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Ingrid Bergman: Superstar unter den Stars

Foto: Corbis

Zum 100. Geburtstag von Ingrid Bergman "Von Heiliger zur Hure und zurück"

Ingrid Bergman war die natürlichste Schönheit Hollywoods. Zu ihrem 100. Geburtstag erinnert sich die Filmwelt an ihre Klassiker, ihre Kunst - und den Skandal, der fast alles zerstört hätte.

Isabella Rossellini möchte ein ewiges Klischee korrigieren. Nein, sagt die Schauspielerin und Autorin: Ihre Mutter habe keineswegs "gegen Hollywood rebelliert", wie es die Klatschspalten bis heute behaupten. "Alles Gerede, nichts davon wahr", beharrt sie. "Sie liebte Hollywood."

Rossellinis Mutter Ingrid Bergman würde am Samstag 100 Jahre alt. In der Tat, die spröde Ikone aus Schweden liebte Hollywood, und Hollywood liebte sie. Doch dann wagte sie es, Amerika - und ihrem Ehemann - den Rücken zu kehren, um mit dem italienischen Regisseur Roberto Rossellini durchzubrennen, und Hollywoods Liebe schlug in Hass um.

Zwei - mit anderen verheiratete! - Stars auf amourösen Abwegen: Es war die erste große Hollywood-Affäre, die internationale Wellen schlug. Bergman, die bereits einen Oscar gewonnen hatte, wurde verteufelt, verurteilt, verstoßen. Sie zerstörte ihr Image, indem sie die Rolle, die sie auf der Leinwand spielte, plötzlich real lebte: die unnahbare Heilige, hinter deren Maske Menschlichkeit und sexuelle Spannung schmorten.

"Ingrid Bergman und Roberto Rossellini haben den modernen Skandal erfunden", schreibt der Filmkritiker David Thomson im "New Republic". "Fremde wollten mit ihr schlafen. Aber als sie Ähnliches verlangte, wurden die Bluthunde der voyeuristischen Missbilligung entfesselt."

"Von Heiliger zur Hure und zurück zur Heiligen", so beschrieb Bergman ihr Schicksal einmal amüsiert. "Alles in einem Leben." Ihrem Mythos schadete es am Ende nicht, im Gegenteil. Doch auch jetzt, da ihr 100. Geburtstag weltweit gewürdigt wird, mit Retrospektiven, Galas und Lesungen, kocht er wieder hoch, unvermeidlich - "the scandal".

Kampf gegen Fotografen und Sittenwächter

So nennt Isabella Rossellini es, in italienisch akzentuiertem Englisch. Später selbst ein Weltstar als Model und Schauspielerin, wurde sie zwar erst drei Jahre "danach" geboren, als eines von drei Kindern Bergmans und Rossellinis. "Der Skandal war da bereits versandet", sagt sie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Doch etwas hallte dauerhaft nach: "Die Paparazzi wurden Bestandteil meiner Kindheit."

Wenigstens gab es noch kein Internet. Eine solche Affäre würde heute einen Rund-um-die-Uhr-Hype befeuern, auf Twitter, Instagram und am virtuellen Biertisch von "TMZ". Damals kämpfte Bergman "nur" gegen Fotografen, die Klatschpresse und die US-Sittenwächter. Der Druck sei trotzdem enorm gewesen, erinnert sich Rossellini: "Es war furchtbar."

Lieber spricht sie also über das Werk ihrer Mutter. Über Klassiker wie "Casablanca" und "Wem die Stunde schlägt", ihre Hitchcock-Filme ("Ich kämpfe um dich", "Berüchtigt", "Sklavin des Herzens"), ihre oft verkannte Arbeit mit Rossellini und ihr umjubeltes US-Comeback.

"Mama war komplexer als ihr Image", sagt Rossellini. "Sie war sehr charmant, sehr schüchtern, voller Energie und hatte immer viel Spaß."

