Ingmar Bergmans Vermächtnis Alter Schwede!

In den USA wurden seine Filme wie billige Pornos beworben. Dabei hinterließ Ingmar Bergman eines der anspruchsvollsten Filmwerke des 20. Jahrhunderts. Ein gigantischer Bildband lässt nun Leben und Schaffen des Regisseurs Revue passieren.

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Im vergangenen Jahr starb Ingmar Bergman, und nun ist ein Bildband über ihn erschienen, der fast so groß und schwer ist wie ein Grabstein. Doch Bergman selbst hat sich gewünscht, so in Erinnerung zu bleiben: Vor seinem Tod stellte der schwedische Regisseur, der durch Dramen wie "Das siebente Siegel" (1957), "Szenen einer Ehe" (1973) und "Fanny und Alexander" (1982) zu einem der einflussreichsten Filmemacher seiner Zeit wurde, sein persönliches Archiv für dieses Vermächtnisprojekt zur Verfügung.

Für die Herausgeber Paul Duncan und Bengt Wanselius öffnete sich eine Schatzkammer mit teilweise noch nie veröffentlichtem Material, deren beste Stücke sie nun in diesem englischsprachigen Band mit beigefügter deutscher Übersetzung und zusätzlicher DVD ausstellen.

Arbeitsfotos zeigen den jungen Regisseur schon bei den Dreharbeiten zu einem seiner frühesten Filme, "Musik im Dunkeln" (1948), in höchster kreativer Konzentration. Der Betrachter hat das Gefühl, an der geistigen Einkehr einer protestantisch strengen Künstlernatur teilzunehmen.

Doch erstaunlich oft ist Bergman, der als Komödienregisseur bis heute unterschätzt wird, gut gelaunt und scherzend zu sehen - selbst bei den Dreharbeiten von so düsteren Werken wie "Schande" (1968). Sein eigenes "dämonisches Lachen" habe Bergmans Phantasie stimuliert, schreibt der Schauspieler Erland Josephson, der an vielen Filmen des Regisseurs mitwirkte, im Vorwort des Bandes.

Filme zu machen sei "eine höchst erotische Angelegenheit", sagt Bergman in einem der zahlreichen Interviews, die das Buch versammelt. Tatsächlich vermitteln die Porträts des Schweden jene unersättliche Lust auf das Leben, von der auch seine Filme immer wieder erzählen. Gerade in seinen Werken der fünfziger und sechziger Jahre erlaubte er seinen Heldinnen einen im damaligen Kino gänzlich unbekannten Spaß am eigenen Körper.

Die provozierende Sinnlichkeit der jungen Harriet Andersson in "Die Zeit mit Monika" (1953), der schon im Alter von 19 Jahren nichts männliches fremd zu sein schien, oder auch die legendäre Selbstbefriedigungsszene in "Das Schweigen" (1963) machten Bergman zum Skandalregisseur. Amerikanische Verleiher brachten seine Filme mit knalligen Postern, von denen einige im Band abgebildet sind, wie sonst billige Sex-Filme heraus.

Bergmans Kino war aber auch extrem gewalttätig, es erzählte von Vergewaltigungen, Rachefeldzügen und psychischem Terror. Doch der Regisseur richtete den Blick der Kamera dabei so beharrlich wie kein anderer auf die Gesichter seiner Hauptfiguren. Kaum etwas, so war Bergman überzeugt, habe mehr Ausdruckskraft als der Blick eines Schauspielers. Die großartigen Porträts von Bergman-Stars wie Bibi Andersson, Liv Ullmann oder Max von Sydow, die der Band in brillanter Qualität wiedergibt, geben ihm Recht: Der aufregendste Schauplatz für dramatische Geschichten ist das menschliche Gesicht.


Paul Duncan, Bengt Wanselius (Hg.): "Das Ingmar-Bergman-Archiv". Taschen, Köln; 592 Seiten (+ DVD); 150,00 Euro.



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