Indie-Filmkomödie Astronaut in der Tonne

Krankheit als Chance? Die schwedische Beziehungskomödie "Im Weltraum gibt es keine Gefühle" feiert die Kauzigkeit eines autistischen Teenagers. Ein sicherer Kinotipp für coole Trainingsjacken-Slacker.
Von Andreas Banaski
Indie-Filmkomödie: Astronaut in der Tonne

Indie-Filmkomödie: Astronaut in der Tonne

Foto: Arsenal

Wenn es Simon zu bunt wird, setzt er sich in seine Tonne und spielt Astronaut. Was sich nach einer liebenswerten Macke anhört (und auch so inszeniert ist), ist in Wahrheit eine Entwicklungsstörung: Simon ist kein Kind mit ausufernder Phantasie, sondern 18 und autistisch, Fachbegriff: Asperger-Syndrom. Der schwedische Regisseur Andreas Öhman, 26, lässt ihn in seinem Langfilmdebüt die Krankheit lapidar erklären: "Ich mag den Weltraum, Kreise und meinen Bruder Sam. Gefühle, andere Menschen und Veränderungen kann ich nicht ausstehen."

Der ältere Sam hat Simons Betreuung übernommen. In einer Mini-WG mit Freundin Frida achtet er auf einen geordneten Tagesablauf, einen geregelten Speise- und Freizeitplan. Tagsüber jobbt Simon als Reinigungs-Hilfskraft auf einem Sportplatz oder in öffentlichen Grünanlagen. Seine Kollegen und sein Chef wirken ebenfalls leicht gestört, wenn auch ohne Fachbegriff.

Und noch jemand steht etwas neben sich: die flippige Jennifer, die mit Simon an einer Häuserecke kollidiert. Auf sie kommt Simon zurück, als Frida wegen Simons Umgangsformen entnervt das Weite sucht, Sam darüber in Schwermut versinkt und Simon, der Orientierung beraubt, nun eine Ersatzfreundin für Sam und eine Ersatzhaushälterin für sich sucht.

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Kritiker und Zuschauer schwärmen

Wie Simon das mit verquerer Logik anstellt, nach aus seiner Sicht statistisch-demoskopischen Kriterien, ist einer der Gründe für die fast einmütige Schwärmerei von Filmkritik und Internet-Community. Eine Auswahl der Huldigungen: "poetisch-philosophisch", "quirlig witzig", "bunt und heiter", "weichherzig und phantasievoll", "sympathisch und unterhaltsam", "rührendes Kleinod", "einer der sensibelsten und gleichzeitig humorvollsten Filme des Sommers".

Schweden hat das Werk als "Oscar"-Kandidaten 2011 ins Rennen geschickt, es aber nicht unter die fünf Nominierungen geschafft. In der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film" werden ja gerne Filme eingereicht, die an Hollywood-Vorlieben oder -Sehgewohnheiten ankoppeln und ein sozial relevantes Thema nicht zu schwergewichtig aufbereiten. Dieser Ausflug in die "faszinierende, wundervolle Asperger-Welt" (Regisseur-O-Ton) mit dem augenzwinkernden Titel "Im Weltraum gibt es keine Gefühle" - hier geht es natürlich sehr gefühlig zu - ist denn auch wie geschaffen für ein US-Remake. Da könnte Bill Skarsgård sogar wieder Simon spielen, denn in Amerika haben schon Vater Stellan (u.a. "Mamma Mia!") und Bruder Alexander (Star in der TV-Serie "True Blood") Karriere gemacht.

Regisseur Öhman, der sein filmisches Erweckungserlebnis als Teenager durch Paul Thomas Andersons "Magnolia" hatte, glaubt, "ganz tief in jedem von uns sind Asperger-Neigungen, mit denen wir sorgsam umgehen sollten. Sie machen uns besonders". Keine Frage: Für Freunde des Besonderen, für Fans von "Darjeeling Limited" und "Die fabelhafte Welt der Amélie", für coole Trainingsjacken-Slacker und für Zeitschriften-Leser, "die erwachsen geworden sind, sich dafür aber eigentlich noch zu jung fühlen", ist der Film ein sicherer Tipp.


Im Weltraum gibt es keine Gefühle. Start 24.11. Regie: Andreas Öhman. Mit Bill Skarsgård, Cecilia Forss, Martin Wallström.

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