"In The Bedroom" Sühne ohne Erlösung

Der Schauspieler Todd Field zeigt mit unspektakulärer, berührender Brillanz in seinem Regiedebüt die Qualen und Entfremdung eines Ehepaares nach dem Tod des Sohnes.

Von Oliver Hüttmann


Filmszene mit Spacek, Wilkinson: Reflexionen über das Leben, die Liebe und das Sterben
UIP

Filmszene mit Spacek, Wilkinson: Reflexionen über das Leben, die Liebe und das Sterben

Es ist ein Tag wie jeder andere. Der Arzt Matt Fowler (Tom Wilkinson) fischt vor der Küste der Kleinstadt Camden in Maine nach Hummern, abends spielt er wie üblich mit Freunden eine Partie Poker. Seine Frau Ruth (Sissy Spacek) leitet als Musiklehrerin den Schulchor und kocht nachmittags zu Hause. Gemeinsam treffen sie ein befreundetes Ehepaar zum Essen. Es gehe ihnen gut, versichern sie immer wieder. Freude oder auch nur ein Lachen aber gibt es nicht in ihrem Alltag. Und manchmal erstickt ein banaler Satz die Gespräche.

Das Hummerfischen, der Pokerabend, die Chorarbeit ­ all dieses, die Routine und Ordnung der Gewohnheit sieht man am Anfang von "In The Bedroom" schon einmal. Da ist allerdings noch Frank (Nick Stahl) anwesend, ihr 21-jähriger Sohn. Der Architekturstudent verbringt die Semesterferien bei seinen Eltern und ist verliebt in die ältere Natalie (Marisa Tomei). Sie ist Mutter zweier Kinder und steht kurz vor der Scheidung. Ruth missfällt diese Beziehung, für sie ist die Frau nicht "standesgemäß", zumal Frank wegen ihr eventuell das Studium aufgeben will. Matt dagegen bleibt still und ist durchaus angetan von der hübschen Natalie.

Spacek, Tomei: Tragödie in drei Akten
UIP

Spacek, Tomei: Tragödie in drei Akten

Dann passiert es. Natalies unberechenbarer, jähzorniger Mann Richard (William R. Mapother, ein Cousin von Tom Cruise) taucht in ihrem Haus auf. Er hat eine Pistole dabei. Ein Schuss fällt. Frank ist tot. Zu sehen ist die Tat nicht, die Gewalt bekommt in diesem Drama lange kein Bild, sondern wird ins Schwarze ausgeblendet. Lediglich kleine Metaphern wie etwa eine so genannte Action-Puppe, die einmal in Franks Händen plötzlich von Autoscheinwerfern grell angeleuchtet wird, deuten auf das Unheil hin.

Und da niemand den Vorgang gesehen hat, auch Natalie nicht, plädiert die Verteidigung auf einen Unfall, und Richard wird vom Gericht nur wegen Totschlags auf Bewährung verurteilt. Für die Fowlers ist das eine unfassbare Entscheidung. Und so geht ihr Alltag weiter in Camden, Maine, gewohnt und doch kaum sichtbar gelähmt durch die Trauer über den Verlust und die Ungerechtigkeit, die unausgesprochen nach Sühne, Erlösung verlangt.

Spacek, Wilkinson: Größte Kommunikation beim Fernsehen
UIP

Spacek, Wilkinson: Größte Kommunikation beim Fernsehen

Mit konzentrierter Anspannung und Spannung entwickelt Schauspieler Todd Field, der zuletzt als Barpianist in Stanley Kubricks "Eyes Wide Shut" zu sehen war, sein Regiedebüt als Tragödie in drei nahezu gleich langen Akten. Er idealisiert nicht das Idyll, fällt nie ins Melodramatische und sublimiert schließlich nachvollziehbar und nüchtern die Elemente des Rachethrillers.

Virtuos streut er unspektakuläre Hinweise, etwa wenn zum Grillfest im Garten der Fowlers erst der Pfarrer erscheint und dann Richard. Dennoch ahnt man erst sehr spät, welche Richtung der Film nehmen könnte und wird immer wieder überrascht.

Filmszene mit Spacek: Elemente des Rachethrillers
UIP

Filmszene mit Spacek: Elemente des Rachethrillers

Spacek, Tomei und Wilkinson waren in diesem Jahr für den Oscar nominiert ­ und mit den ebenfalls mit mehreren Darsteller-Nominierungen bedachten Dramen "Monster¹s Ball" und "Iris" bildet "In The Bedroom" die intensivsten, wahrhaftigsten Reflexionen über das Leben, die Liebe und das Sterben zur Zeit. Der Titel verweist nicht auf einen sexuellen Akt, sondern auf das Schweigen und die Entfremdung in der Ehe. Trotz scheinbarer Harmonie besteht die größte Kommunikation zwischen Matt und Ruth beim Fernsehen. Nach Franks Tod hockt sie stumm und reglos alleine vor dem Gerät. Am Ende kommt Matt spät nachts nach Hause. Er betritt das Schlafzimmer. Ruth liegt noch wach im Bett. Als er sich zu ihr legt, steht sie auf und kocht Kaffee in der Küche. Er wird den Körper wärmen. Nicht aber die Seele.

"In The Bedrom", USA 2001. Regie: Todd Field; Drehbuch: Rob Festinger, Todd Field; Darsteller: Tom Wilkinson, Sissy Spacek, Marisa Tomei, Nick Stahl, William R. Mapother; Länge: 138 Minuten; Produktion: Good Machine; Verleih: UIP; Start: 2. Mai 2002.



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