Jenseits des amerikanischen Ideals

Damit fiel sie auch David O. Selznick auf, dem legendären Produzenten von "Vom Winde verweht". Auf der Suche nach einer neuen Garbo stieß er auf Bergman. Geboren in Stockholm als Tochter einer deutschen Mutter und eines schwedischen Vaters, war sie da schon ein Filmstar - und junge Mutter. 1939 lockte Selznick sie nach Hollywood.

Hochgeschossen und von einer natürlich-herben Schönheit, passte Bergman kaum ins amerikanische Ideal. Ihre Augenbrauen waren zu dicht, ihre Zähne nicht perfekt, auch sprach sie zunächst kaum Englisch. Doch sie verweigerte sich jeglichem artifiziellen Aufputz.

Selznick lag richtig. Aus nur einem Hollywood-Film, den Bergman machen wollte, wurden mehr als ein Dutzend. "Casablanca" machte sie zum Idol, "Das Haus der Lady Alquist" (1944) brachte ihr den ersten Oscar. Alfred Hitchcock erkor sie zu einer seiner kühlen Blonden.

Doch irgendetwas fehlte ihr. Immer nur die noble Schönheit spielen: "Sie wollte sich strecken", sagt Rossellini. Bergman suchte mehr, künstlerisch wie privat. Während ihr Mann Petter Lindström und ihre Tochter Pia in Schweden blieben, hatte sie Affären - darunter mit ihrem Co-Star Gary Cooper und dem Kriegsfotografen Robert Capa.

"Schweden und Italiener passen nicht zusammen"

1949 schrieb sie einen Brief an Roberto Rossellini, dessen Filme sie verehrte: Ob er eine schwedische Schauspielerin brauche, die auf Italienisch nur "ti amo" sagen könne. Der Rest ist Geschichte.

Die außereheliche Affäre schockierte Amerika. Die US-Presse zerriss Bergman, ein Senator diffamierte sie als "schreckliches Exempel der Weiblichkeit". Nicht nur Hollywood setzte sie auf die "black list".

Acht Jahre blieb sie in Italien. Ihre Schwarz-Weiß-Filme mit Rossellini, dem Meister des Neorealismus, waren Flops, doch zeigten Bergman selten natürlich. Ihr Familienleben war eine andere Sache: Die Kinder Robertino, Isabella und Isotta wuchsen in Hotels auf, während Pia in Schweden war. Und die Eltern stritten sich dauernd: "Schweden und Italiener", resümierte Bergman später, "passen nicht zusammen."

Nach der Trennung von Rossellini kehrte Bergman 1956 triumphal nach Hollywood zurück, mit "Anastasia", ihrer zweiten Oscar-Rolle. Sie heiratete ein drittes Mal, diesmal wieder einen Schweden, spielte Theater, hatte noch ein paar späte Kinohits ("Mord im Orient-Express", "Herbstsonate"). 1981 stand sie ein letztes Mal vor der Kamera, für die Fernsehserie "Golda Meir" über die israelische Ministerpräsidentin. Da litt sie schon lange an Krebs. 1982 starb sie - an ihrem 67. Geburtstag. Den Emmy für "Golda Meir" bekam sie posthum verliehen.

Jetzt holen Kinos und Museen ihre Filme wieder hervor. In New York zeigen die Brooklyn Academy of Music  und das Museum of Modern Art (MoMA)  sowohl ihre Hollywood-Hits wie auch die nachträglich geschätzten Italien-Werke. Ihre Töchter moderieren einige Screenings.

Rossellini hat sich unter anderem "Casablanca", "Sklavin des Herzens", "Stromboli" und "Herbstsonate" ausgesucht - ein Querschnitt durch die Spannbreite ihrer Mutter. "Ich wünschte, sie hätte länger gelebt, um noch meine Kinder zu sehen", sagt sie leise. "Ich vermisse sie sehr."

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