Genialer Psycho-Thriller "Burning" Flammen im Kopf

Unser Film der Woche: Hat er sich das alles nur eingebildet, das verschwundene Mädchen, die Brandstiftungen? In dem Thriller "Burning" treiben Zukunftsängste einen jungen Mann in eine furiose Paranoia.


Im Moment der größten Ekstase ist Jong-su (Yoo Ah-in) plötzlich abgelenkt. Gerade hat ihn Hae-mi (Jun Jong-seo), eine Bekannte aus Kindheitstagen, zu sich ins Bett gezogen. Aber während er mit ihr schläft, hat Jong-su seinen Blick starr von ihr abgewandt und auf die hinterste Ecke des Zimmers gerichtet.

Dort schwebt ein dünner Schimmer über die Wand: ein Splitter Sonnenlicht, der von einem nahen Fernsehturm in die schattige Wohnung am Stadtrand von Seoul zurückgeworfen wird. Gebannt beobachtet Jong-su, wie das Leuchten stärker wird und allmählich wieder verblasst, während er die unter ihm liegende Hae-mi kaum beachtet.

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"Burning": Allein an der Grenze

Es ist ein tragischer Rückzug, der in dieser Szene aus Lee Chang-dongs "Burning" dargestellt wird: Selbst die entgrenzende Erfahrung körperlicher Intimität ist für Jong-su zu einem innerlichen Ereignis geworden - zur Auseinandersetzung mit einer rein privaten Sehnsucht.

Den Rückzug in die Grenzen eines einzelnen Bewusstseins vollzieht auch "Burning" selbst: Von der ersten Szene an ist man wie gefangen in dem subjektiven Erleben Jong-sus, es ist sein Blick, der die Darstellung der Figuren und Ereignisse ganz und gar bestimmt. Doch wird dabei nicht nur das individuelle Schicksal eines jungen Mannes gezeichnet, der nach dem Studium nicht weiß, wie er sein weiteres Leben gestalten soll. Jong-su ist in Lees Film vielmehr der Schnittpunkt für allerlei Ängste und Spannungen, von denen die südkoreanische Gesellschaft durchdrungen wird.

Unmittelbare Beklemmung

Explodierende Jugendarbeitslosigkeit, die Bedrohung durch Nordkorea, die Kluft zwischen Arm und Reich: diese unpersönlichen Dynamiken sind es, die Jong-sus Leben bestimmen. Doch ist er nie in der Lage, deren tiefere Gründe und Strukturen eindeutig zu erkennen - sie treten nur als eine allgegenwärtige Stresskulisse in Erscheinung, deren Einfluss er hilflos ausgeliefert ist. Dieses tragische Ungleichgewicht erzeugt in "Burning" eine unmittelbar beklemmende Atmosphäre, lange bevor die mit klassischen Thriller-Elementen angereicherte Handlung des Films überhaupt in Gang gekommen ist.


"Burning"
Originaltitel:
"Beoning"
Südkorea 2018
Regie: Lee Chang-dong
Drehbuch: Lee Chang-dong, Oh Jung-mi
Darsteller: Yoo Ah-In, Steven Yeun, Jeon Jong-seo, Kim Soo-kyung, Mun Seong-kun
Produktion: Pine House Film, Now Films
Verleih: capelight pictures
Länge: 148 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 6. Juni 2019


Von einer Reise nach Afrika kommt Haemi in Begleitung des eitlen und wohlhabenden Ben ("Walking Dead"-Star Steven Yeun in seiner ersten koreanisch-sprachigen Rolle) zurück. Kurz darauf ist Hae-mi spurlos verschwunden, und Jong-su schöpft schnell den Verdacht, dass Ben dafür verantwortlich ist. Verzweifelt stellt er Nachforschungen an, spioniert Ben hinterher, sucht sogar die offene Konfrontation - und doch scheint sich durch diese manische Aktivität nichts zu klären oder gar nachhaltig zu ändern.

Denn Jong-su dringt mit seinen Handlungen und seinen Gedanken schon längst nicht mehr zur Wirklichkeit durch, sämtliche Menschen und Ereignisse sind ihm nur mehr Spiegelbilder seiner eigenen Verzweiflung: Hae-mi ist ganz geheimnisvolle Zerbrechlichkeit und ungreifbares Glücksversprechen, Ben ist das Sinnbild eines Wohlstands, der mit leichter Hand über andere Menschen verfügt. Zwischen diesen Fantasiegebilden wird Jong-su völlig aufgerieben - seine grundlegende Ohnmacht rührt daher, dass ihm die Dinge beständig ins Irreale abgleiten.

Fiktive Mandarine, realer Genuss

Dabei wird "Burning" auch zu einer vielfältigen Meditation über das Verhältnis von Fiktion und Realität. Lees Film ist die Adaption der Kurzgeschichte "Barn Burning" von Haruki Murakami, die selbst Titel und Thema einer Geschichte von William Faulkner aufgreift - und dieser wiederum ist das große Vorbild für den angehenden Autor Jong-su.

Die in dieser Schleife des Einflusses deutlich werdende Durchlässigkeit verschiedener Realitätsebenen führt auch die Figur von Hae-mi immer wieder vor Augen: Das pantomimische Essen einer unsichtbaren Mandarine scheint ihr einen ganz realen Genuss zu bereiten, ihre Katze, die Jong-su füttern soll, existiert vielleicht gar nicht, und die afrikanischen Riten, von denen sie erzählt, sind fast zu dramatisch, um wahr zu sein.

Im Video: Der Trailer zu "Burning"

Lees Film umkreist die psychischen Brüche, die sich aus der Erfahrung gesellschaftlicher und persönlicher Ohnmacht ergeben - und macht dabei wieder und wieder deutlich, dass es nicht so sehr die wahrgenommenen Wirklichkeiten sind, die unser Leben bestimmen - sondern die vorgestellten Möglichkeiten.

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