmovie, das sie auf vielen Umwegen über den Balkan in die Türkei führt. Daniel muss getreu Julis Prophezeiung tausende von Meilen zurücklegen, viele Qualen über sich ergehen lassen und einer lockenden Versuchung widerstehen, um sich und sie seiner wirklichen Gefühle zu versichern. Er prügelt sich mit einem Fernfahrer, klaut Autos und landet in einem türkischen Gefängnis. Auf einem Donaukutter raucht er seinen ersten Joint, in einer Bar in Bukarest bringt ihn die burschikose Luna (Branka Katic) um den Verstand, und an einem rumänischen Grenzfluss muss er erleben, dass sich das Leben sogar seinen physikalischen Berechnungen widersetzt.

Akin hat die märchenhaften Abenteuer in eine lockere Tag-Nacht-Dramaturgie gekleidet, die mit der Sonne-Mond-Symbolik der Geschichte recht vordergründig korrespondiert. Der schematische Gang der Erzählung wird allerdings durch eine Rahmenhandlung aufgelockert und über einen absurden Krimi-Plot mit zusätzlichem Thrill angereichert. Ein gewollt improvisiert wirkender Stil schafft den natürlichen, unprätentiösen Charme des Films.

Getrübt wird der Spaß durch die Besetzung von Christiane Paul, die im Zusammenspiel mit Bleibtreu in ihre engen schauspielerischen Grenzen verwiesen wird. Branka Katic als ruchlose Göttin der Nacht kann in wenigen einprägsamen Szenen Pauls sonniges Dauerlächeln überstrahlen und hätte dem Helden in der Gunst des Zuschauers wohl besser zur Seite gestanden. Zum Ausklang eines verregneten Sommers wird der Film aber auch so für eine kurze willkommene Aufheiterung sorgen.

"Im Juli". Regie: Fatih Akin; Drehbuch: Fatih Akin. Darsteller: Moritz Bleibtreu, Christiane Paul, Mehmet Kurtulus, Branka Katic. Deutschland 2000, 100 Minuten. Start: 24. August.



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